Wenn man so die Kritiken in IMDB liest, kommen tatsächlich Zweifel auf, ob manche Kritiker mit einer wilden Mischung eines intensiven Kammerspiels mit gefühlvoller Erotik, malerischer Schönheit der Bilder und einer ergreifenden Entwicklung wie in "Eine Nacht in Rom" nicht hoffnungslos überfordert sind.
Julio Médem hat es nun mal mit der Dichtung, der Musik, der Liebe und der Schönheit, seine Filme sind "Kultur pur". 2010 gelang dem 52-jährigen Regisseur mit "Habitación en Roma" - sehr schön auch der englische Titel "Room in Rome" - wieder ein magischer Film über die Liebe, der wie schon der 9 Jahre zuvor entstandene
Lucía und der Sex [1] den Zuschauer in eine schwebende Unwirklichkeit der Gefühle entführt - und an dem spannenden und scheinbar aussichtslosen inneren Kampf der beiden liebenden Frauen teilnehmen lässt, denen nur eine Nacht für das gegenseitige Kennenlernung und vor allem die Entscheidung bleibt, ob sie sich aus ihrer Vergangenheit verabschieden sollen.
Alba (Elena Anaya, 35) und Natasha (Natasha Yarovenko, 31) hatten beide nicht ihren besten Tag, trösten sich in einer Bar in Rom, lernen sich kennen und landen in Albas Hotel. Sie kommen nicht leicht zueinander, versuchen zunächst noch, ihr "wirkliches Leben" zu schützen und ihre Erfahrungen voreinander zu verkleiden, nennen sich Phantasie-Namen und erfinden Geschichten im Schatten der Wahrheit. Doch so, wie sie sich schließlich körperlich näherkommen, öffnen sie sich schließlich auch sonst - die gegenseitige Anziehung und die Magie des Augenblicks in der ewigen Stadt lassen Vertrauen zueinander wachsen, überwinden alle Hemmungen und Ängste. Wenn die Sonne aufgeht, werden sich Alba und Natasha besser kennen und mehr voneinander wissen als manches gestandene Ehepaar.
Die mit dem Erwachen der Liebe wachsende innere Zerrissenheit der Frauen führt zu einem ständigen Auf- und Ab, mal überschwänglich optimistisch, mal hoffnungslos verzweifelt. Insbesondere Alba kämpft unermüdlich, aber auch äußerst feinfühlig, um jede Chance, aus einer Nacht, an die man sich ein Leben lang erinnern würde, die Nacht zu machen, in der ein neues Leben begonnen hätte.
Beim Frühstück in der aufgehenden Sonne Roms müssen Entscheidungen getroffen werden: war das nur die intensivste Liebe ihres Lebens, eine Nacht, an die nur noch eine Erinnerung bestehen wird, oder folgen sie ihren Gefühlen und gestalten eine gemeinsame Zukunft?
Das ist nunmal ein ganz großes Thema. Wenn das gelebte Modell gescheitert ist, ist man offen für Neues. Die Liebe kann wie ein Blitz einschlagen und alles verändern. Aber natürlich bestehen die alten Beziehungen noch. Macht man dann einfach so weiter, als wäre alles in bester Ordnung gewesen? Finden Liebende die Kraft und das Vertrauen, aus ihren eingefahrenen Bahnen auszubrechen?
Ein großer, kunstvoller und ergreifender Film von einem der wichtigsten spanischen Regisseure der Gegenwart, der aber vermutlich leider nur diejenigen über den äußeren Schein hinaus erreichen kann, die selbst eine positive Einstellung zum Menschen, zur Liebe und zum Leben aufbringen - schade, dass dies unseren südlichen Nachbarn soviel besser zu gelingen scheint.
Der 109 Minuten lange Film wurde mit einer Red One Camera in REDCODE digital aufgenommen und über einen digitalen Intermediate geschnitten - bessere Technik kann man sich heute nicht wünschen. Mit den Bildern dieses Film könnte man ein Museum voller Gemälde bestücken. Die sehr unterschiedliche, immer aber vorzüglich passende Musik vervollständigt das Gesamtkunstwerk.
Man sieht viele Filme - grob geschätzt 500 im Jahr, und es sind schon viele Jahre geworden. Filme, die wirklich ergreifen, sind rar. Filme, die zutiefst bewegen wie dieser, sind einzig - wenn man zuhören kann und mitempfinden nicht verlernt hat.
film-jury 5* A0697 9.8.2011eg Genre: Drama