Was erwartet man, wenn eine Band wie die Cranberries sich zusammen rauft und nach jahrelanger Abstinenz eine Wiedervereinigung feiert und ein entsprechendes Studio-Album auf den Markt wirft? Nicht mehr und nicht weniger als etwas Großes".
Da liegt vermutlich auch das größte Problem der Iren. Wie soll man das Erreichte toppen, wie soll man nochmal so eine geballte Ladung überragender Songs komponieren? Und will man dies überhaupt?
Nach einigen Durchgängen von Roses" bin ich etwas zwiegespalten, tendenziell aber enttäuscht.
Die ersten drei Nummern kann man getrost als oben genannte Kaffeehaus-Musik" zusammenfassen. Sie klingen im wesentlichen gleich, Songs ohne Ecken und Kanten und ohne Wiedererkennungswert. Dolores Stimme ist viel zu leise und es fehlt an Ausdruck und Kraft. Vieles wirkt nur gehaucht" und eine volle, voluminöse Stimme sucht man vergebens. Insgesamt zu weichgespült und zu 08/15.
Im Laufe des Albums kommt dann doch langsam so etwas wie Cranberries-Feeling auf. Die Refrains werden intensiver, die Stimme voller und die Beats etwas wuchtiger und schneller. Nicht so, wie in alten Zeiten" aber immerhin. So in etwa, hat man sich das vorgestellt. Dabei bleibt es aber leider auch. Vieles ist im Ansatz nicht schlecht, aber irgendwie nicht rund und unvollendet.
Die Frage ist, wie oben angedeutet, ob die Jungs und Dolores wirklich da weiter machen wollten, wo sie einst aufgehört haben. Wo sie sich mit Songs für die Ewigkeit einen unsterblichen Namen gemacht haben. Wollten sie den Zorn von Zombie", die Power von Salvation", die musikalische Anarchie von Ridiculous Thoughts" und das Gespür und die Emotion von Dreams" oder Linger" und die Musik gewordene Lebenslust von Just my Imagination" überhaupt wiederholen? Wollten sie Dolores überragende und einzigartige Stimme weiter so inszenieren wie bisher oder sollte der Fokus mehr auf dem gesamten musikalischen Schaffen beruhen?
Oder wollten sie die Erfahrungen und Ideen, die sie in all der mehr oder weniger musikfreien Zeit gesammelt haben auf Band bringen oder einfach auch mal neue Wege gehen?
Man muss Menschen und insbesondere Musikern zugestehen, dass sie sich im Lauf einer Dekade verändern. Die Cranberries haben dies in musikalischer Hinsicht definitv getan - nimmt man das vorliegende Werk als Maßstab. Das ist neu, das ist mutig und das ist anders. Ist es deswegen schlecht?
Hier schließt sich der Kreis mit der anfangs erwähnten Erwartungshaltung. Erwartete man eben vor allem temporeiche Songs a la Salvation" - wo ich mich durchaus dazuzähle - , hat man das Album vergebens gekauft. Geht man unvoreingenommen an die Sache ran, bekommt man ein musikalisch erwachsenes Album, was durch solide vorgetragene Songs überzeugt aber leider auch wenig Wiedererkennungspotential besitzt.
Für manche Bands wäre es ein überdurchschnittlich gutes Album. Für die Cranberries ist es meiner Meinung nach leider etwas zu wenig.