Alexander Steele versammelt in "Romane und Kurzgeschichten schreiben" insgesamt 10 Aufsätze von verschiedenen Autoren zu verschiedenen Themen. Zu den Figuren, zum Dialog, zur Perspektive, zum Überarbeiten etc. Der Aufbau ähnelt dem anderer creative-writing Bücher (z.B. Gesing "Kreativ Schreiben" oder Frey "Wie man einen verdammt guten Roman schreibt"). Allerdings steht nach eingehender Auseinandersetzung mit diesen Büchern (für meine Abschlussarbeit) fest: Dieses Buch hier schlägt die Konkurrenz deutlich.
Die Gründe dafür sind vielfältig:
- Die Kapitel enthalten "echte" Übungsaufgabe, die einen klaren didaktischen Bezug haben. Man WEIß, warum man diese Übung machen soll (anders als bei Gesing oder allgemein den beliebten Checklisten). Und man macht sie mit Gewinn.
- Während Frey Begriffe sehr unwissenschaftlich nutzt (seine Auffassung von "Perspeketive" ist sogar strikt falsch!), handelt es sich bei Steele zwar auch nicht um Fachausdrücke, aber das Konzept dahinter ist mit der wissenschaftlichen Erzähltheorie vereinbar. Man könnte sagen: Steele macht die komplexe, theoretische Erzähltheorie praktisch umsetzbar. Besonders das Kapitel über Perspektive vermittelt nachvollziehbare und anwendbare Vorstellungen davon, was für Perspektiven es gibt und wie man sie wann am besten einsetzt.
- Die Beiträge in Steeles Buch benutzen an keiner Stelle blumige, leere Formeln wie 'schreiben sie farbig und geistreich' (Frey). Man weiß immer, was gemeint ist und auch, wie man überprüfen kann, ob man selbst entsprechend geschrieben hat.
- Statt sich an endlos langen Checklisten abzuarbeiten (die gibt es aber auch), haben die Kapitel bestimmte abstrakte Konzepte, die viele Punkte der Checklisten automatisch mit einbeziehen. Statt also z.B. tausende Fragen an eine Figur zu stellen, solle man sich die zentrale, beherrschende Sehnsucht einer Figur vor Augen führen. Tut man das, stolpert man beinahe automatisch über die Motivation, einen Teil des Profils, einer Idee für die Handlung etc. Die "zentrale dramatische Frage" macht das gleiche für die Geschichte im Ganzen.
Anders als Frey, bei dem an diese Konzepte auch, aber weniger gut umsetzbar, findet, wird in Steeles Buch das Konzept der "Prämisse" nicht behandelt. Das ist allerdings kein Nachteil, weil sie durch die beiden vorhergehenden Konzepte (Sehnsucht und dramtische Frage) sowieso überflüssig ist.
- Die Beiträge im Buch sparen sich Meinungen. Frey und Gesing hetzen förmlich gegen alles, was von ihrer Vorstellung eines guten Buches abweicht.
- Das Buch ist weit offener angelegt als die Konkurrenz. Man wird angeleitet, "literarische Fiktion" und "Gute Geschichten" zu schreiben. Deshalb sind die Regeln, Tipps und Übungen viel weniger vorschrift-artig als bei Frey und Gesing. Man lernt bei der Arbeit mit dem Buch, wie man bestimmte Prinzipien einer Geschichte (wie wird ein Dialog lebendig, welche Wirkung haben Perspektiven etc) umsetzen kann, anstatt nur zu lesen, welche es gibt.
- Die Sprache ist gut gewählt. Sie hat keinen erzählenden Ton wie bei Frey, ist aber nicht so pseudo-wissenschaftlich wie Gesing. Man merkt: Bei Steeles Buch handelt es sich um ein Arbeitsbuch. Nicht um eine Gute-Nacht-Sach-Lektüre (Frey) oder eine theoretische Abhandlung (Gesing).
Kurz: Das Buch ist hervorragend. Und zwar wörtlich zu verstehen: Es ragt heraus aus dem Haufen der creative-writing-Bücher; als strahlendes Beispiel, wie man es richtig macht.