"Romeo & Julia" ist Baz Luhrmanns mittlerer Teil seiner "Roter-Vorhang-Trilogie", zu der auch noch "Strictly Ballroom" und "Moulin Rouge" gehören. In allen drei Filmen greift er auf theatralische Elemente zurück und zaubert eine stilisierte Romantik auf die Leinwand, die entgegen jeglicher Konvention klassische Themen mit aller Macht zwischen grellbunter Popkultur und ekstatischem Bombast in die Gegenwart presst. Der Film hält sich zwar strikt an den Originaltext von Shakespeares Vorlage, ist jedoch zeitlich in der Gegenwart angesiedelt, in Gestalt eines Bandenkriegs in Verona Beach im mexikanischen Teil Kaliforniens, wo in siedender Hitze ein erbitterter Kampf zwischen den verfeindeten Clans der Capulets und Montagues tobt und das Drama schließlich seinen schicksalhaften Lauf nimmt, als Romeo sich in die Tochter des gehassten Feindes verliebt.
Luhrmanns provokante Adaption mündet in eine subversive Inszenierung mit einer unbändigen Bildsprache, bei der Shakespeare-Puristen wohl verächtlich die Nase rümpfen werden. Schon die Eröffnungssequenz erinnert an eine postmoderne Metamixtur im Stile eines schnell geschnittenen Musikclips, in dem in einer fulminanten Sequenz von grellen Bildern religiöse Symbole, schriller Pop, transzendente Heiligenfiguren, flackernde Kerzen und die lateinamerikanische Lebensart nahtlos ineinander verschmelzen. Die verfeindeten Clans treten jeweils als aggressive Gangs mit zotigen Gesten in Aktion, deren emotional intensive Konfrontationen oft als präzise choreographiertes Gewaltballett inszeniert werden. Die Capulets, in ihren schwarzen Lederhosen und edlen Cowboy-Stiefeln, wirken wie antagonistische Desperados, die aus einem Italo-Western entsprungen sein könnten, in Szene gesetzt von epischen Bildeinstellungen und intimen Nahaufnahmen, die manchmal an Sergio Leone erinnern. Die äußere Erscheinung der Montagues absorbiert dagegen verschiedene rebellische Subkulturen der Moderne. Frisiert sind sie als Punks und Skins, glitzernder Schmuck blitzt als Symbol der Macht an den Körpern hervor und kunstvolle Tätowierungen zieren ihre Haut. Als verharmlosenden Gegenkontrast verpassten ihnen die Ausstatter noch legere Hawaii-Hemden. Mercutio erscheint auf dem pompösen Maskenball der Capulets gar als Drag-Queen in Frauenkleidern, mit Perücke und knallrot geschminkten Lippen.
Wie im Delirium kapseln sich Romeo und Julia von der exzessiven Gewalt ihrer Familien zunehmend ab. Auf der Suche nach isolierter Einsamkeit begeben sie sich intuitiv an abgelegene Orte meditativer Ruhe. Ihre Blicke kreuzen sich erstmals durch das Glas eines exotischen Aquariums mit künstlich blauem Neonlicht, in das sie in einer surreal wirkenden Szene mit ihren kristallinen Augen hineintauchen und so der Wirklichkeit entfliehen. Später umschlingen sich ihre Körper in ästhetischen Unterwasserszenen im Rausch der Tiefe eines Swimmingpools. Wasser wird von Luhrmann ständig als erlösendes Element vom verhängnisvollen Diktat des Feuers eingesetzt, mit dem in den Bildern meist der Bandenkrieg versinnbildlicht wird. Die Liebe der beiden steht dabei im Pathos der zerbrechlichen Unschuld. So erscheint Leonardo DiCaprio als adoleszenter Romeo in zarter und fragiler Androgynität, Claire Danes als Julia in Form einer zierlichen, wortkargen Kindfrau mit Engelsflügeln. In ihrer ersten Liebesnacht nach der heimlichen Hochzeit liegen die schlafenden Verliebten selig in weiße Laken eingewickelt in inniger Anmut nebeneinander im Bett. Als ob ihre Körper den des anderen reflektieren. Auf einem Tisch stehen Engelsfiguren umgeben von brennenden Kerzen. Ihre Liebe zueinander steht unter keinem guten Stern und ist von Anfang dazu bestimmt, mit dem Tod zu enden.
Baz Luhrmann konzentriert sich hier weniger auf die Konstruktion einer werkgetreuen Wirklichkeit, als auf eine stilisierte Bildkultur, die in einer atemberaubenden Visualität die Handlung in einen zeitlosen Kontext stellt. Viele Kameraeinstellungen mutieren zu symbolträchtigen Superzeichen. Dabei wühlt er in typischer Manier eklektisch im Fundus der Kino- und Fernsehgeschichte. Zahlreiche Zitate, von Tarantinos Pulp Fiction bis zu 70er TV-Serien, versteckt er in diesem Film. Nicht zuletzt auch wegen des tollen Soundtracks ist Romeo & Julia allerdings eine wunderbare Reminiszenz an die Popkultur der 90er Jahre. Die Musik stammt aus der Feder von Nellee Hooper aus Bristol, der sich damals als Produzent von Madonna, Massive Attack und Björk einen Namen machte. Als Titelsong sind The Cardigans mit Lovefool zu hören. Im Bonusmaterial vorhanden sind Audiokommentare, das Bazmark Archiv, "Die Musik von Romeo & Julia", "Shakespeare mal anders" und eine Interviewgalerie.