Das Buch, erschienen in der Reihe «Studienbücher Geschichte und Kultur der Alten Welt», gehört zu den Digest-Lesebüchern, die ausgewählte antike Texte zu bestimmten Themenbereichen in deutscher Übersetzung „breiten Kreisen" zu erschließen suchen. Ein solches Unternehmen ist lebhaft zu begrüßen. Die Beschäftigung mit dem Thema «Rom und das Perserreich» (von 224 bis 630 n. Chr.) ist nicht nur für Althistoriker eminent wichtig, sondern jedem zu empfehlen, der am historischen Beispiel die keineswegs immer friedliche Koexistenz zweier imperialer Großmächte studieren möchte. Die Voraussetzung jeder eingehenderen Beschäftigung mit antiken Texten wird allerdings nur mit einem Satz von den Herausgebern der Reihe postuliert („die Kenntnis der Quellensprachen bleibt unverzichtbar"), von den Bearbeitern E. Winter und B. Dignas so wenig thematisiert wie das Problem der Auswahl aus der Materialmenge, die viel gewaltiger ist als der unbefangene Leser der 200 Seiten des „Materialteils" vermuten wird.
Zu den genannten Gesichtspunkten, der adäquaten deutschen Wiedergabe der Originaltexte („Daß die Textquellen ... in einer auf ihre Begrifflichkeit hin geprüften Übersetzung geboten werden", sagen die Herausgeber der Reihe) und der notwendigen Auswahl aus der Fülle des Überlieferten, mögen hier einige zufällig ausgesuchte Bemerkungen folgen.
Die deutsche Übersetzung der griechischen und lateinischen Texte ist im allgemeinen korrekt und zuverlässig. Aber Kavadh erließ unter dem Einfluß des mazdakitischen Egalitarismus natürlich nicht „ein Gesetz, aufgrund dessen die Perser öffentlich mit ihren Frauen verkehren sollten" (S. 120). Unexakt übersetzt ist etwa S. 194 „ein Brief ..., der Aussagen macht über die Gefangenschaft der Frau" (richtig wäre „der über die gefangene Frau ein [positives] Zeugnis ablegt"). S. 245 sind „die Streitigkeiten" durch Verwechslung mit einem ähnlich lautenden griechischen Adjektiv in die Übersetzung geraten. Einige Wörter sind nicht wiedergegeben (S. 113 Z. 1 etwa fehlt der Name des armenischen Königs Arsak), ein Risiko, vor dem jeder Übersetzer sich nur durch sorgfältigen Vergleich seiner Arbeit mit dem Original hüten kann. Mehr zu wünschen übrig läßt die sprachliche Gestaltung: S. 109 „sowohl ... als auch man glaubte, daß ..."; S. 110 „damit ... nicht Vorteile bringen werde oder ... sein würden"; S. 118 „wo eine Stadt Gorgo [wohl die Hauptstadt der Satrapie Gurgan, GCH] in das Grenzgebiet der Perser übergeht"; S. 122 „hinsichtlich dieser Angelegenheit"; S. 113, 123, 191, 252 „letztendlich", S. 125 „in keinster Weise", S. 130 „jede Menge", S. 257 [im Kommentar] „nichtsdestotrotz" sind unschöne Belege einer allzu saloppen Umgangssprache, S. 246 „Konvertierung" statt „Konversion" zeugt vom Vordringen des technischen Sprachgebrauchs. Auch auf der ersten Seite des Vorworts hätte das „Schlagwerk Europa" [gemeint ist „Schlagwort"] wohl einem Korrektor auffallen können, was allerdings gegen Ende eines leicht wolkigen Satzes etwas Aufmerksamkeit verlangt. (Warum man S. 146 „einen Archivaren", S. 246 „einen Dämonen" trifft, versteht man nur, wenn man an das modisch gewordene 'den Autoren' als Akkusativ Singular denkt.)
Dem „Materialteil" ist eine nützliche und gut dokumentierte Darstellung der Beziehungen Roms und Persiens von Sulla (96 v. Chr.) bis ins 7. Jahrhundert vorangeschickt (S. 19-71). Die im „Materialteil" folgenden Ausschnitte aus den Quellen sind nicht rein chronologisch angeordnet, was die Benutzung und den Überblick wahrscheinlich erleichtert hätte, sondern in die Bereiche 'außenpolitische Zielvorstellungen', 'militärische Konflikte', 'diplomatische Lösungen', 'Arabienpolitik', 'Wirtschaft und Handel, Grenzschutz', 'Religionspolitik', 'Informationsaustausch' aufgegliedert. Die antiken Texte nehmen nur etwa die Hälfte der 200 Seiten ein, sie werden von einleitenden und erläuternden Bemerkungen fast zu umfänglicher Art begleitet, deren Inhalt man oft auch schon der vorangehenden „Darstellung" entnehmen konnte. Überflüssig erscheint es, den übersetzten Texten noch ein inhaltliches Resümee nachzuschalten. Bei gleichem Gesamtumfang hätte man gut noch 50 Seiten aus antiken Schriften zusätzlich aufnehmen können. S. 115 ist nicht einzusehen, warum man einem Bericht aus dem Historiker Prokop noch eine Seite aus seinem Fortsetzer Agathias anhängen muß, der, den gleichen Vorgang berichtend, auf Prokop verweist, aber zugleich mit besserwisserischem Räsonnement gegen ihn polemisiert; hier geht es nicht um römisch-persische Beziehungen, sondern um Eitelkeiten eines Literaten. Anderseits hätten die unterschiedlichen Berichte von Malalas und Prokop über den kurzen Krieg von 421 bis 422 (S. 160-162) sehr gut durch die detaillierte Darstellung eines Zeitgenossen, des Kirchenhistorikers Sokrates (7,18-21) ergänzt oder ersetzt werden können, die merkwürdigerweise in mageren Fußnoten versteckt bleibt (mit einem falschen Zitat in Fußnote 550).
Der Band wird durch mehrere Beigaben bereichert, eine Reihe von Abbildungen und Karten, Zeittafeln, ein „Glossar" von Amicitia bis Weihrauchstraße und verschiedene Register. Vermißt wird ein Hinweis auf die Transkription der persischen Herrschernamen, bei der die Verwendung des Graphems x zu Mißverständnissen führen könnte.