Mittlerweile dürfte so ziemlich alles über Romeo und Julia gesagt sein. Vor allem gesagt von Leuten, die viel mehr Ahnung von Literatur haben als unsereiner. Daher werde ich versuchen mich in dieser Rezension darauf zu beschränken, was die Vorzüge speziell dieser dtv-Ausgabe sind. Ich werde also zu vermeiden versuchen wieder von Shakespeare Genialität anzufangen, davon wie großartig komponiert dieses Stück ist, dass es um soviel mehr als nur um tragische Liebe geht. Dass Toleranz ein Thema ist, sowie die Problematik, dass aus einem guten Vorsatz etwas Schlechtes entstehen kann. Auch lasse ich unter den Tisch fallen, dass es mich immer und immer wieder fasziniert wie facettenreich Shakespeare in sprachlicher Hinsicht war. Nicht nur seine unzähligen Wortspielereien, auch die Tatsache, dass es soviele verschiedene Sprachstile gibt, die er seinen Figuren in den Mund legt und sie dementsprechend charakterisiert hauen mich um. Nein, dass alles ist uninteressant, weil Sie es sowieso schon wissen ;-)
Also: Warum die Übersetzung von Frank Günther? Ich bin großer fan dieser Ausgaben, weil man wirklich etwas geboten bekommt für sein Geld. Zum einen bemüht der Übersetzer sich wirklich möglichst nah am Original zu bleiben, da werden dann auch schon mal eigene Wortkreationen zu Rate gezogen. Dies aber niemals ohne im Anhang die Beweggründe dafür und die eigentliche Bedeutung der englischen Entsprechung genau zu erläutern. Und für Shakespeare sollte man sich auch die Zeit nehmen, ab und zu mal nach hinten zu blättern, damit man die Tragweite zu erkennen vermag. Desweiteren findet man hier, wie immer in diesen Ausgaben, einen Bericht "Aus der Übersetzerwerkstatt", in dem nochmal ausführlicher auf bestimmte Feinheiten eingegangen wird. Hier spezielle darauf, dass "Romeo und Julia" doch ein recht versautes Stück ist, was nicht mit zweideutigen Anspielungen geizt. Anhand einer Stelle aus dem Stück wird z.B. gezeigt, dass in der alten Übersetzung von Schlegel doch einiges recht "familienfreundlich" übertragen wurde. Desweiteren folgt dann ein Essay mit dem Titel "Vom Mythos romantischer, weltbedeutender Liebe", in dem die Liebessituationen des Dramas genauer unter die Lupe genommen werden, den ich allerdings an einigen Stellen zu wissenschaftlich-trocken fand.
Insgesamt kann ich diese Ausgabe aber nur empfehlen. Ich habe Romeo und Julia jetzt schon zum dritten Mal gelesen und wieder haben sich mir neue Erkenntnisse geöffnet, Dank dieser tollen Übersetzung, die auch optisch wieder überzeugt, wie ich finde!