Zu meinem Buch ROMANS NETZ. Ein Liebesroman
Edition Köln 2004
Verfasst für eine Lesung im Brecht-Haus Berlin.
Ich las eben von der Konkurrenz, die nicht nur Fernsehen, sondern auch Internet der Literatur mache, für mich gehören beide nun zusammen. Mehr noch, für mich war es der Versuch eines sehr subjektiven Epochenromans, wo die Grenze zwischen Literatur und einer neuen Wirklichkeit aufgehoben wird. Denn ich habe es am eigenen Leib erlebt, wie die Erfahrungswelt: Fühlen, Sehen, Reaktionsweisen, Denken, ja, Lieben ... ganz privat" davon betroffen sind, und wie in diesem Möglichkeitsraum" - es ist ein Experimentierfeld für diesen Zusammenstoss von Körper und Abwesenheit im Körperlosen - diese Erfahrungen schmerzen können, war der Anstoss zu meinem Buch. Musils Möglichkeitsräume und sein Möglichkeitsmensch sind sie nun real" und für alle zugänglich, ja mit sich selbst besetzbar? Literatur wird Wirklichkeit", krass wird bei manchem auch die Liebe heimisch in einer Schein-Unter-und Gespensterwelt eines neuen gesellschaftlichen Unterbewusstseins?
In solch einen Raum, der auch noch Edencity heißt, hatte ich mich zuerst ganz naiv aus Neugierde eingeloggt". Erst nach und nach merkte ich, was für eine Fund- und Goldgrube für einen Autor dies Anflüstern" im Chat ist. Der "Autor" im Chat, der ich so langsam durch das ungeheure Material, das auf mich zukam, wurde, nimmt "real" selbst teil an dem Geschehen: von Tag zu Tag in Echtzeit unfassbar blitzschnell Mailpost und Chatgespräch! Dieser Autor ist dann einer, der nicht mehr, wie es sich bisher für Autoren gehörte, einsam im stillen Kämmerlein schreibt, sondern schreibend zugleich mit seinen Figuren kommuniziert, sich "am Schreibtisch" "unsterblich verlieben" kann oder viel Stoff, Lebensmaterial von seinen Personen erhält. Als Dr. Amore war ich Beichtiger, Seelendoktor, Vertrauensarzt, erhielt im Laufe zweier Jahre fast 1000 Seiten Lebens- und Liebesgeschichten, geschilderte Ehetragödien, ja, Selbstmordversuche, intimste Bekenntnisse. Das Buch, das daraus entstand - und die Partnerinnen wußten davon - wurde auch für den Autor therapeutische Aktion und nicht einfach nur "Literatur".
Dabei ist dieser Autor, mein Alter Ego, den ich Roman Templin nenne, durch seinen Arbeitskumpanen (den PC) direkt zu seinem Buch und zu seinen Figuren, die ja mitschreiben, gekommen. Zufall oder Schicksal oder statistische Unvermeidlichkeit, daraus entstand eine problematische Liebesgeschichte.
Problematisch, weil sich Schein und Sein, Betrug und Echtheit im Internet vermischen. Diese Fernbeziehungen jenseits von Zeit und Raum (oft auch der Kausalität, denn der Zufall herrscht!) agierten bisher nur in den Atomwelten in einem Medium unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle (man denke an die Unschärferelation von Heisenberg! An Plancks Quanten-Gesetze), jetzt erreicht diese Geisterwelt aber die Sinne, ein neuer immaterieller Raum entsteht im Internet, der aber wie ein Blitz auf den dafür unvorbereiteten menschlichen Biotop trifft, der nicht weiß wie ihm geschieht, es erleiden muss, vor allem aber in der über das körperlose Lichtgerät vermittelten Erotik und Liebe kann das verheerend sein.
Das Buch handelt also von einem Autor im Chatraum namens Edencity, als gäbe es nun zeitgemäß wirklich das elektronische Paradies. Dabei stellt sich bald heraus, das es die Hölle ist. Er nennt sich mit seinem Pseudo" ironisch Dr. Amore im Chatten und dann Mailen mit den vielen angetickerten" Partnerinnen. Für ihn eine Fund- und Goldgrube - bis es ernst wird! Denn Chat ist ja nicht nur Maskenball und Betrug. Nein, neben den verrückten körperlosen Seifenopern, Online-Familien, Online-Hochzeiten mit Webpfarrern, Begräbnissen, Geldgeschäften, Farcen und Rollenspielchen, wobei mancher Gefahr läuft im anonymen Raum mit seiner eigenen Frau Treffs auszumachen, sie mit ihr zu betrügen, Verbalsex übt, sondern, es gibt auch die gefährliche Berührung, Liebe und Nähe Suchende. Der wahre Name wird dann preisgegeben, die Telefonnummer, die Adresse, und es entstehen Lieben und Freundschaften, es kommt zu realen Treffen. Diese in absentia hochgeschaukelten heißen Gefühle halte ich freilich für viel gefährlicher, als den harmlosen Namens- und Identitäts-Betrug. Die sexuelle Tabulosigkeit ist nur die Außenoberfläche, der anfängliche Motor; es geht um viel mehr! Zum Beispiel um eine emotionale Explosion, um eine Art innere Revolution, um eine junge Frauengeneration, das Aufreißen alter Ehestrukturen und zurückbleibender müder Ehemänner.
Und damit geht mein Buch zuerst ganz traditionell erzählend um, versucht, das riesige Material und diese neuen radikalen, ja, schmerzlichen Erfahrungen ins Faßbare, Alltägliche umzusetzen: im Zentrum ein verwandelter leidender Eros, eben weil er im Körper lebt, der in diesen virtuellen Welten des Cyberspace fremd ist, ja, samt der normalen sinnlichen und langsamen körperlichen Umgebung in der alten Zeit und dem sichtbaren, immer schon vergangenen Raum ausgeschlossen wird.
Die Welt nach 1989 also ist, wer hätte das gedacht: unterschwellige seltsame und ganz alltägliche, ja, aggressive U-Topie im Wohnzimmer, die über unsere arg strapazierte Psyche wirklich werden will oder es schon ist? Über wirkliche ästhetische Formen im Web uns immer mehr den Körper raubt, ebenso die gewohnte Umwelt verschwinden lassen will. Zauberei, Magie also? Nein, es ist die Veränderung der bisherigen Lebenswirklichkeit, die das feststehende Es ist des Seins auflädt mit einem Überschuß an Noch-Nicht-Sein. Und zwei kollektive Halluzinationen wie in der Schizophrenie entstehen, als würde Wahnsinn nun normal! Zwei Schein-Welten werden gegeneinander gestellt, denn was ist die gesellschaftliche Wirklichkeit anderes als ebenfalls kollektiver Wahn?
Aber nicht schlecht ist, dass so Unmengen von kleinen PC-Autoren im Schreibaustausch entstehen, wie in diesem Buch, sie schreiben sehr gut diese jungen Frauen, die zugleich gegenseitig Figuren des Schreibpartners werden. Ich war nur einer unter Millionen in der unsichtbaren terra incognita im Umgang mit diesem neuen Schreibkumpanen PC, der Werkzeug und Exstension unseres Selbst ist, und wir als Piloten eines lichtschnell operierenden Hochgeschwindigkeitsprozessors werden plötzlich zum ätherischen Lichtwesen, lauter Engelchen in einem unfassbaren Sphären-Raum; und es wird auch schon davon gefabelt, dass so endlich die Kräfte des Geistes die Oberhand über die rohe Materie gewinnen".
Ich habe vor kurzem neben Romans Netz" und seinem lyrischen Pendant Lippe Lust", noch ein drittes Buch veröffentlicht, es heißt Tunneleffekt"; in seiner posthumen Poetik" heißt es dazu:
Ausgangspunkt dieser Texte ist die hoffnungsvolle Einsicht, dass alles Sichtbare Geist ist, der nicht als Geist erscheint. Denn was uns heute schon umgibt, ist eine immaterielle Welt an einer unvorstellbaren Grenze. Unsere Umgebung ist bestimmt von lichtschnellen Geräten und Apparaten; diese beruhen auf Formeln, die einmal "Einfälle", Intuitionen von genialen Menschen waren, es sind ähnliche "Gedankenblitze", Inspirationen und Einfälle wie in der Kunst: Das Nicht-Materielle, das "Geistige" bestimmt heute mehr denn je alles, was geschieht, mentale Prozesse machen mit einer durchschlagenden Evidenz Geschichte, Denken wird "objektiv", lernt sich als mathematische Struktur selbst denken, erfährt sich als Ort, wo Naturgesetze offenbar werden, wird praktisch, beherrscht im Gerät die Natur und die Gesellschaft. Aber die Menschen der Gegenwart bewegen sich und handeln in dieser neuen immateriellen Umgebung weiter so, als wäre es immer noch die alte Körperwelt.
Doch wie soll da eine Brücke gebaut werden, wir sind Körperwesen, auch in der Liebe, wie schafft man das dann in der Chat-Liebe, wenn im Reich der PC-Prozessoren und Algorithmen der Körper nur ein mathematisches, ja, abwesendes Konstrukt, unsere Sinnlichkeit aber Simulation ist? Das heiße Herz aber genau das Gegenteil verlangt, nämlich Zärtlichkeit, Berührung, Mails UND Küsse! Als Trost bleibt: dass das stärkste Aphrodisiakum das geflüsterte WORT ist! das zugleich aber zum Brennen und Verlangen treibt, die Phantasie kochen lässt - und dann erst die Tragödie beginnt: das aufgeheizte Begehren erstrecht nach der Erfüllung verlangt, und wir zu Tantaliden werden, uns der PC-Kuppler als kalte Mattscheibe, die uns vom ersehnten Körper des andern trennt, höhnisch anstarrt!
Ein weiterer Trost: Das Ganze ist vor allem Sprachwelt, ähnelt also verdammt der Literatur!
Dieter Schlesak