Ich liebe den ollen Fernau! Wie er mit geschliffenem Deutsch in "Rosen für Apoll" die griechische Geschichte vom Trojanischen Krieg bis zu Alexander dem Großen abhandelt, das macht ihm so schnell keiner nach. Und er liebt die alten Griechen, das merkt man in jeder Zeile. Er liebt sie so, wie man einen charmanten Lausbuben ins Herz schließt oder einen renitenten Rauhhaardackel -- wenn der vielleicht etwas despektierlich klingende Vergleich gestattet ist. Er ist nämlich nicht despektierlich gemeint, sondern bewundernd. Und Fernau selber nennt die Griechen die "bösen Buben, die himmlischen Sünder, [...] die vor 3000 Jahren auf dem Meer der irdischen Freuden die Piratenflagge hißten" und macht dem Leser klar, wie er seine Geschichte der Griechen verstanden wissen will: nicht als akribische Faktensammlung, sondern als Liebeserklärung. Schließlich ist Fernau ja auch kein gelernter Historiker, sondern ein gelernter Journalist.
Fernau findet den verloren geglaubten Schlüssel zum Verständnis des antiken Hellas und seiner Mentalität: Man lege Apoll nicht "das Abiturientenzeugnis als Eintrittskarte zu Füßen", denn dieser Gott will Rosen: "Vergeßt die Rosen nicht, wenn ihr den Fuß in eine Zeit setzt, in der die Götter noch verliebt waren und lächeln durften!"
Dieser Parforce-Ritt durch die griechische Geschichte ist geistreich geschrieben, in geschliffenem, allerbesten Feuilleton-Stil. Mehr als einmal muss man laut auflachen, oder doch wenigstens kichern. Fernau nähert sich den großen Namen nicht ehrerbietig, sondern in Augenhöhe. Respektlos hat ihn jemand genannt -- nun, respektlos ist Fernau durchaus, und zwar gegenüber den Wahrnehmungs-Klischees der allzu Bildungsbeflissenen. Seinem Thema hingegen, vor allem den Protagonisten, erweist er durchaus Respekt -- liebevollen Respekt.
Fernau fragt nach: Wie war das mit der Demokratie in Athen? War der Diktator Peisistratos wirklich abgrundtief böse? Wie war das mit den als amusisch verschrienen Spartanern? Und Perikles -- war der wirklich so makellos, wie es überliefert wird? Irgendwann konstatiert er auch, wieso die Nachwelt Sparta bewundert, Athen aber liebt: Die Spartaner waren zeit ihrer Existenz damit beschäftigt, den Augias-Stall auszumisten. Doch das Leben liebt den Mist.
Mehr als eine Schulbuch-Weisheit bürstet Fernau augenzwinkernd gegen den Strich, und seine eigene Meinung verhehlt er nie.
À propos Meinung: Fernaus Ansichten zu manchen Themen sind mitunter wenig schwer verdaulich, und nicht immer spricht ein "temperamentvoller Konservativer", wie man ihn früher bezeichnete, sondern... Nunja. Die Leser sind erwachsen und werden das selber beurteilen können. Man kann Fernau durchaus seine NS-Vergangenheit als Scharfmacher übelster Sorte vorwerfen. Andererseits sollte man einem Werk, zumal einem dermaßen gelungenen, nicht die Vergangenheit seines Autors vorwerfen. Also zurück zu Apoll und den Rosen:
Bei aller feuilletonistischen Versiertheit behält Fernau doch auch die wichtigen Fakten im Auge; man merkt das nicht nur bei seiner Schilderung des Peloponnesischen Krieges, den er kurz und prägnant genug zusammenfasst, dass man in diesem Wust endlich mal ein wenig die Übersicht gewinnt.
Wie gesagt, Fernau verkündet hier kein Evangelium, sondern er erzählt die Geschichte aus seiner Sicht nach. Und das tut er geistreich wie wenige andere (neuerdings schreibt Luciano de Crescenzo Vergleichbares).
Freilich, wer "Rosen für Apoll" als Geschichtsbuch liest, muss sich darüber im klaren sein, dass dieses Buch dazu nur bedingt taugt, denn es ist, ich wiederhole mich, eine Liebeserklärung an eine Kultur, in Form eines langen aber kurzweiligen, amüsanten, witzigen Essays zu deren Geschichte.