Das vorliegende Album der französischen Sopranistin Patricia Petibon ist solide, aber nicht begeisternd. Zunächst das Repertoire: Gut die Hälfte der Platte - wie sollte es auch anders sein - ist Händel gewidmet, wobei viele der üblichen "Gassenhauer" aus "Alcina", "Rinaldo", "Guilio Cesare" und "Ariodante" eingespielt wurden. Diese sind eigentlich mehr oder weniger entbehrlich, liegen doch alle Arien in besseren oder zumindest gleichwertigen Einspielungen vor.
Interessanter sind da schon die Stücke von Sartorio, Porpora, Scarlatti, Stradella und Marcello, die zumindest teilweise eine Repertoirebereicherung darstellen. Um die Leistung der Primadonna zu bewerten, möchte ich exemplarisch zwei Arien herausgreifen. Zunächst einmal Vivaldis Bravourarie "Siam navi all'onde algenti" aus L'Olimpiade". Diese zeigt die Problematik von Petibons Stimmführung auf: Petibon hat Schwierigkeiten mit den schweren Läufen dieser Arie, sie verengt hier die Stimme und singt die gebundenen Koloraturen recht leise, um sie bewältigen zu können. Hinzu kommt, dass die Stimme nicht optimal moduliert ist, was sich in einigen gequetschten Tönen im oberen Register erkennen lässt. Petibon versucht diese Defizite durch Staccati in den Dacapo-Teilen - durchaus effektvoll - zu kaschieren. Insgesamt kann sie aber technisch nicht mit Simone Kermes mithalten, welche die Arie - ebenfalls unter Marcon - eingespielt hat. Gelungen hingegen ist Petibons Einsatz der Bruststimme: Sie geht in der Auszierung der Schlusskadenz wirklich sehr weit runter (ähnlich übrigens wie Cangemi oder Kermes). Allerdings ist zu befürchten, dass diese Töne ebenso wie die Koloraturen bei einem Live-Auftritt kaum hörbar sein dürften, denn Petibon wird hier sehr weit ans Mikro gerückt.
Logische Konsequenz: Auf dem Album sind nur drei Bravourarien enthalten, der Rest besteht aus überwiegend ruhigeren Stücken. Und hier liegt eher die Stärke von Petibon. Sie hat eine schöne, klare Stimme und kann recht überzeugend die Emotionen der Figuren darstellen. Insbesondere das Lamento liegt ihr. Exemplarisch ist hier die frühbarocke Marcellos Arie "Come mai puoi" aus "Arianna" nennen: Hier klagt Petibon über den Verlust von Theseus, dass einem die Tränen kommen.
Das beste ist aber das Cover, welches typisch für das heutige Marketing der großen Labels ist. Hier wird weniger auf offenen Sex a la Netrebko/Garanca/de Niese gesetzt, sondern eher auf eine intellektuell-sinnliche Erotik, die sich an eine alternativ angehauchte Zielgruppe von Susan-Sarandon-Fans zu richten scheint. Soll durch das Cover vielleicht die Booklet postulierte Symbiose zwischen Sangeskunst und Schauspielerei unterstrichen werden?
Fazit: Alles in allem kein herausragendes Album. Ich empfehle ausgewählte Stücke (s.o.) herunterzuladen, die ganze Platte lohnt die Anschaffung jedenfalls nicht.