In seiner Erzählung "A Room with a View", auf Deutsch "Zimmer mit Aussicht", beschreibt E. M. Forster mit guter Beobachtungsgabe und sehr pointiert die Kluft zwischen den sozialen Schichten Englands, wie sie sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts präsentierte, oft vertieft, wenn die geradezu obligatorischen Reisen zu historischen Stätten Menschen zusammenbrachten, die einander in der Heimat gemieden hätten.
Scharfsinnig portraitiert der Autor die einzelnen Persönlichkeiten: zunächst die von der verwitweten Mutter recht liberal erzogene Lucy, die sich in Florenz plötzlich zwischen allen Stühlen wiederfindet, weil sie sich einerseits dem Urteil ihrer Verwandten und den ihr sozial gleichgestellten Pensionsgästen fügen möchte, während ihr andererseits ein Instinkt sagt, dass die Emersons sympathische Leute seien und George ihr mehr bedeuten könne als Cecil Vyse, den sie mehr oder weniger warmhält, obwohl sie im Grunde nichts an ihm findet. Dieser ist einfach eine gute Partie und als Mensch "nicht verkehrt". George und vor allem sein Vater wiederum treten sehr direkt auf, ohne das berühmte "Decorum" der Oberschicht, und werden deshalb sogleich ausgegrenzt; ihre spontane Hilfsbereitschaft gleich zu Anfang wird als unverschämte Aufdringlichkeit abgetan. Auch die Figur der altjüngferlichen Anstandsdame ist wunderbar getroffen, ebenso jene des Reverend Beebe, dem es nicht recht gelingt, christliche Nächstenliebe und Dünkel unter einen Hut zu bekommen. Mit ebensolchem Scharfblick wurde der Charakter von Cecil Vyse entworfen, farb- und leidenschaftslos, immer korrekt, berechenbar, vergeistigt und für eine im Grunde bodenständige, temperamentvolle Frau wie Lucy völlig ungeeignet.
Lucys Weg vorbei an den ungeschriebenen Gesetzen ihrer Klasse und hin zu ihrer Liebe und somit sich selbst beschreibt der Autor gut nachvollziehbar und einfühlsam.
Gesprochen wird das Buch in auch für Nicht-Muttersprachler auf Anhieb bestens verständlichem Englisch von der Schauspielerin Wanda McCaddon. Sie liest kurzweilig und lebendig, sodass dem Hörer die siebeneinhalb Stunden akustischer Lektüre nicht lang werden. Die Aufnahme in Originalsprache erfordert keine umfangreicheren Sprachkenntnisse als das übliche Schulenglisch, zumal man sich auch dank der guten Sprecherin rasch in das Buch einfindet.
Eine gelungene Hörbuchumsetzung des sozialkritischen Klassikers!