So ganz selten im Leben, wohl nicht öfter als höchstens 20 oder 30 mal, gibt es Filme, nach deren Anschauen einem der Mund offensteht und man den Rest des Tages gedanklich mit fast nichts anderem mehr beschäftigt ist als mit dem Gesehenen. So ein Film ist ROLLERBALL. Er faszinierte 1975, und er fasziniert noch heute mit ungebrochener Kraft. Angesichts des über alle Maßen hinaus jämmerlichen und lächerlichen Remakes und der eher mittelmäßigen Kurzgeschichte von William Harrison, die als Literaturvorlage diente, gewinnt die Erstverfilmung von ROLLERBALL sogar noch Kraft hinzu. Sein Thema ist nicht nur vordergründig ein die Massen begeisternder Sport, bei dem Tote und Schwerverletzte an der Tagesordnung sind, sondern das erschütternde Bild einer Gesellschaft, die durch pervertierten Konsum einerseits und extreme Gefühlsarmut andererseits ein dekadentes Stadium erreicht hat, das dem der Spektatoren des römischen Circus Maximus durchaus ebenbürtig ist.
James Caan (ALIEN NATION, COUNTDOWN START ZUM MOND) brilliert hier als Jonathan E, und er gibt mit Ausnahme von Patrick Mc Goohan aus NUMMER 6 (THE PRISONER) den wohl unnachgiebigsten und erfolgreichsten Verfechter der ureigensten Grundrechte des Menschen, seine Freiheit Dinge zu tun oder sein zu lassen, ohne dazu notwendigerweise stets Erklärungen mitliefern zu müssen, ab. Sein ebenso entschlossener Gegenspieler in ROLLERBALL ist John Houseman, gemeinsam mit Orson Welles der Mitbegründer des legendären Mercury Theater On The Air, der hier als hinter den Kulissen agierender, dafür jedoch keineswegs ungefährlicher Weltkonzernmanager Bartholomew in einer grandiosen Spätrolle seines schauspielerisches Schaffens zu sehen ist.
Es gibt Leute, die berechtigterweise der Auffassung sind, es seien fast immer genau die Falschen gewesen, die ROLLERBALL angeschaut hätten. Viele intellektuellere Science Fiction Fans schauten den Fim nicht an, weil sie ihn fälschlicherweise für ein hirnarmes Spektakel hielten. Den Actionfreaks war ROLLERBALL zu langatmig, da nur ein kleiner Teil des Films von insgesamt 3 Kämpfen dominiert wird; der Rest ist ein dennoch keineswegs langweiliges unerbittliches Hinschauen auf eine Welt, die materieller Not enthoben nichts weiter mehr zu tun hat als vor Dekadenz auf Parties auch schon mal einige Bäume unter dem Gejohle der Sensationshungrigen in Flammen aufgehen zu lassen. Der sinnlose Konsum, von den Industriebossen einiger Megakonzerne auf die Spitze getrieben, hat paradoxerweise eine Welt hervorgebracht, in der der Kommunismus sich schließlich doch durchgesetzt hat. Alle sind gleichermaßen betäubt, alle sind gleich doof, und daraus resultiert, daß (fast) alle auch gleich lenkbar sind. Joanthan E, der mit seiner perfekten Gabe, Rollerball zu spielen so ein bisschen zu einem futuristischen Kozure Okami auf Rollschuhen geworden ist, entwicklt zum Unbehagen der im Hintergrund die Fäden ziehenden mächtigen Wirtschaftsbosse eine zu große Anhängerschaft und dadurch unerwünschtes Charisma. Er soll verschwinden, in der Arena sterben, aber das ist dann doch nicht so leicht wie es sich anhört. Die Regeln oder besser die Regellosigkeiten werden von Spiel zu Spiel mörderischer, wobei aber nur wenige erkennen, daß dies alles nur dazu dient, um ein Volksidol zu demontieren. Das allerdings entpuppt sich als aus einem Material geschmiedet, das sich nicht formen lässt. Am Ende verlässt Jonathan E als Einziger aufrecht stehend die Arena, wo er doch eigentlich der Einzige war, auf dessen Fall es den Mächtigen wirklich ankam. Warum er überhaupt Rollerball spielt, diese Frage wird im Film nicht direkt angesteuert. Daraufhin angesprochen lässt sich aber gut das zitieren, was Louis Jordan in DAS DING AUS DEM SUMPF sagte: "Talent tut was es kann; Genie tut was es muss." So ist es auch hier.