Wie viele unterschiedliche Tonträger haben die Leutchen von Eisregen - die Nebenprojekte mit eingerechnet - in den letzten fünf Jahren veröffentlicht? Es dürften um die zehn Stück sein, wenn ich mich nicht verzählt habe. Bei all der Schaffensfreude besteht ja eigentlich die Gefahr, das Material könnte unter der kurzen Reifungszeit leiden. Bei Rostrot ist das gottseidank keineswegs der Fall, Eisregen präsentieren sich frisch und im Vergleich zum Vorgängerwerk Schlangensonne wesentlich experimentierfreudiger, ohne dabei ihren Stil zu verlieren. Die Grenzen zwischen Klargesang und Roths typischem Gekeife verschwimmen auf Rostrot teilweise, was ich als angenehme Klangerweiterung empfinde. Passende elektronische Effekte finden über die Gesamtspielzeit verteilt häufiger ihren Weg in den Sound als zuvor und die schnellen Passagen klingen noch eine ganze Ecke heftiger als auf den letzten beiden Alben. Die Gestaltung des mir vorliegenden A5-Digis kann sich sehen lassen, auf Abdrucken der Texte wurde aber nachvollziehbarerweise vollständig verzichtet.
Am verständlichsten kann ich meine Sicht aufs Album wohl beschreiben, indem ich zu jedem Lied einen kleinen Kommentar mit MEINER PERSÖNLICHEN Meinung abgebe.
1. Erlösung (-/10)
Das Intro besteht aus einem bedächtig gesprochenen Text, der mit sanfter Klaviermusik begleitet wird. Gegen Ende wird's etwas aggressiver. Insgesamt ist "Erlösung" stimmungsvoll, aber unentbehrlich finde ich es zugegebenermaßen nicht.
2. Schakal - Ode an die Streubombe (7/10)
Das "Vietnamkriegslied" knüppelt sich ordentlich durch seine vier Minuten Spielzeit, wartet gerade zu Beginn mit ungewöhnlichen Keyboardklängen auf, lässt aber auf Dauer etwas an Abwechslung vermissen, deshalb halte ich es nur für gut und nicht überragend, was schade ist, denn der Anfang kommt jedes Mal richtig stark.
3. Madenreich (8/10)
Der "Gassenhauer" der Platte präsentiert ruhige Strophen und einen poppigen, mitsingbaren Refrain, der so schnell nicht aus dem Kopf geht. Ein bisschen härter hätte es vielleicht schon sein dürfen, aber alles in allem gefällt mir das Lied sehr gut, auch weil es sich so sehr von den anderen Stücken unterscheidet.
4. Ich sah den Teufel (8/10)
In gemäßigtem Tempo und unter vordergründigem Klaviereinsatz wird hier mit größtenteils klarem Gesang die Geschichte einer äußerst bedauernswerten Person erzählt. Leichte Marienbadeinflüsse lassen sich hier wie beim vorigen Titel finden und dennoch klingt der Song ebenfalls ganz klar nach Eisregen. "Ich sah den Teufel" benötigte ein mehrmaliges Durchhören, um bei mir zu zünden. Nachdem es das getan hat, stellt das Stück allerdings einen Höhepunkt für mich dar.
5. Blutvater (9/10)
Bei diesem Song wird wieder kräftig geknüppelt, wobei die ungewöhnliche Melodie und die sehr gut eingesetzten Töne aus der Tastenwelt hieraus ein weiteres Highlight machen.
6. Bewegliche Ziele (6/10)
...ist für mich klar der schlechteste Song des Albums. In mittlerer Geschwindigkeit grunzt uns Roth eine zweifelsfrei "schöne" Geschichte vor, die Musik blubbert aber nur belanglos vor sich hin. Wäre da nicht das sehr gelungene dramatische Ende, müsste ich noch weniger Punkte geben.
7. Kathi das Kuchenschwein (7/10)
Wie es der Titel schon vermuten lässt, wird in diesem Lied vor allem die humorvolle Seite der Band gezeigt. Musikalisch wird der Text durch relativ weiche Töne begleitet, ohne dabei aber langweilig oder "schlagerartig'" zu werden. Am ehesten kann man den Song meines Erachtens mit "Kai aus der Kiste" und "Das Allerschlimmste" vom letzten Album vergleichen, zumindest von der Wirkung her.
8. Wechselbalg (7/10)
...prügelt sich mal wieder durch und zeigt dabei an manchen Stellen klare Verwandtschaft zum "Schakal". Gutes Lied, mehr aber nicht.
9. Fahles Ross (7/10)
Der neunte Track ist zwar ruhiger als der vorige, hat aber ähnliche Probleme. Schnelle und langsame Passagen wechseln sich ab, doch das meiste klingt, als hätte man es schon mal gehört.
10. Rostrot (9/10)
Das Titelstück beginnt ruhig mit Akustikgitarre und steigert sich langsam zur Hymne. Höhepunkt ist der eingängige und dennoch ziemlich harte Refrain. Für mich ist das Lied auf jeden Fall eines der besten auf dem Album und eigentlich der perfekte Schlusspunkt. Leider kommt es aber auch nicht an die ganz großen Songs der Bandhistorie an.
(11. Madenreich-Remix (6/10)
Der Bonus des A5-Digis unterscheidet sich von der normalen Version vor allem durch den Gesang, der beim Remix insgesamt harscher ausfällt. Welche Version man bevorzugt, ist sicherlich Geschmackssache. Mir sagt das reguläre Madenreich mehr zu. Zumindest lohnt sich der Kauf der A5-Version nur wegen dieses Liedes meiner Ansicht nach nicht.)
Letztlich gefällt mir Rostrot etwas besser als Schlangensonne und ist ein wirklich gutes Album geworden, das durch seine große Abwechslung punkten kann. Ein richtiger Übersong fehlt meines Erachtens aber. Fans, die sich mit den letzten Alben anfreunden konnten, werden auch mit diesem Werk zufrieden sein, wer nur den Koloniezeiten hinterhertrauert oder Eisregen noch nie leiden konnte, wird mit Rostrot nichts anfangen können.