In "Rossini" spielt sich die Unterhaltungs-kulturschaffende Schickeria der Republik mal selbst. So, wie sie ist - gierig, dekadent, moralfrei und geil. Not und Pein für treue Seelen - köstliche Unterhaltung für härter gesottene, aufgeschlossene Genießer.
Im wahren Leben zauderte und zockte der zickige Autor Patrick Süskind bei der Vergabe der Filmrechte für seinen Erfolgsroman "Das Parfum" tatsächlich lange Zeit herum. Davon inspiriert haben Helmut Dietl und Süskind das Drehbuch zu Rossini geschrieben. Nur dreht es sich nicht um verführerische Parfums, sondern um die blondest gelockte, pralle Loreley, gespielt von Dietls damaliger Muse Veronica Ferres (32).
Man spielt sich also mehr oder weniger selbst: Der Erfolgsroman "Loreley" soll verfilmt werden, solange er noch heiß ist. Die Bänker drängen - der Regisseur soll dem Autor endlich die Unterschrift abluchsen. Der kommt erst nicht, dann vermutlich doch: er wird nämlich von der Hoger vergewaltigt, liebt aber die gekonnt schüchterne Serafina (Martina Gedeck, 37). Die mannstolle Valerie (Gudrun Landgrebe, 47) veranstaltet ein Blutbad. Die Ferres schläft sich klassisch in Richtung Hauptrolle "Loreley" hoch. Dies alles und noch viel mehr spielt sich bei den abendlichen Treffen der Schickeria im "Rossini" ab...
Sind wir in die Wirren eines Lust- oder eines Albtraums geraten? Man hätte den Film auch "Sommernachtstrauma" nennen können; Langeweile jedenfalls kommt während der wahrhaft abgedrehten 114 Minuten keine Sekunde auf.
Viele erinnern sich vielleicht an die Schickeria-TV-Serien "Monaco Franze - Der ewige Stenz" von 1983 oder an "Kir Royal" von 1986? Damals hat der junge Dietl noch geübt, durchlebte gerade seine Sturm-und-Drang-Phase. Im blauweißen "Rossini" liefert er 1997 mit der Prominenz des deutschen Films sein klassisches Meisterstück ab.
Den Autor gibt herrlich schüchtern und spröde Joachim Krol, Götz George mimt den Regisseur. Heiner Lauterbach spielt den Produzenten (i. w. L. Bernd Eichinger) und Jan Josef Liefers den Dichter (i. w. L. Wolf Wondratschek) - beide lassen sich lustvoll von der depressiven Gudrun Landgrebe bespielen. Dietls Veronica Ferres gibt das karrieregeile und jede Robe mehr als ausfüllende Starlet, welches für die Rolle der "Loreley" alles mit Liebe zu leisten bereit ist. Das "Rossini" selbst wurde dem Schwabinger Lokal "Romagna Antica" nachempfunden, in welchem in den 1980ern - man möge bitte dreimal raten - Dietl und Eichinger Stammgäste waren.
Wem das noch nicht schrill genug ist, der wird von Hannelore Hoger, einer not- und kaloriengeilen Klatschreporterin, und ihrem "männlichen" Gegenstück, Mario Adorf, dem schwitzenden, seidenbetuchten Chef des Rossini, geholfen. Armin Rodes Promiarzt-Trauerrolle bleibt genauso unvergesslich wie Egar Selges ängstlich-geldgeiler Bänker.
Man kommt uns also schon mehr als nur bunt, auch wenn das "Rossini" streckenweise in dezent blauweißes "bayerisches" Licht getaucht wird.
Dennoch geschieht das Wunder: nach wenigen Minuten nimmt man der ganzen Mischpoke jeden Schlamassel ab - so großartig engagiert und spielfreudig überzeugen die versammelten deutschen Promi-Schauspieler in ihrer Szenen-Selbstdarstellung.
Mal tragisch, mal komisch, aber immer ernst und geschmackssicher, inszenierte Dietl einen faszinierenden Reigen der Münchner Filmszene mit all ihrem Glanz und Elend. Was den Film zudem heraushebt, ist die liebevolle und aufwändige Umsetzung. Kamera, Licht, Farbgebung, Dekorationen, Kostüme und Szenerien setzen Maßstäbe: Aus dem von den vorzüglichen Schauspielern lebenden meisterhaften Kammerspiel wurde so großes, zu Recht mit unzähligen Preisen ausgezeichnetes Kino.
"Rossini" ist ohne jeden Zweifel ein Meisterwerk, dessen Bilder im Gedächtnis haften bleiben.
Im Original 114 Minuten, Format 2.35:1 auf 35 mm Film, DD (Quelle: IMDB)
film-jury 5* A0136 5.2.2011e 12A 1E Genre: Komödie
Anmerkung: Die Zeile "Die mörderische Frage, wer mit wem schlief" ist dem Untertitel des Gedichts "Carmen" von Wolf Wondratschek entnommen...