Hardcore will never die, but you will. Dachte ich, als ich die Rezension meines Vorredners dreimal (sic) las. Diese von ihm bekrittelte CD ist definitiv nicht entbehrlich und das hat verschiedene Gründe.
Erinnern wir kurz an den genialen Sergiu Celibidache, der sagte: "Musik ist nicht schön, sondern wahr. Die Schönheit ist nur der Köder". An Wahrem, Schönen, Guten auf Tonträger mangelt es gewiss nicht in millionenfachen Privat- und Rundfunkarchiven. Jedoch aus Totenschreinen dröhnt - auch - vernehmbar der Klageruf der vielen ungestorbenen Herren Waldemar. Die Tonträgerindustrie hat nahezu alles hypnotisiert und dabei tatsächlich manch Entbehrliches am Sterben gehindert. Alles muss weiterleben, und was schon friedlich ruht, wird ausgegraben, zumeist von kundiger Hand. Doch die Abflüsse sind verstopft von auf ewig bejubelten Leichnamen - es sind immer die gleichen, wieder und wieder zugerichtet und uns aufgedrängt. Wo aber nichts abfließt und übergeht, bleibt Energie gebunden. Unsere musikalische Gegenwart leidet an zu viel Vergegenwärtigung - des Alten nämlich. Hier wäre durchaus rüde Sorglosigkeit wünschenswert: auch einmal etwas vergessen zu können, oder (natürlich sinnfälliger und klüger) ein entspannter Umgang mit Wissen. Durchaus das Alte zu kennen, zu würdigen, nicht aber gebannt darauf zu starren und dabei das Neue, Andere, Eigene zu verlernen. Gerade dem Bayerischen Rundfunk als gewichtigem Teil der Medien sind neue Aufgaben auf eigenem Label für diese Interpretationen zugewachsen, das so den Transport und die Durchlässe für Neues bemüht und damit Grenzwände und Verstopfungen verhindert.
Geboten wird ein ideologisch wertfreier Richard Strauss in absolut musikalischer Lesart, die eine hervorragende künstlerische Leistung dreier Livemitschnitte zusammenfasst. Gerade weil es von der nicht selten geschmähten "Rosenkavalier-Suite", ein von Strauss zwar autorisiertes, aber im Urteil nicht weniger als uninspiriert zusammengeschustertes Machwerk gilt, eine Reihe von Alternativen gibt, hat man sich deren Herausgabe auf Tonträger sicher gut überlegt. Transparenz, Farbigkeit und Klangbild übertreffen - ein hoher Verdienst von Tonmeister und Toningenieur - selbst die Einspielung mit Christian Thielemann und den Wiener Philharmonikern. Klangfarben dominieren und eine fast gläserne (aber warme) Klarheit erfüllt die Gestaltung. Akkorde und rhythmische Figuren erscheinen als bedrohliche Gegenwelten. Das Orchester kling stets transparent und bei aller klanglichen Opulenz kammermusikalisch flexibel. Jansons zeigt, wie weit sich Strauss damit von Wagner entfernt hat. Im Vergleich dazu nimmt sich Lorin Maazels Aufnahme mit dem gleichen Orchester aus den 1990er Jahren wahrlich uninspiriert und angestrengt aus. "What a difference a day makes" gilt vor allem auch in der (Tonträger)Welt von Richard Strauss, den zum angestrengten Leidwesen aller politisch bemüht Korrekten in unserem Land auf ewig umstrittenen Komponisten und Musikologen.
Mariss Jansons stürzt sich bei "Till Eulenspiegels lustige Streiche" nicht nur auf das zirzensische Inventar der Partitur, sondern holt mittels eines exzellent breiten Farbspektrums zum großen Rundumschlag gegen das Spießertum, Gelehrtenattitüde und keifende Marktweiber aus. Hörner und Schlagwerk, die bei manchen Aufnahmen in typischer Rausschmeißermanier lärmend der gut erreichten Ausgeglichenheit noch den entscheidenden schmerzhaften Tritt versetzen, bleiben bei Jansons aus. Denn Till Eulenspiegel ist nur äußerlich ein Narr, tatsächlich aber ist er seinen Mitmenschen an Geisteskraft, Durchblick und Witz überlegen. Seine schmachtende Liebesseufzer gewinnen in Jansons Darstellung nachgerade szenische Präsenz, vom Orchester auf das Innigste zärtlich umgesetzt -: Wohlklang pur und ein Auskosten jedes idyllischen und turbulenten Moments, bis er am Galgen seine herrliche Seele aushaucht, kennzeichnen diese Aufnahme.
Anja Harteros und die "Vier letzten Lieder" sind mit dem Leben der Künstlerin schon eine symbiotische Einheit geworden, die sie innig und ergreifend zu vermitteln weiß. Trotz den Unwägbarkeiten eines Konzertmitschnitts verschmelzen Stimme und Orchester zu einem Ganzen. Auf der Werkliste von Richard Strauss bescheren diese von Todessehnsucht durchtränkten Gesänge einen der absoluten Höhepunkte seiner Rezeptionsgeschichte. Das hohe Einfühlungsvermögen der Sängerin in die jeweiligen Stimmungsgehalte und Textbezogenheit nimmt sehr für sich ein. Die Orchesterbegleitung ist warm, dezent, in sich geschlossen und dem Ernst der Musik vollkommen angemessen.