Wenn dieses Buch tatsaechlich so oft gelesen wird, wie es gekauft wird (und es scheint ja gut verkauft zu werden), dann freue ich mich ehrlich.
Endlich mal ein Bestseller, der nicht kommerziell ist, nicht gefaellig, nicht vereinfacht,... dies hier ist einfach nur ein ganz tolles, gebildetes, kluges, lebendiges Buch.
Safranski teilt sein Buch in zwei Teile. Im ersten geht es um die historisch-literarische Epoche der Romantik (etwa von 1789-1825). Hier erzaehlt Safranski uns von Novalis, der die Romantik definierte als eine Lebenshaltung, die dem Gewoehnlichen wieder die Ehre des Ungewoehnlichen und Geheimnisvollen zurueckgibt. Er erzaehlt von Fichtes "Ich" und von Tieck, der mit seinem Heidelberger Franz Sternbald die Literaturszene begeisterte. Er erzaehlt von Hoelderlin, der durchaus auch Romantiker war, weil er die Griechen verherrlichte und in ihnen die Wurzel des Abendlandes sah - eine Verherrlichung und Ueberhoehung der Vergangenheit; andere Romantiker sollten sich sonst verstaerkt dem deutschen Mittelalter zuwenden. Safranski erzaehlt von den Kreisen in Jena und Heidelberg und in Berlin. Erzaehlt, wie die Klassiker aus Weimar sich gegen eine romantische Stroemung wehrten, die ihnen zu frei, zu ungezuegelt, zu schweifend daherkam.
Dann lesen wir, wie die grossen Romantiker (Hegel, Novalis,...) sich in spaeten Jahren der christlichen Religion zuwandten und doch ein Fundament fuer ihre Emotionen brauchen, wobei ihnen das selbstgeschaffene Fundament aus Mythen doch nicht reichte.
Eine ganz wunderbare Uebersicht ueber die Romantik, ihre historischen Rahmenereignisse und die Menschen, die sie praegten. Ich sehe Novalis am Grab seiner Geliebten, ringend um Fassung, mit der Seele ihr ins Totenreich folgend. Ich sehe den jungen Eichendorff in seinem Studierzimmer bei Kerzenlicht und knirschender Kaelte, ich sehe den Kreis in Heidelberg, der nach einer neuen Intensitaet suchte,... so anschaulich und lebendig habe ich diese Zeitspanne nie sonst empfunden.
Im zweiten Teil des Buches verbindet Safranski uns die Zeit der historischen Romantik mit dem Heute ueber verschiedene Etappen: Wir lernen, Wagner und Nietzsche, Schopenhauer und die Weltkriege, die 60er Jahre und die Politik bis heute noch einmal darauf hin zu betrachten, inwiefern sie sich aus den Wurzeln der deutschen Romantik erklaeren und verstehen laesst.
Safranski bleibt dabei der These gegenueber kritisch, dass die Romantik gefaehrlich gewesen sei fuer das Volk, dass sie gar die Nazizeit herbeigefuehrt haette. Dennoch formuliert er sie und gibt uns Einblick in aktuelle Debatten.
In diesem zweiten Teil lernen wir verstehen, inwiefern Wagner der romantischen Epoche folgte (er brachte einen eigenen, neuen Mythos auf die Buehne, der das Volk einen sollte) und inwiefern auch er in der Tradition jener blieb, die sich zuletzt wieder dem Christentum zuwandten (was ihn von Nietzsche entzweite). Wir lernen verstehen, dass Romantik bedeutete, dem Neutralen eine Tiefe, eine Bedeutung zu geben, und in welcher Weise diese Faehigkeit ausgenutzt werden konnte. Wir sehen Heidegger und Hitler mit anderen Augen (ohne sie pauschal zu verdammen, Safranski ist klug und kritisch und kann - was nur wenige vermoegen - sachlich differenziert diskutieren).
Romantik - eine deutsche Affaire. Das ist es, ein herrliches Buch ueber die deutsche Literaturgeschichte und ihre Wirkung. Absolut lesenswert.
Gegliedert ist jeder der beiden Buchteile in Aufsaetze, die man durchaus auch einzeln lesen kann, das Buch laesst sich aber ebenso an einem Stueck als Einheit lesen (so habe ich es gemacht).
Absolut lesenswert, exzellent, eine grosse Bereicherung fuer unsere Gegenwartsliteratur.