James Patterson hat es mal wieder geschafft. Innerhalb nur weniger Tage habe ich "Roses are red" komplett durchgelesen und einmal mehr bin ich schwer beeindruckt von der enormen Spannung, die er fähig ist zu erzeugen, von seinen hervorragenden Charakteren und dem Schreibstil, der einen gerade dazu zwingt, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen und eins der sehr kurzen Kapitel nach dem anderen zu lesen. Nach "Pop goes the Weasel" setzt der Autor die Geschichte um den Washington DC-Detective Alex Cross konsequent fort und bringt neuen Schwung in die Serie.
Zur Story: Einmal mehr wird Alex Cross mit dem brilliantesten Killer konfrontiert, dem er sich in seiner Karriere stellen musste: dem Mastermind! Dieser inszeniert durch ausgewählte Mittelsmänner eine Serie äußerst brutaler Banküberfälle, bei denen zunächst die Familien der Bankangestellten entführt werden, um die Angestellten zur Kooperation zu bringen. Sollte der Plan des Masterminds nicht auf die Sekunde genau ausgeführt werden, droht die Hinrichtung der Familienmitglieder, wobei sein Plan manchmal jedoch so ausgelegtist, dass die Angestellten seine Forderungen gar nicht erfüllen können. Blutige Morde an Familien häufen sich und so zieht Kyle Craig vom FBI wieder einmal Alex Cross zu Rate, um das tödliche Superhirn zu stoppen. Unterstützt von der FBI-Agentin Betsey Cavalliere nimmt Cross die Jagd auf, muss jedoch bald feststellen, dass dem mysteriösen Mastermind nicht so leicht beizukomen ist und dieser auf einen letzten, großen Plan hinarbeitet... Zusätzlich erschweren private Probleme Alex' Arbeit. Bei seiner Tochte Jannie wird ein Hirntumor entdeckt und seine angebetete Christine droht ihn nach den traumatischen Erlebnissen aus "Pop goes the Weasel" zu verlassen. Und während Alex' Welt allmählich um ihn herum zusammenbricht, beginnt auch der Mastermind ein gewisses Interesse für ihn zu entwickeln...
Immer wenn man sich fragt: Was kann Patterson nach inzwischen fünf Psycho-Thrillern noch an Neuem liefern, (die Frage war berechtigt, nachdem "Pop goes the Weasel" in vielen Teilen ein Neuaufguss von "Along came a spider" war) überrascht er mit neunen, spannenden Geschichten voller unerwarteter Wendungen. Konstant hingegen bleibt die durchweg gut geschriebene Figur des Alex Cross, den man einfach nur mögen muss. Mit jedem Buch gewinnt sein Charakter an neuer Tiefe und ein solches Facettenreichtum bei einer Figur kommt selten vor. Er ist einfach eine Figur, in die man sich gut hineinversetzen kann, mit Ängsten, Zweifeln und dem nötigen Maß an Menschlichkeit. Nachdem in den vergangenen Bänden die Hauptkonflikte immer in seiner Arbeit lagen, wird nun auch Alex' Familie, die sonst immer für seelischen Rückhalt zuständig war, von Krisen erschüttert. Und während Jannies Hirntumor zwar sehr zu Alex' positiver Charakerentwicklung beiträgt aber zugegebenermaßen eher wie ein Lückenfüller wirkt, ist die drohende Trennung von Christine nur eine logische Konsequenz aus den vergangenen Bänden, für deren Umsetzung ich Patterson sehr dankbar bin (denn nachdem in kürzester Zeit der Ehemann erschossen, der neue Freund halb totgeprügelt und man selbst ein Jahr lang von einem irren Serienmörder als Geisel gehalten wird, wäre es nur absolut lachhaft gewesen, hätte Patterson Christine weiterhin glücklich verliebt an Alexs Seite verharren lassen). Auch der Konflikt zwischen Arbeit und Privatleben, der schon immer ein Teil von Alex' Persönlichkeit war, wird souverän fortgesetzt. Diese Krise des Privatlebens ist eine willkommene Abwechslung, dient aber wohl auch dazu, den diesmal nicht ganz so umfangreichen Haupthandlungsstrang um die Jagd nach dem Mastermind etwas aufzufüllen.
Dass es diesmal um Morde im Zuge von Banküberfällen geht und nicht einfach um die willkürlichen Tötungen psychisch labiler Irrer, ist eine weitere Neuerung innerhalb der Serie, die mir positiv auffiel. Mit dem Mastermind gibt Patterson uns ebenfalls eine neue Art des Bsewichts, der nur selten aktiv handelt, sondern sich meist auf die Planung beschränkt und diese Pläne von einigen niederen Kriminellen ausführen lässt. Kalt, rational, brilliant und dabei stellenweise doch so psychotisch, wie man es von Pattersons Bösewichten gewohnt ist. Dabei muss ich gestehen, dass ich im Verlauf des Buches immer mehr die Achtung vor dem Mastermind verlor... Am Ende wurde ich jedoch voll und ganz entschädigt und der letzte Satz des Buches ist ein solche enorme Überrschung, dass ich trotz der späten Stunde lötzlich hellwach war. WOW! Was für ein Ende! Und damit ein dringender Rat an alle, die dieses Buch noch lesen wollen: Tut euch den Gefallen und SCHAUT NICHT VORHER AUF DIE LETZTE SEITE! Denn damit nehmt ihr euch den wohl größten Cliffhanger der Serie.
Was das Buch außerdem so interessant macht, ist, dass man Einblicke in tatsächliche Polizeiarbeit bekommt. In wie vielen Thrillern dieser Art stoßen die Ermittler auf irgendwelche absurden Spuren, entwickeln wilde Verschwörungstheorien, die sich dann tatsächlich als wahr herausstellen. Anders in der Alex Cross-Serie. Die Polizei und das FBI ermittelt realistisch und gelangt über eingehendes und mehrfaches Studium der Akten sowie Zeugen zum Ziel. Wem das zu langweilig ist,möge sich ein anderes Buch zu Gemüte ziehen, ich hingegen habe gegen Realismus in einem realistischen Thriller nichts einzuwenden.
Alles in allem wieder einmal ein sehr guter Roman von Patterson, der wohl in direktem Sinnzusammenhang mit dem Nachfolger "Violets are blue" steht, auf den ich bereits mehr als nur gespannt bin. Die Handlung des vorliegenden Romans ist daher allerdings nicht ganz so umfangreich, wie man es von den Vorgängern gewohnt ist, daher ziehe ich einen Stern in meiner Wertung ab. Der Mastermind hat als Gegenspieler enormes Potential und außerdem lässt Patterson den Leser geschickt in Erinnerung behalten, dass auch aus "Pop goes the Weasel" noch ein irrer Serienmörder übrig ist, den er jederzeit wieder aus dem Hut zaubern kann. Ich sehe der Zukunft der Alex Cross-Serie und speziell "Violets are Blue" freudig entgegen.
4 von 5 Taschen voll Geld