Allzu leicht scheint es, diesem Sänger nur einen Stern verpassen zu wollen: Denn, der durchschnittliche Rezensent ist verunsichert! Bei Kaufmann handelt es sich um keine brave Tenorstimme, die die Kritiker einhellig mit Lobeshymnen überschütten, es ist keine Stimme die sich dem Massengeschmack unserer Zeit angleicht, nein, es ist eine Stimme wie sie der Sammler historischer Aufnahmen nur noch aus ferner Vergangenheit kennt.
Kaufmanns dunkel timbrierte, verhangene, leicht rauchige Stimme ist vielmehr ein kostbares Instrument, wie es einst spanische Tenöre wie Miguel Fleta oder Antonio Cortis besaßen: Geheimnisvoll und durchdringend erzählt uns Jonas Kaufmann von Liebe und Intrige, von menschlichem Freuen und Leiden, wie es in dieser stimmlich-künstlerischen Geschlossenheit heute nur ganz wenige Sänger zustande bringen.
Seine Tugenden: Er vermeidet es zu brüllen! Wie leicht wäre es für einen Sänger, ausgestattet mit einer so baritonalen, nach dem ersten Eindruck fast mächtig klingenden Stimme, dieser Versuchung nachzugeben. Aber nein, Herr Kaufmann gestaltet die Musik die er singt eindringlich, malt Farben und Formen, entfacht leuchtende Stimmungen und Emotionen.
Soll man ihm jetzt vorwerfen, dass er kein klassischer C-Tenor ist? Weder Carreras, Domingo oder Villazon gehörten oder gehören zu der höhenbeherrschenen Spezies der C-Tenöre, wer fragt heute noch nach dem hohen C einens Enrico Carusos oder eines Richard Taubers?
Mit dem großen Fritz Wunderlich hat Jonas Kaufmann übrigens drei Dinge gemeinsam: Es sind/waren beides Tenöre, beide wurden in Deutschland geboren und beide haben an der Bayerischen Staatsoper gesungen, aber vielleicht gibt es ja noch eine vierte Gemeinsamkeit: Beides sind echte Sänger! Keine gemachten, von der Kritik erschaffene Eklektiker, sondern echte Künstler. Wenn man Jonas Kaufmanns Fähigkeit betrachtet, mit einer, in der Welt der Tenöre seit langem unüblichen Leichtigkeit von Rolle zu Rolle, von Fach zu Fach zu wechseln, ohne sich dabei den Dogmen selbsternannter Stimmfachexperten anzupassen, fällt einem vielleicht der legendäre Tenor Jacques Urlus ein, der Mozart, Verdi und Wagner gleichermaßen beherrschte und in New York um die Jahrhundertwende als Nachfolger des mythischen Jean des Reszke gefeiert wurde. Man kann nur hoffen, dass Jonas Kaufmann seiner Linie treu bleibt, sich von der Kritik weder allzu sehr schmeicheln noch verreißen lässt und so noch viele Jahre das Opernpublikum an seiner Kunst teilhaben lassen kann.