"Romulus der Große" dürfte Dürrenmatts komischstes Stück sein -- und auch eines seiner pessimistischsten. In seiner "ungeschichtlichen historischen" Komödie macht er aus dem letzten Kaiser Westroms, dem 16jährigen Romulus Augustulus (also dem mehrfach verkleinerten Augustus) einen menschlichen, großen, lange Zeit regierenden Kaiser, der das Wesen großer Reiche durchschaut hat. Romulus der Große lehnt es ab, weiter ein Weltreich am Leben zu erhalten, das sich nur aufgrund von Unterdrückung und Blutvergießen halten kann, und hat in den 20 Jahren seiner Herrschaft durch vorgebliche Trottelhaftigkeit das Reich zielstrebig ruiniert. Sollen es doch die Germanen übernehmen. Padua haben sie ja schon...
Dürrenmatts Stück spielt in den letzten Tagen von Romulus' Regierung. Alles geht seinen gewohnten Gang: Das Staatsoberhaupt widmet sich innig der Hühnerzucht (alle Hühner sind nach römischen Kaisern benannt, und am besten von allen legt Odoaker...), während seine Frau vergebens seinen Ehrgeiz wecken will. Seine Tochter studiert klassische Tragödien, Kunsthändler und Hosenfabrikanten forcieren den Ausverkauf des Reiches, Kriegs- und Innenminister halten geschäftig den Schein aufrecht, ein Staatswesen zu leiten, und die tatsächlich wichtigen Amtsträger bei Hofe sind der Koch und die beiden Kammerdiener.
Diese imperiale Idylle wird nun gestört -- der byzantinische Kaiser samt Kammerdienern und byzantinischem Hofzeremoniell ersucht um Asyl, der lange verschollen geglaubte Verlobte von Romulus' Tochter konnte sich aus germanischer Gefangenschaft befreien, wo er Fürchterliches durchgemacht hat -- und die Germanen rücken immer näher.
Aus diesem Zusammentreffen macht Dürrenmatt nun eine Komödie, deren Komik auf allen Ebenen funktioniert. Situationskomik und bitterböse Satire sind ineinander verschränkt, und aus den aberwitzigen Situationen ergeben sich am laufenden Band Sätze wie "Es schreit ein jeder Innenminister auf, wenn man auf die Gerechtigkeit anstößt".
Allerdings bleibt Dürrenmatt nicht stehen beim komischen Untergang. Die erste entscheidende Pointe im Stück nämlich setzt der Germanenherrscher Odoaker, der sich ähnlich wie Romulus Gedanken gemacht hat über den Sinn von Weltreichen, und die zweite Pointe wird Odoakers Neffe Theoderich setzen -- eine grausame Pointe, die Odoaker prophezeit. Romulus Opfer (zu denen auch das Leben seiner Tochter gehört) an den Gang der Geschichte waren umsonst; es war vermessen, die Geschichte beeinflussen zu wollen.
"Romulus der Große" besticht also nicht nur durch phantastische Situationskomik, ätzende Satire und herrlich skurrile Firguren, aufgrund derer das Stück sich auch hervorragend für Schülertheater etc. eignet. Am Ende bleibt das Lachen im Halse stecken. "Tun wir so, als ginge die Rechnung hienieden auf, als siegte der Geist über die Materie Mensch", sagt am Ende ein resignierender Romulus zu Odoaker. Wohl ein Schlüsselsatz aus dieser Komödie, die am Ende zugleich lachende und entsetzte Zuschauer zurücklässt.
Übrigens lohnt es sich auch, Dürrenmatts Anhänge zum Stück genauer durchzulesen...