Pressestimmen
»Es war das amerikanische Romandebüt des vergangenen Jahres ... Meyer erzählt in einer kargen, knappen Sprache, die nach wenigen Seiten einen eigenwilligen Sog entwickelt ... "Rost" handelt von Freundschaft, Mut und Moral - und genauso von Feigheit, Hoffnungslosigkeit und Fatalismus. Ein ernstes Buch mit ernsten Protagonisten und ebensolchen Problemen. Aus Stahl wird Rost, aus Finanzblase Weltwirtschaftskrise, ein passender Roman für unsere Zeit.« --Johanna Adorján, Frankfurter Allgemeine Sonntagseitung, 22.08.2010
»ein beeindruckendes literarisches Road Movie im Sinne von J.D. Salinger oder Jack Kerouac. Ein hochaktuelles amerikanisches Sittengemälde. « --Madame, 07/2010
»Der Autor ist für "Rost" hochgelobt worden, man vergleicht ihn mit Cormac McCarthy und Salinger. Wer zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise ein Werk wie "Rost" zu Papier bringt, wer Persönliches und Gesellschaftliches spiegelt: Der hat tatsächlich ein gutes Buch geschrieben. « --Thomas Andre, Hamburger Abendblatt, 24.08.2010
»Doch Meyer ist kein Erfüller von Erwartungshaltungen. Er ist ein Meister der brodelnden Melancholie. Kein Wunder, dass er für sein literarisches Debüt mit Größen wie Hemingway, Steinbeck oder McCarthy verglichen wird; denn deine Sprache ist nicht die der "wilden Jungen", sondern von wuchtiger, oft ausufernder Poesie.« --Caro Wiesauer, Kurier Wien, 21.08.2010
Kurzbeschreibung
Klappentext
Ein Debüt voll existenzieller Wucht und unerwarteter Schönheit. Und ein Buch über die lebensrettende Kraft der Freundschaft.
- Los Angeles Times: Buch des Jahres - In den Bestenlisten von New York Times, Economist, Washington Post - Newsweek: in der Liste der besten Bücher aller Zeiten
Über den Autor
Anschließend war er u.a. als Börsenhändler und Bauarbeiter tätig. Seine Prosa ist in »McSweeney's«, »The Iowa Review«, »Salon.com« und »New Stories from the South« erschienen. Von 2005 bis 2008 war Meyer Fellow am Michener Center for Writers in Austin. Meyer lebt heute in Texas und New York.
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Søren Kierkegaard
»(...) was man in Plagen lernt, nämlich daß es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.«
Albert Camus
Erstes Buch
1.
Isaacs Mutter war fünf Jahre tot, aber er dachte ständig an sie. Er lebte alleine mit dem Alten, er war zwanzig, für sein Alter klein, man hielt ihn leicht für einen Jungen. Später Vormittag, flott ging er durch den Wald in Richtung Stadt - Gestalt mit Rucksack, klein und dünn, schwer drauf bedacht, unterm Radar zu fliegen. Er hatte viertausend Dollar aus dem Schreibtisch des Alten genommen; nein, gestohlen, korrigierte er sich. Ausbruch aus der Klapse. Wenn dich auch nur einer sieht, heißt's Silas lass die Hunde los .
Bald erreichte er den Aussichtspunkt: grüne wogende Hügel, ein schlammig sich schlängelnder Fluss und ausgedehnter Wald, den nur die Stadt zerriss, Buell mit seinem Stahlwerk. Dieses Werk, früher selbst wie ein Städtchen, war 1987 geschlossen, zehn Jahre später dann teilweise abgerissen worden; jetzt stand's da wie ein antikes Ruinenfeld, die Bauten überwuchert von Baumwürger, Knöterich und Götterbaum. Spuren von Hirsch und Kojote liefen im Zickzack über den Boden; nur manchmal traf man auf menschliche Hausbesetzer.
Trotzdem, eine hübsche Stadt: Fein säuberliche Reihen weißer Häuser schmiegten sich um ihren Hügel, dazu Kirchtürme und Kopfsteinpflaster und die hohen Silberkuppeln einer orthodoxen Kathedrale. Ein Ort, dem es noch vor kurzem gutgegangen war, die Innenstadt voller historischer Häuser aus Stein, inzwischen meist mit Brettern vernagelt. In einigen Vierteln tat man noch so, als würde der Müll weiter abgeholt, anderswo hatte man damit längst aufgehört. Buell in Fayette County, Pennsylvania. Auch Fayette-nam genannt.
Isaac lief übers Bahngleis, damit ihn keiner sah, dabei war eh kaum einer draußen. Er erinnerte sich noch an die Straßen, wenn Schichtwechsel war, wie der Verkehr stoppte und eine Flut Arbeiter aus dem Knüppelwalzwerk quoll, voll Stahlstaub, blinzelnd in der Sonne; wie sein Vater, groß und schimmernd, nach ihm griff, ihn hochhob. Vor dem Unfall war das. Ehe er zu dem Alten wurde.
Sechzig Kilometer waren es bis Pittsburgh, und am besten blieb er auf den Gleisen, immer schön am Fluss entlang - auf einen Kohlenzug ist leicht gesprungen und dann weiter mitgefahren, bis wohin du willst. Er musste erst die Stadt erreichen und dann einen Zug nach Kalifornien entern. So war es geplant, seit einem Monat. Überfällig. Glaubst du, Poe kommt mit? Wohl kaum.
Auf dem Fluss kamen Lastkähne und ein Schlepper vorbei, die Motoren dröhnten. Schubverbund mit Kohle. Als das Schiff weg war, wurde es still, das Wasser strömte langsam, schlammig, der Wald reichte bis zum Rand, das hätte überall sein können, Amazonas, wie ein Foto aus National Geographic . In den Untiefen hüpfte ein blauer Sonnenbarsch - sollte man besser nicht essen, den Fisch, tat aber jeder. Quecksilber und PCB . Er wusste nicht mehr, wofür die Abkürzung stand, Gift jedenfalls.
In der Schulzeit hatte er Poe Mathe-Nachhilfe gegeben, doch er wusste bis heute nicht, warum Poe sein Freund war - Isaac English und seine ältere Schwester waren die zwei klügsten Kinder der Stadt, wohl des ganzen Tales; seine Schwester war nach Yale gegangen. Eine ansteigende Flut, so hatte Isaac gehofft, die ihn womöglich mit nach oben zog. Die meiste Zeit hatte er zu der Schwester aufgeschaut, aber ihr Platz war jetzt woanders, in Connecticut bei einem Ehemann, den Isaac genauso wenig kannte wie sein Vater. Du kommst gut allein klar, dachte er. Der Kleine muss aufpassen, dass er nicht verbittert. Bald wird er in Kalifornien sein - die milden Winter und die Wärme einer eigenen Wüste. Ein Jahr, um die Ansässigkeit zu bekommen und sich an der Uni zu bewerben: Astrophysik. Das Lawrence Livermore . Das Keck-Observatorium, das Very-Large-Array-Teleskop. Mann, wie du dich anhörst - hat das überhaupt noch einen Sinn?
Außerhalb der Stadt wurde es wieder ländlich, er beschloss, nicht auf der Straße, sondern auf den Pfaden zu Poe zu gehen, und kletterte stetig bergan. Er kannte den Wald so gut wie ein alter Wilderer, er führte Kladden mit Zeichnungen von Vögeln und von anderen Tieren, aber vor allem von Vögeln. Diese Kladden waren schon die Hälfte seines Rucksackgewichts. Er war gerne draußen. Ob das daher kam, dass draußen keine Leute waren? Hoffentlich nicht. Es war gut, dass er hier aufgewachsen war, denn in der Stadt, na ja, sein Kopf war wie ein Zug ohne Geschwindigkeitsregler. Gib ihm ein Gleis und eine Richtung, denn sonst kracht es. Allzumenschlich, den Dingen Namen zu geben: Blutwurz Steinbrech Nachtschatten. Bitternuss und Zürgelbaum. Schuppenrinde, Sumpfeiche. Heuschrecke und Königsnuss. Genug, dass dein Kopf sich nicht langweilt.
Währenddessen, direkt über dir, ein dünner blauer Himmel, schau hindurch bis in das Weltall: in das letzte große Rätsel. Die Entfernung wie nach Pittsburgh - ein paar Kilometer Luft, dann 400 Grad minus, eine zarte Decke. Reines Glück. Du dürftest eigentlich gar nicht am Leben sein - denk drüber nach, Watson. Das kannst du öffentlich nicht sagen, sonst droht dir die Zwangsjacke.
Nur, irgendwann ist Schluss mit Glück - die Sonne wird zu einem roten Riesen und die Erde wird im Stück gebraten. Hat's gegeben, hat's genommen. Die gesamte Menschheit müsste umziehen, bevor es dazu kommt, nur Physiker könnten herausfinden wie, und sie wären diejenigen, die Leute retten würden. Klar, bis dahin wäre er längst tot. Zumindest hätte er dann seinen Beitrag geleistet. Totsein entbindet dich nicht der Verantwortung dem Leben gegenüber. Wenn er eines sicher wusste, dann war's das.
Poe wohnte am Ende einer Schotterstraße, und sein doppelbreiter Trailer thronte, so wie viele Häuser außerhalb der Stadt, auf einem großen Waldstück. Achtzig Morgen waren es in diesem Fall, das gab ein Pioniergefühl, als wäre man der letzte Mensch auf Erden und geschützt durch all die grünen Hügel und Senken.
Ein schlammbespritzter Allrader stand auf dem Vorplatz neben Poes altem Camaro mit Dreitausend-Dollar-Anstrich und zerschrotetem Getriebe. Blechhütten in unterschiedlichen Zerfallsstadien, eine mit dem Nummer-3-Dale-Earnhardt-Wimpel, und ein Holzpfosten zum Aufhängen von Wildbret. Poe saß auf der Hügelkuppe und betrachtete den Fluss aus seinem Klappstuhl. Wenn du's hinkriegst, deine Hypothek zu tilgen, hieß es immer, kannst du hier ein Leben führen wie bei Gott gleich hinterm Haus.
Die ganze Stadt erwartete, Poe ginge bald aufs College, um weiter Football zu spielen, zwar kein Kandidat für die zehn großen Sportunis, aber doch gut genug für irgendeine, bloß dass er zwei Jahre später immer noch hier hockte, in dem Trailer seiner Mutter wohnte und so aussah, als hätte er vor, Holz zu hacken. Nur diese Woche noch, oder die nächste. Ein Jahr älter als Isaac und den Gipfel seines Ruhms schon hinter sich, ein Dutzend leere Bierdosen zu seinen Füßen. Er war groß und breit, quadratschädelig, wog mit hundertzehn Kilo mehr als das Doppelte von Isaac. Als er ihn kommen sah, sagte Poe:
»Werden wir dich jetzt endgültig los?«
»Nur keinen Heulkrampf.« Er sah sich suchend um. »Und wo ist dein Gepäck?« Er war erleichtert, Poe zu sehen, eine Ablenkung von dem gestohlenen Geld in der Tasche.
Poe grinste und trank einen Schluck von seinem Bier. Er hatte tagelang nicht mehr geduscht - nachdem der Eisenwarenladen in der Stadt die Öffnungszeiten verkürzt hatte, war er entlassen worden, und seine Walmart-Bewerbung schob er vor sich her. [...]