Der Roman erhielt im vergangenen den "Preis der Leipziger Buchmesse" in der Kategorie Belletristik, keine ganz unbedeutende Auszeichnung. Klein erzählt eine Kindheitswelt, die einem an meine eigene erinnern kann, gleich, ob man in den 50ern, frühen 60ern oder gar noch ein wenig später aufgewachsen ist. Eine Zeit, die eng gesehen, keine Nachkriegszeit mehr ist, aber dennoch eine solche Prägung hat.
Wohltuend ist die Tatsache, dass Georg Klein zwar die Geschichte von Kindern erzählt, die allesamt noch kein gymnasiales Alter erreicht haben und damit in einem Stadium sind, das normalerweise den erwachsenen Leser nicht zwangsläufig interessiert, aber auf eine Kindersprache verzichtet und seinen allwissenden, beteiligt-unbeteiligten Erzähler das Geschehen schildern lässt. In einer Sprache, die eine Erzählkraft hat, dass es eine wahre Freude ist. Die Kinder, die in den Ferien sind, heißen Älterer Bruder, die Witzigen Zwillinge, Wolfskopf, der Schniefer, der Ami-Michi und die Schicke Sybille. Und alles beginnt mit einem Fahrradunfall, bei dem der Ältere Bruder am Bein verletzt wird und fortan in einem Kinderwagen durch die überschaubare Gegend geschoben werden muss.
Da wird auch das Aufreißen und Auspacken einer Wundertüte, gefüllt mit Kleinigkeiten und Puffreis, aber auch mit einem nennenswerten Spielzeugartikel so spannend in die Länge gezogen, dass ich am Ende regelrecht gespannt war, welche Tierart denn nun dieser Artikel am Ende repräsentiert. Dazu muss ein Schriftsteller sein Handwerk schon sehr gut beherrschen, und das tut Georg Klein. Dazwischen webt Klein die Welt und Geschichte der Kriegsversehrten und Soldaten, ob als Väter der Kinder oder Bewohner einer damals neu entstandenen Siedlung am Rand von Augsburg. Konkret steht der überlebenden Teil einer Panzerbesatzung mit im Mittelpunkt, die ihre Versehrtheiten und Traumata nicht mehr loswerden.
So weit, so gut. Wäre der Roman nach, sagen wir mal 250 Seiten zu Ende gewesen, wäre das ein feines Stück sprachlich geschliffener literarischer Zeitgeschichte gewesen, dem höchstes Lob gebührte. Aber der Roman ist an dieser Stelle erst an der Hälfte. Und nun beginnt Klein sich nicht nur zu wiederholen, sondern gnadenlos zu verzetteln, sich zu gefallen, in endlos mäandernden Beschreibungen der immer gleichen Welt. Alle Kapitel im Roman tragen eine der Überschriften "Sonnentag", "Regentag" oder "Sommernacht". Die gleichbleibenden Kapitelüberschriften stehen Symbol für die gleichbleibende Erzählweise.
Klein hat sich in etwas hineingeschrieben, das geradezu litaneienartig vorkommt. Ein Zuviel des wirklich Guten in meinen Augen. Zwischendurch liebäugelte ich mit einem vorzeitigen Ende des Romans, was mir jedoch grundsätzlich widerspricht. Und sprachlich gut ist der "Roman unserer Kindheit" von Anfang bis Ende, ganz ohne Zweifel. Und glücklicherweise erholt sich in meinen Augen der Roman auch noch einmal. Aber wettmachen kann Klein die Langatmigkeit des Mittelteils nicht mehr gänzlich. Nicht wenige Leser werden den Schluss nicht mehr erreicht haben.
Es ist selten, dass ich mit den Stimmen der deutschen Feuilletons zu Büchern, die ich lese, nicht übereinstimme. (Ab und an kommt das vor, bei Brigitte Kronauers "
Berittener Bogenschütze" zum Beispiel.) Hier ist das zum Teil der Fall, allerdings könnte es sein, dass die Feuilletonisten und Feuilletonistinnen den Roman einfach nur bis zur Hälfte gelesen haben.