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Pressenotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.07.2000
Weil die Hörbuch-Jury des Hessischen Rundfunks und des Börsenvereins dies zum "Hörbuch des Monats" (Juli 2000) gewählt hat, hat sich Jochen Hieber mit ihm und der Entscheidung befasst. Zunächst geht er ein auf das Schicksal des Autors und seines Buches, das in Ungarn lange nicht erscheinen konnte und in Deutschland erst in der zweiten Übersetzung erfolgreich war. Hieber bestätigt einmal mehr die Großartigkeit des Romans, die durch einen "Kunstgriff" den jungen Protagonisten zu zeichnen als einen, der mit "der Welt einverstanden" ist, obgleich sie für ihn das Konzentrationslager bedeutet das Undarstellbare des Holocaust darstellbar macht. Um so mehr kritisiert der Rezensent die "autorisierte Lesefassung", in der das Hörbuch des Romans daherkommt. Eine "schwere Sünde" nennt er, dass das erste Kapitel, das die "noch heile Welt der Budapester Juden" zeigt, weggelassen ist. Ebenso kritisiert er andere Streichungen, wie die im sechsten und siebten Kapitel und des gesamten achten Kapitels, durch die "beobachtungsgeniale Schilderungen des Lageralltags" fehlen und der Übergang zum neunten und letzten Kapitel nicht mehr nachvollziehbar werde. Selbst wenn der Autor, der hier gemeinsam mit dem "etwas zu jugendbewegt" vortragenden Ulrich Matthes den Text liest, diese Hörfassung abgesegnet hat: Jochen Hieber findet, dass eine ungekürzte Fassung "eine literarische Notwendigkeit und eine moralische obendrein" gewesen wäre.
© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Weil die Hörbuch-Jury des Hessischen Rundfunks und des Börsenvereins dies zum "Hörbuch des Monats" (Juli 2000) gewählt hat, hat sich Jochen Hieber mit ihm und der Entscheidung befasst. Zunächst geht er ein auf das Schicksal des Autors und seines Buches, das in Ungarn lange nicht erscheinen konnte und in Deutschland erst in der zweiten Übersetzung erfolgreich war. Hieber bestätigt einmal mehr die Großartigkeit des Romans, die durch einen "Kunstgriff" den jungen Protagonisten zu zeichnen als einen, der mit "der Welt einverstanden" ist, obgleich sie für ihn das Konzentrationslager bedeutet das Undarstellbare des Holocaust darstellbar macht. Um so mehr kritisiert der Rezensent die "autorisierte Lesefassung", in der das Hörbuch des Romans daherkommt. Eine "schwere Sünde" nennt er, dass das erste Kapitel, das die "noch heile Welt der Budapester Juden" zeigt, weggelassen ist. Ebenso kritisiert er andere Streichungen, wie die im sechsten und siebten Kapitel und des gesamten achten Kapitels, durch die "beobachtungsgeniale Schilderungen des Lageralltags" fehlen und der Übergang zum neunten und letzten Kapitel nicht mehr nachvollziehbar werde. Selbst wenn der Autor, der hier gemeinsam mit dem "etwas zu jugendbewegt" vortragenden Ulrich Matthes den Text liest, diese Hörfassung abgesegnet hat: Jochen Hieber findet, dass eine ungekürzte Fassung "eine literarische Notwendigkeit und eine moralische obendrein" gewesen wäre.
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Kurzbeschreibung
Imre Kertesz ist etwas Skandalöses gelungen: die Entmystifizierung von Auschwitz. Es gibt kein literarisches Werk, das in dieser Konsequenz, ohne zu deuten, ohne zu werten, der Perspektive eines staunenden Kindes treu geblieben ist. Wohl nie zuvor hat ein Autor seine Figur Schritt für Schritt bis an jene Grenze hinab begleitet, wo das nackte Leben zur hemmungslosen, glücksüchtigen, obszönen Angelegenheit wird.
Klappentext
"Nichts ist so unmöglich, daß man es nicht auf ganz natürliche Weise durchleben würde, und auf meinem Weg, das weiß ich schon jetzt, lauert, wie eine unvermeidliche Falle, das Glück auf mich. Denn sogar dort, bei den Schornsteinen, gab es in der Pause zwischen den Qualen etwas, daß dem Glück ähnlich war. Alle fragen mich immer nur nach Übeln, den "Greueln": obgleich für mich vielleicht gerade diese Erfahrung die denkwürdigste ist. Ja, davon, vom Glück der Konzentrationslager, müßte ich ihnen erzählen, das nächste Mal, wenn sie mich fragen. Wenn sie überhaupt fragen. Und wenn ich es nicht selbst vergesse."
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
Imre Kertész, am 9. November 1929 in Budapest geboren, wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und 1945 in Buchenwald befreit. Nach Kriegsende arbeitete er zunächst als Journalist, seit 1953 dann als freier Schriftsteller und Übersetzer in Budapest. Mit seinem «Roman eines Schicksallosen», 1975 in Ungarn veröffentlicht, gelangte er nach der europäischen Wende zu weltweitem Ruhm. 2002 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
Auszug aus dem ersten Kapitel. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Aus dem Ungarischen von Christina Viragh
Auszug aus Roman eines Schicksallosen, Sonderausgabe von Imre Kertesz, Christina Viragh. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Heute war ich nicht in der Schule. Das heißt doch, ich war da, aber nur, um mir vom Klassenlehrer freigeben zu lassen. Ich habe ihm das Schreiben meines Vaters überbracht, in dem er wegen "familiärer Gründe" um meine Freistellung nachsucht. Der Lehrer hat gefragt, was das für familiäre Gründe seien. Ich habe gesagt, mein Vater sei zum Arbeitsdienst einberufen worden; da hat er weiter keine Schwierigkeiten gemacht.
Ich bin losgeeilt, aber nicht nach Hause, sondern gleich zu unserem Geschäft. Mein Vater hatte gesagt, sie würden mich dort erwarten. Er hatte noch hinzugefügt, ich solle mich beeilen, vielleicht würden sie mich brauchen. Eigentlich hat er mir gerade darum freigeben lassen. Oder vielleicht, um mich "an diesem letzten Tag an seiner Seite zu wissen", bevor er "seinem Zuhause entrissen wird": denn auch das hat er gesagt, allerdings, ja, zu einem anderen Zeitpunkt. Er hat es, wenn ich mich recht erinnere, zu meiner Mutter gesagt, als er am Morgen mit ihr telefonierte. Es ist nämlich Donnerstag, und an diesem Tag und sonntags hat strenggenommen meine Mutter Anrecht auf meinen Nachmittag. Doch mein Vater hat ihr mitgeteilt: "Es ist mir heute nicht möglich, Gyurka zu dir hinüberzulassen" und hat das dann so
begründet. Oder vielleicht doch nicht. Ich war heute morgen ziemlich müde, wegen des Fliegeralauns in der Nacht, und erinnere mich vielleicht nicht richtig. Aber daß er es gesagt hat, da bin ich sicher. Wenn nicht zu meiner Mutter, dann zu jemand anderem.
Ich habe dann mit meiner Mutter ebenfalls ein paar Worte gewechselt, worüber, das weiß ich nicht mehr. Ich glaube, sie war mir dann auch ein wenig böse, denn wegen der Anwesenheit meines Vaters blieb mir nichts anderes übrig, als mit ihr etwas kurz angebunden zu sein: schließlich muß ich mich heute nach ihm richten. Als ich schon im Begriff war aufzubrechen, hat auch meine Stiefmutter noch ein paar vertrauliche Worte an mich gerichtet, im Flur, unter vier Augen. Sie hat gesagt, sie hoffe, an diesem für uns so traurigen Tag bei mir "mit einem angemessenen Verhalten rechnen zu können". Ich wußte nicht, was ich da hätte sagen sollen, und so habe ich nichts gesagt. Aber vielleicht legte sie mein Schweigen falsch aus, denn sie hat gleich etwas hinzugefügt, in dem Sinn, daß sie mir keineswegs zu nahe treten wollte mit dieser Ermahnung, die - das wisse sie - sowieso unnötig sei. Denn sie zweifle ja nicht daran, daß ich als fast fünfzehnjähriger großer Junge selbst fähig sei, die Schwere des uns ereilenden Schicksalsschlages zu ermessen, so hat sie sich ausgedrückt. Ich habe genickt. Mehr brauchte es auch nicht, wie ich gemerkt habe. Sie hat noch eine Bewegung mit den Händen in meine Richtung gemacht, so daß ich schon Angst hatte, sie wolle mich vielleicht umarmen. Das hat sie dann doch nicht getan und nur tief geseufzt, mit einem langen, bebenden Atemzug. Ich habe gesehen, daß ihr auch die Augen feucht wurden. Es war unangenehm. Dann durfte ich gehen.
Von der Schule bis zu unserem Geschäft bin ich marschiert. Es war ein klarer, lauer Morgen - dafür, daß der Frühling erst anfängt. Ich hätte mir gern den Mantel aufgeknöpft, habe es mir aber dann anders überlegt: im leichten Gegenwind könnte das Revers zurückklappen und den gelben Stern verdecken, was gegen die Vorschrift wäre. In einigen Dingen muß ich jetzt doch schon umsichtiger verfahren. Unser Holzkeller befindet sich hier in der Nähe, in einer Nebenstraße. Eine steile Treppe führt hinunter in dämmeriges Licht. Ich habe meinen Vater und meine Stiefmutter im Büro angetroffen: einem engen, wie ein Aquarium beleuchteten Glaskäfig direkt unterhalb der Treppe. Auch Herr Sütö war da, den ich noch aus der Zeit kenne, als er bei uns in einem Anstellungsverhältnis war, als Buchhalter und Verwalter unseres anderen, unter freiem Himmel gelegenen Lagers, das er uns inzwischen abgekauft hat. So sagen wir es wenigstens. Herr Sütö trägt nämlich, da bei ihm in rassischer Hinsicht alles in bester Ordnung ist, keinen gelben Stern, und das Ganze ist eigentlich, soviel ich weiß, nur ein Geschäftstrick, damit er auf unseren Besitz dort achtgibt und auch, nun ja, damit wir unterdessen nicht ganz auf unsere Einnahmen verzichten müssen. (...) -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Ich bin losgeeilt, aber nicht nach Hause, sondern gleich zu unserem Geschäft. Mein Vater hatte gesagt, sie würden mich dort erwarten. Er hatte noch hinzugefügt, ich solle mich beeilen, vielleicht würden sie mich brauchen. Eigentlich hat er mir gerade darum freigeben lassen. Oder vielleicht, um mich "an diesem letzten Tag an seiner Seite zu wissen", bevor er "seinem Zuhause entrissen wird": denn auch das hat er gesagt, allerdings, ja, zu einem anderen Zeitpunkt. Er hat es, wenn ich mich recht erinnere, zu meiner Mutter gesagt, als er am Morgen mit ihr telefonierte. Es ist nämlich Donnerstag, und an diesem Tag und sonntags hat strenggenommen meine Mutter Anrecht auf meinen Nachmittag. Doch mein Vater hat ihr mitgeteilt: "Es ist mir heute nicht möglich, Gyurka zu dir hinüberzulassen" und hat das dann so
begründet. Oder vielleicht doch nicht. Ich war heute morgen ziemlich müde, wegen des Fliegeralauns in der Nacht, und erinnere mich vielleicht nicht richtig. Aber daß er es gesagt hat, da bin ich sicher. Wenn nicht zu meiner Mutter, dann zu jemand anderem.
Ich habe dann mit meiner Mutter ebenfalls ein paar Worte gewechselt, worüber, das weiß ich nicht mehr. Ich glaube, sie war mir dann auch ein wenig böse, denn wegen der Anwesenheit meines Vaters blieb mir nichts anderes übrig, als mit ihr etwas kurz angebunden zu sein: schließlich muß ich mich heute nach ihm richten. Als ich schon im Begriff war aufzubrechen, hat auch meine Stiefmutter noch ein paar vertrauliche Worte an mich gerichtet, im Flur, unter vier Augen. Sie hat gesagt, sie hoffe, an diesem für uns so traurigen Tag bei mir "mit einem angemessenen Verhalten rechnen zu können". Ich wußte nicht, was ich da hätte sagen sollen, und so habe ich nichts gesagt. Aber vielleicht legte sie mein Schweigen falsch aus, denn sie hat gleich etwas hinzugefügt, in dem Sinn, daß sie mir keineswegs zu nahe treten wollte mit dieser Ermahnung, die - das wisse sie - sowieso unnötig sei. Denn sie zweifle ja nicht daran, daß ich als fast fünfzehnjähriger großer Junge selbst fähig sei, die Schwere des uns ereilenden Schicksalsschlages zu ermessen, so hat sie sich ausgedrückt. Ich habe genickt. Mehr brauchte es auch nicht, wie ich gemerkt habe. Sie hat noch eine Bewegung mit den Händen in meine Richtung gemacht, so daß ich schon Angst hatte, sie wolle mich vielleicht umarmen. Das hat sie dann doch nicht getan und nur tief geseufzt, mit einem langen, bebenden Atemzug. Ich habe gesehen, daß ihr auch die Augen feucht wurden. Es war unangenehm. Dann durfte ich gehen.
Von der Schule bis zu unserem Geschäft bin ich marschiert. Es war ein klarer, lauer Morgen - dafür, daß der Frühling erst anfängt. Ich hätte mir gern den Mantel aufgeknöpft, habe es mir aber dann anders überlegt: im leichten Gegenwind könnte das Revers zurückklappen und den gelben Stern verdecken, was gegen die Vorschrift wäre. In einigen Dingen muß ich jetzt doch schon umsichtiger verfahren. Unser Holzkeller befindet sich hier in der Nähe, in einer Nebenstraße. Eine steile Treppe führt hinunter in dämmeriges Licht. Ich habe meinen Vater und meine Stiefmutter im Büro angetroffen: einem engen, wie ein Aquarium beleuchteten Glaskäfig direkt unterhalb der Treppe. Auch Herr Sütö war da, den ich noch aus der Zeit kenne, als er bei uns in einem Anstellungsverhältnis war, als Buchhalter und Verwalter unseres anderen, unter freiem Himmel gelegenen Lagers, das er uns inzwischen abgekauft hat. So sagen wir es wenigstens. Herr Sütö trägt nämlich, da bei ihm in rassischer Hinsicht alles in bester Ordnung ist, keinen gelben Stern, und das Ganze ist eigentlich, soviel ich weiß, nur ein Geschäftstrick, damit er auf unseren Besitz dort achtgibt und auch, nun ja, damit wir unterdessen nicht ganz auf unsere Einnahmen verzichten müssen. (...) -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.