Rossinis 1818 für das Teatro San Carlo in Neapel komponierte und 1819 am selben Hause neu inszenierte Oper - oder besser "Azione tragica-sacra" - "Mosè in Egitto" stand in der Musikwissenschaft lange Zeit hinter der für Paris umstrukturierten Fassung "Moise et Pharaon" zurück, doch die kritische Editions- und Wiederentdeckungstätigkeit der 1980er-Jahre hat diesen Mißstand behoben. Das Resultat: Eine Oper aus Rossinis neapolitanischer Blütezeit, die ursprünglich für ein Ensemble der besten Sänger Italiens geschrieben wurde. Die klingenden Namen der Uraufführung waren die Sopranistin Isabella Colbran, der Tenor Andrea Nozzari und der Bass Michele Benedetti.
Die musikalische Struktur des Werkes ist im wahrsten Sinne des Wortes fortschrittlich und stellt eine konsequente Weiterentwicklung der von Rossini bereits in "Otello", "Elisabetta" und "Armida" eingesetzten kompositorischen Mittel dar. Die großen Ensemble- und Chorszenen sowie die eindrucksvollen Gebetspassagen werden dem Anspruch der Azione tragica-sacra umfassend gerecht; die Wirkung dieser überaus suggestiven und dramatischen Musik auf Komponisten wie Donizetti und Pacini kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Die vorliegende Aufnahme stützt sich auf die kritische Edition der Fassung von 1819. Mit Claudio Scimone dirigiert ein ausgewiesener Rossini-Spezialist, das Philharmonia Orchestra fungiert als solider, wenn auch bisweilen ein wenig träger Klangkörper. Unter den Solisten ragt Ruggero Raimondi in der Titelrolle hervor. Sein kerniger, charakteristisch gefärbter und stets agiler Baß gibt dem biblischen Propheten ein unverwechselbares Gesicht. Den Vergleich mit Raimondi kann sein Antagonist, der als Pharao besetzte Siegmund Nimsgern, nicht ganz bestehen, obwohl auch er eine gelungene Leistung abliefert. Die ursprünglich von der Colbran verkörperte, koloraturreiche, aber auch dramatisch anspruchsvolle Sopranpartie der Elcia ist mit June Anderson ausgezeichnet besetzt. Für die Tenorrolle des Osiride hingegen war der heutige Flórez-Lehrer und Manager Ernesto Palacio mit seiner zwar in den lyrischen Passagen ansprechenden, in den Höhen jedoch allzu oft gequetscht klingenden Stimmführung nur unzureichend geeignet. Hier hätte es eines Sängers bedurft, der die für den außergewöhnlichen Stimmumfang Andrea Nozzaris geschriebene Musik besser abzudecken in der Lage gewesen wäre (wie etwa zum Zeitpunkt der Aufnahme, 1981, Rockwell Blake und Chris Merritt oder später Francisco Araiza, Bruce Ford und Gregory Kunde). Die kleineren Rollen der Amaltea und des Aronne sind mit Zehava Gal und dem Rossini-Spezialisten Salvatore Fisichella wiederum sehr gut besetzt.
Alles in allem wird diese Aufnahme vor allem aufgrund der Leistung von Ruggero Raimondi und des klugen Dirigates von Claudio Scimone wohl stets eine echte Referenzaufnahme einer der interessantesten Rossini-Opern bleiben.