Stanley Booth hängt in den späten Sechzigern im Umfeld der Rolling Stones ab und möchte darüber schreiben. Den so genannten Vertrag - eher ein "letter of intent" der Rolling Stones - erhält er 1969 und dichtet alles Geschehen davor um, als unvermeintlichen Weg in die Gewalt in Altamont, die sich irgendwie schon im Niedergang von Brian Jones abzeichnete. Das ist recht einfältig. Er strapaziert auf seinem Weg die Geduld der Leser mit unnötigen Zeitsprüngen ohne Nennung des Jahres. Man befindet sich meist irgendwann in den Sechziger Jahren nach Gründung der Rolling Stones. Veröffentlicht wird das Ergebnis als Buch erstmals 1984 - nach fünfzehn Jahren.
Der Versuch, mit den jedem Kapitel vorangestellten (oft langatmigen) Zitaten (von Jazz- und Bluesgrössen, aus Musikzeitschriften und von Freud und Nietzsche) Tiefe zu erzeugen funktioniert gar nicht. In der Mitte des Werks fängt der Mann zudem an, im Stil von Bill Wyman Tourdaten aufzuzählen, wird aber selbstredend darin von diesem deklassiert. Es swingt nicht, rockt nicht und hat keinen Groove.
Der Autor erkennt leider nicht, dass seine vom Drogenkonsum bewölkte Teilnahme ihn als Chronisten und Beobachter ungeeignet macht. Aufdringlich bemüht er stets das "wir" und verspielt seine Glaubwürdigkeit als Zeitzeuge. Ähnlich zusammenhanglos würde vermutlich nur Keith die Geschichten zum Besten geben können. "Mein Rolling Stone Trip" wäre der passende Titel.
Einzig lesenswert ist der gut 30 Seiten lange "Aufsatz" zum katastrophalen Konzert in Altamont in Kapitel 30 - die Paranoia des Süchtigen bekommt der Schilderung ganz gut - und das 1995 nachgereichte sechseinhalb Seiten lange geistreiche (clean?) Vorwort zur deutschen Ausgabe. Das sind keine 10 Prozent. Dieser Autor hat damit nur das Potenzial für einen Artikel in einer Zeitschrift, in der morgen die toten Fische eingepackt werden.
Der Verlag Koch GmbH/Hannibal kündigt auf der Umschlagrückseite grossspurig eine komplett neu überarbeitete Neuauflage an. Mir liegt die "komplett" und ausgesprochen schlampig "überarbeitete 2. deutsche Ausgabe" als 3. Auflage von 2002 vor. Es wimmelt hier von völlig verquasten deutschen Sätzen und misslungenen Übersetzungsversuchen. Kostprobe: "Lass ihn die Knöchel schmecken, Mike." (Seite 220)
Neben zahlreichen Setzfehlern ist die Trennung beliebiger Worte, die nicht am Ende der Zeile stehen, Standard. Der Satz "Discjockeys weigern sich, nicht gewerkschaftlich organisiert aufgenommene Platten zu spielen." wird mit großer Selbstverständlichkeit und Sinnleere zu "Discjockeys weigern sich nicht, gewerkschaftlich organisiert aufgenommene Platten zu spielen." (Seite 334). So bleibt kaum ein Kapitel ohne unfreiwillige Komik.
Die Fotos sind zudem in billigster Fotokopiequalität gedruckt und das Paperback droht, nach einmaligen Lesen auseinander zu fallen. Das lieblos und unprofessionell zusammen geschraubte Buch ist leider in jeder Beziehung wertlos.
Schande über den "Übersetzer" der ersten deutschsprachigen Ausgabe von 1995 Rudi Barcall und den Lektor Manfred Gillig-Degrave, der es auch in der dritten Auflage nicht geschafft hat, die gröbsten Schnitzer zu beseitigen.
Ein Stern für "Rolling" und ein Stern für "Stones"