Stendhal hat die sein Publikum schon immer in Verächter und Bewunderer gespalten. Sicher gibt es viel, was man gegen seine Figuren und seinen Stil einwenden kann. Doch was ihm seinen Platz in der Weltliteratur sichert, ist seine Unverwechselbarkeit. Die Charaktere und Situationen des Stendhalschen Kosmos sind völlig einzigartig in der Literaturgeschichte und, natürlich, wesentlich autobiographisch geprägt.
Das mit Abstand faszinierenste an diesem Buch ist für mich die Beziehung zwischen Julien und Mathilde, die irgendwie seltsam ist, doch gerade deswegen ungeheuer interessant und originell.
Denn diese Liebe hat nichts mit Verliebtheit und sexuellem Begehren zu tun, meine stille Vermutung ist sogar, dass beide in Wirklichkeit homosexuell sind. Doch gerade durch die Ausblendung dieser eigentlich essenziellen Aspekte der Liebe wird plötzlich der Blick frei auf andere Aspekte der Liebe, die sonst davon überlagert werden. Während es bei Julien in erster Linie um Eitelkeit und Macht geht und der sexuelle Akt in erster Linie ein Akt der Besitzergreifung ist, geht es bei Mathilde um ein romantisches Selbstbild, in das sie sich verliebt. Der dramatische Verlauf, den die Geschichte nimmt, ist im Grunde nicht die Zerstörung sondern die Erfüllung ihrer Träume.
Beide sind im Grunde monströse Egoisten, die auf einer verschlungenen Ebene zu einer Symbiose finden, die sie dann als Liebe bezeichnen. Die scheinbar hanebüchenen Wendungen der Geschichte, dass Julien zunächst versucht Madame de Renal zu töten, sich dann aber wieder in sie verliebt (was er halt so Liebe nennt), ist nur verständlich, wenn man diesen monströsen Egoismus begreift, dem im Grunde alle anderen Menschen nebensächlich sind, sobald die Selbstliebe und das Eigenbild erschüttert werden.
Übrigens sind die Parallelen zu Shakespeare, namentlich Hamlet, Othello und King Lear frappierend. Auch diese Charaktere opfern ohne zu Zögern alles, was ihnen einst lieb und teuer war, einer gekränkten Selbstliebe.