Es ist schon etwas kurios, was der Deutschen Grammophon eingefallen ist, um neue, noch nicht aufgenommene Rollen für Plácido Domingo zu finden. Hier also Rossinis Figaro, wohl gemerkt eine Bariton-Partie! Domingo meistert diesen Ausflug gar nicht schlecht, dennoch gibt es bessere Figaro-Sänger und natürlich auch stärkere Rollen von Domingo. Was mich an dieser Aufnahme am meisten überrascht hat ist die Inkonsequenz von Claudio Abbado gegenüber sich selbst. In seiner herrlichen Aufnahme von 1972 (Berganza, Prey, Alva, Dara) hieß das Credo noch "Werkstreue", dort strich er den Sängern sogar den Großteil der sonst üblichen Verzierungen und Kadenzen. Jetzt singt ein Tenor den Figaro, ein Sopran (kein Mezzo) die Rosina und Verzierungen gibt es reichlich, für mich eine 180-Grad-Drehung. Entstanden ist so zwar keine schlechte, aber eben auch keine herausragende Einspielung dieses Rossini-Juwels. Dies gilt explizit auch für das Sängerensemble Lopardo, Battle (Ich bevorzuge allerdings Mezzos in dieser Rolle) und Raimondi - gut, aber auch nicht mehr. Einzig Lucio Gallo als Dr. Bartolo hat mich positiv überrascht, er erreicht hier dasselbe Niveau wie sonst nur Enzo Dara, der meiner Meinung nach völlig zu Recht als DER Vertreter für Buffo-Bässe in Rossini-Opern gilt. Insgesamt bevorzuge ich weiter Abbados ältere Aufnahme des Barbiers.