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61 von 67 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Erfüllt die durch das Schiller-Buch geweckten Erwartungen!, 2. November 2007
Schon bei der Lektüre der ersten Seiten wird deutlich, dass der vorliegende Band an die Arbeiten zum Schiller-Band Safranskis anknüpft. Wieder setzt die Darstellung bei Herders Seereise an und berichtet von deren Eindruck auf die Klassiker. Auch wird abermals Schillers maßgeblicher Einfluss auf die Romantiker, vor allem durch seine Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts, herausgearbeitet. Dann aber erarbeitet Safranski die Grundlagen für das Verständnis der Romantiker in sehr eigenständiger Weise, die im Ergebnis den hohen Rang des Schiller-Bandes erreicht.
Ich würde mich selbst als interessierten, keinesfalls aber umfassend orientierten Leser bezeichnen, der Werke wie Eichendorffs Ahnung und Gegenwart, Arnims, Die Kronwächter usw. kennt. Mir hat das vorliegende Werk, völlig neue Dimensionen für das Verständnis dieser Dichtergeneration eröffnet. Großartig etwa, wie Safranski erst den Einfluss der Französischen Revolution auf das Wirklichkeitsverständnis dieser Generation aufweist und im weiteren Verlauf der Darstellung zeigt, wie der Verlauf der Ereignisse, insbesondere die Usurpation Napoleons und die Schlacht von Jena und Auerstädt, das Verständnis der Romantiker prägen und ihm eine immer stärker nationalstaatliche und katholisch-konfessionelle Betrachtungsweise geben. Die Darstellung der Lehre Fichtes und ihr Einfluss auf so unterschiedliche Charaktere wie Hölderlin und Novalis, hat mir die "Hymnen an die Nacht" viel näher gebracht und auch so manche Hölderlinsche "Verzückung". Unter dem Eindruck der "Einbildungskraft" i.S. Fichtes versteht man das serapiontische Prinzip bei Hoffmann usw.
Alle großen Romantiker (und selbst Kleist) kommen in prägnanten Charakter- und Werkportraits vor, bei denen die Stärke der Darstellung darin liegt, dass sie der Autor in den großen Kontext einer Weltepoche stellt und Mut zur eigenen kritischen Wertung auf hohen Niveau hat. Ich persönlich hätte mir gerne noch etwas zu von Arnim gewünscht, dessen körperliche Reizwirkung auf Frauen hier vielleicht etwas zu stark im Verhältnis zu seinem Werk betont wird. Aber solche Desiderate bleiben immer.
Fazit: Das Buch ist streckenweise fordernd, weil in verdichteter Form die Ideenwelt einer Epoche und deren immanente Veränderungen vor dem Leser ausgebreitet wird. Geschickt wird dabei die Darstellung durch Dichter- und Werkportraits gelockert, bei denen der Autor das anekdotenhafte, aber stets gesicherte Material zur Auflockerung einsetzt. Der Nutzen für den Leser liegt in einer Fülle von Anregen (in meinem Fall: die Werke Tiecks, Phantasus, Sternbald, William Lovell). Der zweite Teil des Werkes zeigt dann überaus packend, wie die Ideen der Romantiker als "das Romantische" das Denken fast bis auf den heutigen Tag bestimmen. Zru Lektüre unbedingt empfohlen!
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65 von 74 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Romantik - Vorbedingung des deutschen Sonderweges??, 15. Oktober 2007
Man stelle sich folgende Situation vor: Ein fünfzehnjähriger Junge steht an einem kalten Herbstabend zitternd und völlig durchnässt an einer Straßenecke neben einer Laterne und hat doch einen Ausdruck vollkommener Glückseligkeit auf seinem Gesicht. Hierbei handelt es sich um Ludwig Tieck, der sich fast den Tod holte, als er nicht von Shakespeares Meisterwerk Hamlet loslassen konnte (vgl. 90f.). Durch den verinnerlichten Dänenprinzen bis ins Mark erschüttert, wurde Tieck einer der Hauptvertreter der Romantik und ist heute vor allem durch seine gelungenen Übersetzungen von Shakespeares Dramen bekannt. Doch wer waren die Romantiker, was zeichnete sie aus und welche Auswirkungen hatte das Romantische auf die Geschichte unseres Landes? Das sind die Fragen, mit denen sich Rüdiger Safranski in seinem Buch "Romantik - Eine deutsche Affäre" auseinandersetzt.
"Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es" (13), lautet die klassische Definition des Romantischen von Novalis. Safranski behandelt im ersten Teil seiner Darstellung die Epoche der Romantik, die sich relativ genau von der Mitte der 1790er bis zur Mitte der 1820er Jahre eingrenzen lässt. Mitte der 1790er Jahre zieht es Friedrich Hölderlin und Novalis nach Jena, fasziniert von den Lehren des Philosophen Fichte. Dieser stellte das Individuum mit seinem "dynamische[n], weltbegreifende[n], weltschaffende[n]" Ich ins Zentrum seiner Philosophie. Das subjektiv-individuelle Erleben der eigenen Person war es, was die Romantiker ins Zentrum ihrer Weltanschauung stellten: "Der Mensch lebt in Möglichkeiten. Wirklichkeit konstituiert sich in einem Horizont von Möglichkeiten" (73) fasst Safranski zusammen. Eine ganz wichtige Rolle in diesem Zusammenhang spielt die Kunst sowie die Literatur, anhand derer die Erhabenheit des Erlebten vermittelt werden sollte: "Die Romantiker haben die Literatur, also das Imaginäre, zeitweilig zu ihrem hauptsächlichen Lebensinhalt gemacht. Sie wollten aber keine Tagträumer sein und nicht nur im Luftreich des Traumes ihre Eroberungen machen. Das Leben selbst wollten sie verändern, beginennd bei sich selbst, dann sollten die Freunde, das Lesepublikum und schließlich die ganze gebildete Nation ergriffen werden" (133). Man gedachte, Deutschland im romantischen Sinne zu revolutionieren. Sich am Ästhetischen zu berauschen, die Intensität der Eindrücke als obersten Maßstab zu nehmen, das nahm auch durchaus makabre Züge an. So als E.T.A. Hoffmann, einer der letzten Romantiker, "während der Befreiungskriege ein Schlachtfeld bei Dresden, mit dem Weinglas in der Hand [betrat]. Die Ästhetik des Schreckens als Reaktion auf das Grauen" (222).
Im noch gelungeneren zweiten Teil untersucht Safranski die Auswirkungen des Romantischen vom Vormärz bis zur 68er-Bewegung. Dabei stellt er Kontinuitätslinien her, die den Leser durchaus überraschen: Marx, Nietzsche, Hitler, alles Kinder der Romantik! Karl Marx lag es daran, "nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren" (247f.). Mit seiner Kritik an den bestehenden Produktionsverhältnissen und der Entzauberung des Metaphysischen wolle Marx nichts anderes als "die Fortsetzung der Romantik mit wahren Mitteln" (248), so Safranski.
Und selbst Nietzsche, der den Tod Gottes, das Ende aller metaphysisch legitimierten Werte proklamierte, stehe in der romantischen Tradition. Der Übermensch, ein Mensch, der alle hergeleiteten Werte ablehnt und sich selbst seine Lebensmaximen schafft, sei doch schließlich auch nur ein Romantiker, der jeden Augenblick lebt, "dass er dir ohne Grauen wiederkehren kann! Du sollst zu jedem Augenblick sagen können: Noch einmal!" (299) Daher stehe auch Nietzsche, der wohl größte deutsche Philosoph, sowie seine Konzepte des Übermenschen und der ewigen Wiederkehr, in einer romantischen Tradition.
Und was ist schließlich mit dem unseligen Gefreiten aus Braunau am Inn? Wie viel Romantisches findet sich in Hitler und der nationalsozialistischen Ideologie? "Erinnert man sich der bewundernswerten Genies der romantischen Epoche, die ihre Welten geschaffen und der Wirklichkeit selbstbewusst entgegengesetzt haben, so sträubt sich alles dagegen, eine Figur wie Hitler in einem Atemzug mit dieser romantischen Tradition zu nennen. Und doch kann man nicht umhin, in Hitler diese fatale Verbindung von Weltfremdheit und weltstürzendem Furor am Werke zu sehen" (366). Und in der Tat, ruft man sich nochmals die Definition von Novalis ins Gedächtnis, so erscheint es wirklich so, als hätten die Nazis sich romantisiert, indem sie ihrer regressiven Ideologie einen höheren Sinn gegeben haben.
Fazit: War die Romantik vielleicht sogar eine Vorbedingung zum viel diskutierten deutschen Sonderweg? Gibt es eine direkte Verbindungslinie vom Hamletfan Novalis zu Hitler und Auschwitz? Die Anhänger der Sonderwegsthese werden Safranskis Werk mit besonderem Interesse lesen. Aber keine Sorge! Das Buch ist exzellent geschrieben und bietet ein kurzzeitiges Lesevergnügen, so dass auch alle anderen auf ihre Kosten kommen werden.
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42 von 50 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ausgezeichnet, 5. November 2007
Wenn dieses Buch tatsaechlich so oft gelesen wird, wie es gekauft wird (und es scheint ja gut verkauft zu werden), dann freue ich mich ehrlich.
Endlich mal ein Bestseller, der nicht kommerziell ist, nicht gefaellig, nicht vereinfacht,... dies hier ist einfach nur ein ganz tolles, gebildetes, kluges, lebendiges Buch.
Safranski teilt sein Buch in zwei Teile. Im ersten geht es um die historisch-literarische Epoche der Romantik (etwa von 1789-1825). Hier erzaehlt Safranski uns von Novalis, der die Romantik definierte als eine Lebenshaltung, die dem Gewoehnlichen wieder die Ehre des Ungewoehnlichen und Geheimnisvollen zurueckgibt. Er erzaehlt von Fichtes "Ich" und von Tieck, der mit seinem Heidelberger Franz Sternbald die Literaturszene begeisterte. Er erzaehlt von Hoelderlin, der durchaus auch Romantiker war, weil er die Griechen verherrlichte und in ihnen die Wurzel des Abendlandes sah - eine Verherrlichung und Ueberhoehung der Vergangenheit; andere Romantiker sollten sich sonst verstaerkt dem deutschen Mittelalter zuwenden. Safranski erzaehlt von den Kreisen in Jena und Heidelberg und in Berlin. Erzaehlt, wie die Klassiker aus Weimar sich gegen eine romantische Stroemung wehrten, die ihnen zu frei, zu ungezuegelt, zu schweifend daherkam.
Dann lesen wir, wie die grossen Romantiker (Hegel, Novalis,...) sich in spaeten Jahren der christlichen Religion zuwandten und doch ein Fundament fuer ihre Emotionen brauchen, wobei ihnen das selbstgeschaffene Fundament aus Mythen doch nicht reichte.
Eine ganz wunderbare Uebersicht ueber die Romantik, ihre historischen Rahmenereignisse und die Menschen, die sie praegten. Ich sehe Novalis am Grab seiner Geliebten, ringend um Fassung, mit der Seele ihr ins Totenreich folgend. Ich sehe den jungen Eichendorff in seinem Studierzimmer bei Kerzenlicht und knirschender Kaelte, ich sehe den Kreis in Heidelberg, der nach einer neuen Intensitaet suchte,... so anschaulich und lebendig habe ich diese Zeitspanne nie sonst empfunden.
Im zweiten Teil des Buches verbindet Safranski uns die Zeit der historischen Romantik mit dem Heute ueber verschiedene Etappen: Wir lernen, Wagner und Nietzsche, Schopenhauer und die Weltkriege, die 60er Jahre und die Politik bis heute noch einmal darauf hin zu betrachten, inwiefern sie sich aus den Wurzeln der deutschen Romantik erklaeren und verstehen laesst.
Safranski bleibt dabei der These gegenueber kritisch, dass die Romantik gefaehrlich gewesen sei fuer das Volk, dass sie gar die Nazizeit herbeigefuehrt haette. Dennoch formuliert er sie und gibt uns Einblick in aktuelle Debatten.
In diesem zweiten Teil lernen wir verstehen, inwiefern Wagner der romantischen Epoche folgte (er brachte einen eigenen, neuen Mythos auf die Buehne, der das Volk einen sollte) und inwiefern auch er in der Tradition jener blieb, die sich zuletzt wieder dem Christentum zuwandten (was ihn von Nietzsche entzweite). Wir lernen verstehen, dass Romantik bedeutete, dem Neutralen eine Tiefe, eine Bedeutung zu geben, und in welcher Weise diese Faehigkeit ausgenutzt werden konnte. Wir sehen Heidegger und Hitler mit anderen Augen (ohne sie pauschal zu verdammen, Safranski ist klug und kritisch und kann - was nur wenige vermoegen - sachlich differenziert diskutieren).
Romantik - eine deutsche Affaire. Das ist es, ein herrliches Buch ueber die deutsche Literaturgeschichte und ihre Wirkung. Absolut lesenswert.
Gegliedert ist jeder der beiden Buchteile in Aufsaetze, die man durchaus auch einzeln lesen kann, das Buch laesst sich aber ebenso an einem Stueck als Einheit lesen (so habe ich es gemacht).
Absolut lesenswert, exzellent, eine grosse Bereicherung fuer unsere Gegenwartsliteratur.
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