"Wenn man entschlossen ist, immer das zu machen,
was man machen will, muß man eben den Preis dafür zahlen."
(Romy Schneider frei nach Orson Welles)
Beinahe ein Vierteljahrhundert nach dem Tode von Rosemarie Magdalena Albach erscheint im Jahre 2008 "Romy Schneider. Die Biographie" von Günter Krenn. Zur Erzählung ihrer Lebensgeschichte bedient sich der studierte Theaterwissenschaftler ihrer Filmographie, die sich als Leitfaden durch das Buch zieht. Der Leser erfährt aber nicht nur, wie Romys Persönlichkeit durch ihre Erfolge und Filme geprägt wurde, sondern auch welchen maßgeblichen Einfluss ihre Mutter, ihr Vater und Stiefvater, Film- und Lebenspartner und Regisseure auf sie ausübten. So hat es Romy wiederholt kritiklos akzeptiert, dass jemand für sie entscheidet, wie ihr Bild in der Öffentlichkeit dargestellt wird. (S. 202). Ihr zwiespältiges Verhältnis zum (deutschen) Publikum und den Medien, "die ja nie geschrieben haben, was sie gesagt hat" (Seite 302) fehlen ebensowenig wie eine Reihe von Schickschalschlägen und Enttäuschungen. Ihre Einsamkeit und Ängste, die sie zum Alkohol und Betäubungs- und Aufputschmittel greifen ließen, bis sie schließlich vollkommen ausgebrannt - ob freiwillig oder unfreiwillig mag dahin gestellt bleiben - aus einem Leben schied.....
.....das sich, nicht zuletzt aufgrund unermüdlicher Paparazzi, öffentlich vor dem Hintergrund historischer Ereignisse abspielte. So entstand der erste Sissi-Film vor dem Hintergrund des Österreichischen Staatsvertrages vom 15. Mai 1955 (Seite 64 ff.), der den Abzug der Allierten aus der Viersektoren-Stadt Wien und den Besatzungszonen nach sich zog und dem Alpenland seine Souveränität zurück gab. Zwei Jahre später fragte Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier "Wer ist dieser Romy Schneider?", nachdem bereits 8 Filme, darunter die ersten beiden Sissi-Episoden in die deutschen Kinos gekommen waren (S. 108. Das Leben, der 101 Jahre vor Romy geborenen n Wittelsbacher Prinzessin Elisabeth Amalie Eugenie, Herzogin in Bayern, Kaiser in von Österrreich, Apostolische Königin von Ungarn etc. etc., genannt Sisi (mit einem s!), wird kurz angerissen (S. 73 ff.) Interessant ist Krenns Feststellung, dass Sissi und Winnetou miteinander verwandt seien, weil sie beide belegen, dass im Nachkriegskino ein affektives Wissen über Deutschlands katastrophale Vergangenheit bestand - ein affektives Wissen, das in tröstenden Geschichten allerdings nur undeutlich artikuliert wurde (S. 94). Der 1956 gedrehte Film Sissi - Die junge Kaiserin ist auch eine symbolische Hommage an die Ungarn, deren Aufstand am 10. November von Panzern des Warschauer Paktes niedergewaltz wird (S. 85 ff.). Demgegenüber fällt der Film 1958 Protestdemonstrationen in Israel, die dazu führen, dass dort keine deutschspachigen Filme mehr aufgeführt werden, zum Opfer. (S. 105)
Zum Schmunzeln lädt folgende Anektode ein: Romy Schneider und Karlheinz Böhm sitzen auf einem Flug nach Madrid im selben Flugzeug wie Otto von Habsburg, der Sohn des letzten österreichischen Kaisers. Nach der Landung bemerken sie eine Menschenmenge, die sie mit der Bekanntheit des Erzherzoges und der monarchistischen Tradition Spaniens erklären. "Herr Habsburg" kann den Flieger jedoch unbeachtet verlassen, da die Leute vielmehr seinen "Vorfahren" "Kaiser Franz Josef" und "Kaiserin Elisabeth" zujubeln (S. 99). timediver® kann sich noch gut an das Cover und den von Alice Schwarzer initiierten Bericht des Wochenmagazins "stern" erinnern, wo auch Romy Schneider in der bundesrepublikanischen Debatte um die Abschaffung des Paragrafen 218 bekannte, einen Schwangerschaftsabbruch vorgenommen zu haben (S. 246)
Rainer Werner Fassbinder entgegenete Karlheinz Böhm, der sich von einigen seiner 1950er Filme distanzieren wollte, dass "er sich in jeder Sekunde seines Lebensmit der notwendigen Selbstkritik zu allem bekennen muss, was er gemacht hat" (S. 251). Unter dieser Prämisse strebte RWF auch eine Zusammenarbeit mit Romy an. Der deutsche Filmproduzent, Schauspieler und Schriftsteller Peter Berling arbeitete bereits an der Story zu einem Film mit dem Arbeitstitel Film "Sissy IV." Darin sollte eine, nach dem Selbstmord ihres Sohnes Rudolphs rastlose Kaiserin und parallel dazu die gezeigt werden und Karlheinz Böhm sollte einen Kurzauftritt als Kaiser Franz-Josef haben. (S. 251) Näheres zu diesen Plänen kann in Berlings "Die 13 Jahre des Rainer Werner Fassbinder" (1992) nachgelesen werden. Leider kam es weder zu Realisierung dieses Projektes, noch zu einer sonstigen Zusammenarbeit von Fassbinder und Schneider. Krenn stellt jedoch auch klar: Bei Romys legendären "Sie gefallen mir. Sie gefallen mir" am 31. Oktober 1974 in Dietmar Schönherrs Talkshow "Je später der Abend" war nicht der Bankräuber Burkhard Driest in persona, sondern dessen Respekt für - den von ihr verehrten - Willy Brandt. gemeint und Romy legte ihre Hand nicht auf das Knie von Driest sondern auf seine Hände (S. 277).
Günter Krenns ist die aktuellste Biographie einer der größten europäischen Schauspielerinnen gelungen. 698 Anmerkungen, Zitat- und Quellenhinweise bekunden seine fleissige Recherche. Neben Christiane Höllger, der langjährigen Freundin Romys sind "Ich, Romy; Tagebuch meines Lebens" (1988) und "Romy Schneider. Bilder ihres Lebens" (1990) von Renate Seydel, "Romy Schneider - Betrachtungen eines Lebens" (1983) von Hildegard Knef, "Mythos Romy. Ich verleihe mich zum Täumen" (2006) von Robert Amos, "Romy Schneider. Mythos und Leben" (1998) von Alice Schwarzer und "Meine Romy" (2000) von Daniel Biasini die am häufig zitierten Quellen. Drei, jeweils sechszehnseitige (schwarz-weisse) Fotostrecken, eine Zeittafel, eine ausführliche Filmographie, sowie ein Personenregister runden die 415seitige, spannend zu lesende Biographie ab.