Pressestimmen
"Das Phänomen Pratchett hat inzwischen auch Deutschland erobert!" (Focus )
"Ein Ende der Erfolgsstory SCHEIBENWELT ist nicht in Sicht." (Der Spiegel )
Kurzbeschreibung
Klappentext
Die Welt
"Das Phänomen Pratchett hat inzwischen auch Deutschland erobert!"
Focus
"Ein Ende der Erfolgsstory SCHEIBENWELT ist nicht in Sicht."
Der Spiegel
Klappentext
Gevatter Tod hat eine ldentitätskrise. Als er von einem Tag auf den anderen spurlos verschwindet, muß seine Enkelin Susanne das Geschäft für ein paar Tage übernehmen. Bei ihrer neuen Arbeit bekommt sie es nur zu bald mit einem äußerst merkwürdigen Phänomen zu tun: einer neuen Musik, die ein Barde, ein Zwerg und ein Troll erfunden haben. Und genau diese magischen Melodien sind es, die Tods Enkelin vor ungeahnte Probleme stellen.
Der neueste Geniestreich von Terry Pratchett, dem Superstar der etwas anderen Fantasy!
"Terry Pratchett ist auf dem Höhepunkt seines Schaffens und es gibt heute keinen einzigen Humoristen, der es auch nur annähernd mit ihm aufnehmen kann." Time Out -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
Andreas Brandhorst, 1956 in Norddeutschland geboren, schrieb bereits in jungen Jahren phantastische Erzählungen für deutsche Verlage. Aufsehen erregte er mit der aus 6 Bänden bestehenden Kantaki-Saga (die Diamant-Trilogie: "Diamant", "Der Metamorph" und "Der Zeitkrieg", und die Graken-Trilogie: "Feuervögel", "Feuerstürme" und "Feuerträume") und dem 2009 erschienenen Mystery-Thriller "Äon", der zu einem großen Publikumserfolg wurde. "Die Stadt" ist sein zweiter großer Mystery-Roman. Andreas Brandhorst lebt als freier Autor in Norditalien.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
...dass der Tod der Scheibenwelt - aus Gründen, die nur ihm selbst bekannt sind - ein kleines Mädchen rettete und es in seine Domäne zwischen den Dimensionen mitnahm. Er nahm sich ihrer an und ließ sie zu einer Sechzehnjährigen heranwachsen, weil er glaubte, ältere Kinder bereiteten weniger Probleme als jüngere. Dies zeigt, dass man eine anthropomorphe Personifizierung sein und trotzdem nicht den Überblick behalten und gewisse Dinge vollkommen falsch verstehen kann...
...dass er später einen Lehrling in seine Dienste nahm. Der Junge hieß Mortimer, doch alle nannten ihn Mort. Er und Ysabell fanden sich auf den ersten Blick abscheulich, und man weiß ja, wohin so etwas letztendlich führt. Als Vertreter des Schnitters taugte Mort nicht viel, und er brachte die Realität durcheinander. Es kam zu einem Kampf mit dem Tod, den er verlor...
...dass Tod - aus Gründen, die nur er kennt - seinen Lehrling am Leben ließ und ihn zusammen mit Ysabell in die Welt zurückschickte.
Niemand weiß, warum Tod anfing, sich für die Menschen, auf die seine Arbeit zielte, zu interessieren. Vermutlich war es schlicht und einfach Neugier. Selbst der tüchtigste Rattenfänger interessiert sich früher oder später für Ratten. Vielleicht beobachtet er, wie Ratten leben und sterben. Möglicherweise zeichnet er alle Details der Rattenexistenz auf, obwohl er selbst nie erfährt, wie es sich anfühlt, in einem Labyrinth unterwegs zu sein. Wenn Beobachten das Beobachtete verändert, betrifft die Veränderung auch den Beobachter.
Mort und Ysabell heirateten. Sie bekamen eine Tochter.
In dieser Geschichte geht es auch um Sex, Drogen und Musik Mit Steinen Drin.
Nun...
...eins von dreien ist eigentlich gar nicht so schlecht.
Es sind natürlich nur dreiunddreißig Prozent, aber es könnte schlimmer sein.
Wo soll es aufhören?
In einer dunklen, stürmischen Nacht. Eine Kutsche ohne Pferd saust durch einen wackligen, nutzlosen Zaun und stürzt in die Schlucht dahinter. Sie prallt nicht einmal gegen einen Felsvorsprung, bevor sie tief unten im ausgetrockneten Flussbett zerschellt.
Frau Anstand nahm ein anderes Blatt zur Hand. Es stammte von einem sechsjährigen Mädchen.
Wie wir die Ferien ferbracht haben: Ich habe die Ferien ferbracht bei meinem Opa er hat ein groses weises Ferd und einen Garten er ist ganz schwarz. Wir haben Spiegelei mit Pommfritts gegessen.
Das Öl der Kutschenlampen entflammt, und es gibt eine Explosion. Selbst Tragisches muss gewisse Traditionen beachten, deshalb rollt ein brennendes Rad aus dem lodernden Durcheinander.
Ein anderes Blatt. Eine Zeichnung, angefertigt von einem siebenjährigen Mädchen. Ganz schwarz. Frau Anstand rümpfte die Nase. Nicht dass dem Kind etwa nur schwarze Stifte zur Verfügung gestanden hätten. Im Internat für junge Damen in Quirm herrschte kein Mangel an teuren Buntstiften.
Stille folgt auf das Knacken und Zischen der letzten Glut.
Ein Beobachter beobachtet.
Schließlich dreht er sich um und sagt zu jemandem in der Dunkelheit:
Ja, ich hätte etwas unternehmen können.
Dann reitet er fort.
Einmal mehr kramte Frau Anstand in den Unterlagen. Unruhe und Nervosität plagten sie - typische Empfindungen von jemandem, der viel mit diesem besonderen Mädchen zu tun hatte. Meistens sorgte das Papier dafür, dass sie sich besser fühlte. Weil es verlässlicher war.
Und dann die Sache mit dem...Unfall.
Frau Anstand sah sich dann und wann mit der Notwendigkeit konfrontiert, solche Nachrichten zu übermitteln. Das gehört zum Berufsrisiko, wenn man ein großes Internat leitet. Die Eltern vieler Mädchen waren häufig geschäftlich unterwegs, und manchmal gingen sie Geschäften nach, die einerseits hohen Profit versprachen und andererseits das Risiko mit sich brachten, unsympathischen Leuten zu begegnen.
Frau Anstand wusste, worauf es in solchen Situationen ankam. Es war eine schmerzliche Angelegenheit, die ihren vorherbestimmten Lauf nahm. Verblüffung, Schock und Tränen ließen sich nicht vermeiden, doch irgendwann ging es zu Ende. Früher oder später wurden alle damit fertig. Im Bewusstsein von (mehr oder weniger) intelligenten Wesen schien es eine Art Drehbuch zu geben - das Leben ging weiter.
Dieses Kind aber hatte einfach nur dagesessen und Frau Anstand mit Höflichkeit entsetzt. Sie war keine unfreundliche Frau, obwohl sie im Verlauf von vielen Jahren auf dem Herd von Bildung und Erziehung ausgetrocknet war. Allerdings legte sie großen Wert auf Gewissenhaftigkeit und - wie ihr Name bereits andeutet - Anstandsformen. Sie wusste, wie es ablaufen sollte, und deshalb ärgerte sie sich, als es nicht so ablief.
»Äh...wenn du allein sein möchtest, um zu weinen...«, sagte sie in dem Versuch, die Dinge in die richtige Richtung zu lenken.
»Würde das etwas helfen?« fragte Susanne.
Es hätte Frau Anstand geholfen.
Sie war nur im Stande gewesen zu bemerken: »Ich frage mich, ob du meine Worte wirklich verstanden hast.«
Das Mädchen hatte an die Decke geblickt, als hätte es ein schwieriges Algebraproblem zu lösen. Schließlich erwiderte es: »Ich glaube, ich werde sie verstehen.«
Susanne schien bereits über alles Bescheid gewusst und sich damit abgefunden zu haben. Frau Anstand hatte die Lehrerinnen gebeten, Susanne aufmerksam im Auge zu behalten. Das sei sehr schwierig, bekam sie zur Antwort, weil...
Jemand klopfte so zaghaft an die Tür des Arbeitszimmers, als wollte er eigentlich gar nicht gehört werden. Frau Anstand kehrte in die Gegenwart zurück.
»Herein«, sagte sie.
Die Tür schwang auf.
Susanne verursachte nie ein Geräusch. Die Lehrerinnen hatte darauf mehrmals hingewiesen. Es sei unheimlich, meinten sie. Das Mädchen erscheine immer dann, wenn man überhaupt nicht damit rechnete.
»Ah, Susanne.« Ein unsicheres Lächeln huschte über Frau Anstands Gesicht wie ein nervöses Zucken in der Miene eines Schafs. »Bitte setz dich.«
»Ja, Frau Anstand.«
Frau Anstand schob die Blätter hin und her.
»Susanne...«
»Ja, Frau Anstand?«
»Es betrübt mich sehr, feststellen zu müssen, dass du schon wieder Unterricht versäumt hast.«
»Ich verstehe nicht, Frau Anstand.«
Die Rektorin beugte sich vor. Sie gestand es sich nur sehr ungern ein, aber... dem Mädchen haftete etwas Abstoßendes an. In der Schule kam Susanne bestens zurecht, zumindest in den Fächern, die sie interessierten. Aber damit hatte es sich auch schon. Ihre Leistungen glänzten auf die gleiche Weise wie ein Diamant: scharf und kühl.
»Hast du es wieder... getan? Muss ich dich an dein Versprechen erinnern, endlich damit aufzuhören?«
»Frau Anstand?«
»Du bist wieder unsichtbar geworden, stimmt's?«
Susanne errötete. Ebenso Frau Anstand, wenn auch nicht ganz so auffällig. Es ist doch lächerlich, dachte sie. Lächerlich und verrückt. Es... O nein...
Sie drehte den Kopf und schloss die Augen.
»Ja, Frau Anstand?« fragte Susanne, als Frau Anstand gerade »Susanne« sagen wollte.
Die Rektorin schauderte. Auch davon hatten die Lehrerinnen gesprochen. Manchmal beantwortete Susanne Fragen, bevor man sie stellte...
Sie fasste sich wieder.
»Du sitzt noch immer vor mir, nicht wahr?«
»Natürlich, Frau Anstand.«
Lächerlich.
Eine innere Stimme flüsterte in der Internatsleiterin. Sie wird nicht in dem Sinne unsichtbar, nur unauffällig. Sie...
Frau Anstand konzentrierte sich. Ihr fiel die Mitteilung ein, an den Aktendeckel geheftet und von ihr selbst verfasst.
Sie las:
Du redest mit Susanne Sto Helit. Vergiss das nicht.
»Susanne?« fragte sie behutsam.
»Ja, Frau Anstand?«
Wenn die Rektorin ihre ganze geistige Kraft für die visuelle Wahrnehmung nutzte, konnte sie Susanne auf dem Stuhl sehen. Wenn sie sich wirklich bemühte, war sie auch in der Lage, die...
Auszug aus Rollende Steine. Ein Scheibenwelt-Roman von Terry Pratchett, Andreas Brandhorst. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
...dass der Tod der Scheibenwelt - aus Gründen, die nur ihm selbst bekannt sind - ein kleines Mädchen rettete und es in seine Domäne zwischen den Dimensionen mitnahm. Er nahm sich ihrer an und ließ sie zu einer Sechzehnjährigen heranwachsen, weil er glaubte, ältere Kinder bereiteten weniger Probleme als jüngere. Dies zeigt, dass man eine anthropomorphe Personifizierung sein und trotzdem nicht den Überblick behalten und gewisse Dinge vollkommen falsch verstehen kann...
...dass er später einen Lehrling in seine Dienste nahm. Der Junge hieß Mortimer, doch alle nannten ihn Mort. Er und Ysabell fanden sich auf den ersten Blick abscheulich, und man weiß ja, wohin so etwas letztendlich führt. Als Vertreter des Schnitters taugte Mort nicht viel, und er brachte die Realität durcheinander. Es kam zu einem Kampf mit dem Tod, den er verlor...
...dass Tod - aus Gründen, die nur er kennt - seinen Lehrling am Leben ließ und ihn zusammen mit Ysabell in die Welt zurückschickte.
Niemand weiß, warum Tod anfing, sich für die Menschen, auf die seine Arbeit zielte, zu interessieren. Vermutlich war es schlicht und einfach Neugier. Selbst der tüchtigste Rattenfänger interessiert sich früher oder später für Ratten. Vielleicht beobachtet er, wie Ratten leben und sterben. Möglicherweise zeichnet er alle Details der Rattenexistenz auf, obwohl er selbst nie erfährt, wie es sich anfühlt, in einem Labyrinth unterwegs zu sein. Wenn Beobachten das Beobachtete verändert, betrifft die Veränderung auch den Beobachter.
Mort und Ysabell heirateten. Sie bekamen eine Tochter.
In dieser Geschichte geht es auch um Sex, Drogen und Musik Mit Steinen Drin.
Nun...
...eins von dreien ist eigentlich gar nicht so schlecht.
Es sind natürlich nur dreiunddreißig Prozent, aber es könnte schlimmer sein.
Wo soll es aufhören?
In einer dunklen, stürmischen Nacht. Eine Kutsche ohne Pferd saust durch einen wackligen, nutzlosen Zaun und stürzt in die Schlucht dahinter. Sie prallt nicht einmal gegen einen Felsvorsprung, bevor sie tief unten im ausgetrockneten Flussbett zerschellt.
Frau Anstand nahm ein anderes Blatt zur Hand. Es stammte von einem sechsjährigen Mädchen.
Wie wir die Ferien ferbracht haben: Ich habe die Ferien ferbracht bei meinem Opa er hat ein groses weises Ferd und einen Garten er ist ganz schwarz. Wir haben Spiegelei mit Pommfritts gegessen.
Das Öl der Kutschenlampen entflammt, und es gibt eine Explosion. Selbst Tragisches muss gewisse Traditionen beachten, deshalb rollt ein brennendes Rad aus dem lodernden Durcheinander.
Ein anderes Blatt. Eine Zeichnung, angefertigt von einem siebenjährigen Mädchen. Ganz schwarz. Frau Anstand rümpfte die Nase. Nicht dass dem Kind etwa nur schwarze Stifte zur Verfügung gestanden hätten. Im Internat für junge Damen in Quirm herrschte kein Mangel an teuren Buntstiften.
Stille folgt auf das Knacken und Zischen der letzten Glut.
Ein Beobachter beobachtet.
Schließlich dreht er sich um und sagt zu jemandem in der Dunkelheit:
Ja, ich hätte etwas unternehmen können.
Dann reitet er fort.
Einmal mehr kramte Frau Anstand in den Unterlagen. Unruhe und Nervosität plagten sie - typische Empfindungen von jemandem, der viel mit diesem besonderen Mädchen zu tun hatte. Meistens sorgte das Papier dafür, dass sie sich besser fühlte. Weil es verlässlicher war.
Und dann die Sache mit dem...Unfall.
Frau Anstand sah sich dann und wann mit der Notwendigkeit konfrontiert, solche Nachrichten zu übermitteln. Das gehört zum Berufsrisiko, wenn man ein großes Internat leitet. Die Eltern vieler Mädchen waren häufig geschäftlich unterwegs, und manchmal gingen sie Geschäften nach, die einerseits hohen Profit versprachen und andererseits das Risiko mit sich brachten, unsympathischen Leuten zu begegnen.
Frau Anstand wusste, worauf es in solchen Situationen ankam. Es war eine schmerzliche Angelegenheit, die ihren vorherbestimmten Lauf nahm. Verblüffung, Schock und Tränen ließen sich nicht vermeiden, doch irgendwann ging es zu Ende. Früher oder später wurden alle damit fertig. Im Bewusstsein von (mehr oder weniger) intelligenten Wesen schien es eine Art Drehbuch zu geben - das Leben ging weiter.
Dieses Kind aber hatte einfach nur dagesessen und Frau Anstand mit Höflichkeit entsetzt. Sie war keine unfreundliche Frau, obwohl sie im Verlauf von vielen Jahren auf dem Herd von Bildung und Erziehung ausgetrocknet war. Allerdings legte sie großen Wert auf Gewissenhaftigkeit und - wie ihr Name bereits andeutet - Anstandsformen. Sie wusste, wie es ablaufen sollte, und deshalb ärgerte sie sich, als es nicht so ablief.
»Äh...wenn du allein sein möchtest, um zu weinen...«, sagte sie in dem Versuch, die Dinge in die richtige Richtung zu lenken.
»Würde das etwas helfen?« fragte Susanne.
Es hätte Frau Anstand geholfen.
Sie war nur im Stande gewesen zu bemerken: »Ich frage mich, ob du meine Worte wirklich verstanden hast.«
Das Mädchen hatte an die Decke geblickt, als hätte es ein schwieriges Algebraproblem zu lösen. Schließlich erwiderte es: »Ich glaube, ich werde sie verstehen.«
Susanne schien bereits über alles Bescheid gewusst und sich damit abgefunden zu haben. Frau Anstand hatte die Lehrerinnen gebeten, Susanne aufmerksam im Auge zu behalten. Das sei sehr schwierig, bekam sie zur Antwort, weil...
Jemand klopfte so zaghaft an die Tür des Arbeitszimmers, als wollte er eigentlich gar nicht gehört werden. Frau Anstand kehrte in die Gegenwart zurück.
»Herein«, sagte sie.
Die Tür schwang auf.
Susanne verursachte nie ein Geräusch. Die Lehrerinnen hatte darauf mehrmals hingewiesen. Es sei unheimlich, meinten sie. Das Mädchen erscheine immer dann, wenn man überhaupt nicht damit rechnete.
»Ah, Susanne.« Ein unsicheres Lächeln huschte über Frau Anstands Gesicht wie ein nervöses Zucken in der Miene eines Schafs. »Bitte setz dich.«
»Ja, Frau Anstand.«
Frau Anstand schob die Blätter hin und her.
»Susanne...«
»Ja, Frau Anstand?«
»Es betrübt mich sehr, feststellen zu müssen, dass du schon wieder Unterricht versäumt hast.«
»Ich verstehe nicht, Frau Anstand.«
Die Rektorin beugte sich vor. Sie gestand es sich nur sehr ungern ein, aber... dem Mädchen haftete etwas Abstoßendes an. In der Schule kam Susanne bestens zurecht, zumindest in den Fächern, die sie interessierten. Aber damit hatte es sich auch schon. Ihre Leistungen glänzten auf die gleiche Weise wie ein Diamant: scharf und kühl.
»Hast du es wieder... getan? Muss ich dich an dein Versprechen erinnern, endlich damit aufzuhören?«
»Frau Anstand?«
»Du bist wieder unsichtbar geworden, stimmt's?«
Susanne errötete. Ebenso Frau Anstand, wenn auch nicht ganz so auffällig. Es ist doch lächerlich, dachte sie. Lächerlich und verrückt. Es... O nein...
Sie drehte den Kopf und schloss die Augen.
»Ja, Frau Anstand?« fragte Susanne, als Frau Anstand gerade »Susanne« sagen wollte.
Die Rektorin schauderte. Auch davon hatten die Lehrerinnen gesprochen. Manchmal beantwortete Susanne Fragen, bevor man sie stellte...
Sie fasste sich wieder.
»Du sitzt noch immer vor mir, nicht wahr?«
»Natürlich, Frau Anstand.«
Lächerlich.
Eine innere Stimme flüsterte in der Internatsleiterin. Sie wird nicht in dem Sinne unsichtbar, nur unauffällig. Sie...
Frau Anstand konzentrierte sich. Ihr fiel die Mitteilung ein, an den Aktendeckel geheftet und von ihr selbst verfasst.
Sie las:
Du redest mit Susanne Sto Helit. Vergiss das nicht.
»Susanne?« fragte sie behutsam.
»Ja, Frau Anstand?«
Wenn die Rektorin ihre ganze geistige Kraft für die visuelle Wahrnehmung nutzte, konnte sie Susanne auf dem Stuhl sehen. Wenn sie sich wirklich bemühte, war sie auch in der Lage, die Stimme des Mädchens zu hören. Es kam in erster Linie darauf an, gegen die Überzeugung anzukämpfen, allein zu sein.
»Frau Lästig und Frau Greggs haben sich beschwert«, sagte sie.
»Ich bin immer in der Klasse, Frau Anstand.«
»Das glaube ich gern. Frau Verräter und Frau Stempel bestätigen, dass sie dich die ganze Zeit über sehen.« Darüber hatte es im Lehrerzimmer eine Kontroverse gegeben. »Es liegt daran, dass dir Logik und Mathematik gefallen, nicht wahr? Im Gegensatz zu Sprache und Geschichte.«
Frau Anstand konzentrierte sich erneut. Das Mädchen konnte den Raum unmöglich verlassen haben. Wenn sie die Ohren spitzte und ganz aufmerksam lauschte... dann glaubte sie fast, eine Stimme zu hören, die flüsterte: »Ich weiß nicht, Frau Anstand.«
»Susanne, es ist sehr ärgerlich, wenn du...«
Frau Anstand zögerte. Sie sah sich im Arbeitszimmer um und blickte dann auf die Mitteilung an der Akte. Mit gerunzelter Stirn las sie die Worte, zerknüllte den Zettel und warf ihn in den Papierkorb. Anschließend nahm sie einen Stift, starrte einige Sekunden lang ins Leere und widmete sich dann wieder der Buchführung.
Nachdem Susanne eine Zeit lang höflich gewartet hatte, stand sie auf und verließ das Zimmer so leise wie möglich.
Gewisse Dinge haben vor anderen Dingen zu geschehen. Götter spielen mit dem Schicksal der Sterblichen. Doch zuerst müssen sie die Figuren aufs Spielbrett stellen und nach den Würfeln suchen.
In Llamedos, einem kleinen Land in den Bergen, regnete es ständig. Regen war der wichtigste Exportartikel. Es gab dort sogar Regenminen.
Der Barde namens Imp saß unter einem immergrünen Baum; aus reiner Angewohnheit - er gab sich keineswegs der Hoffnung hin, dass ihn die Pflanze vor dem Regen schützte. Wasser rann durch das Gewirr aus dornigen Blättern und bildete kleine Bäche auf den Zweigen. Eigentlich fungierte der Baum als Regenkonzentrator. Ab und zu klatschten Regenklumpen auf Imps Kopf.
Er war achtzehn, außerordentlich talentiert und derzeit unzufrieden mit seinem Leben.
Er stimmte die Harfe - seine herrliche, neue Harfe - und beobachtete den Regen. Tränen rannen ihm über die Wangen und vereinten sich mit der allgegenwärtigen Nässe.
Götter mögen solche Leute.
Es heißt, wenn die Götter jemanden vernichten wollen, schicken sie ihm zunächst Wahnsinn. Das stimmt nicht ganz. Wenn die Götter wirklich jemanden vernichten wollen, dann geben sie dem Betreffenden das Äquivalent einer Sprengstoffstange, auf der »Dynamit« geschrieben steht und deren Zündschnur brennt. Das ist viel interessanter und geht schneller.
Susanne schlurfte durch den nach Desinfektionsmittel riechenden Flur. Frau Anstands Gedanken und Überlegungen kümmerten sie kaum. Eigentlich machte sie sich nie Sorgen über das, was andere dachten. Sie wusste nicht, warum die Leute sie einfach vergaßen, wenn sie es wollte; nachher waren die Betreffenden immer zu verlegen, um sie darauf anzusprechen.
Gelegentlich fiel es den Lehrerinnen schwer, sie zu sehen. Daran gab es nach Susannes Meinung nichts auszusetzen. Oft nahm sie ein interessantes Buch mit in die Klasse und las es in aller Ruhe, während den anderen Schülerinnen »Die wichtigsten Exportartikel von Klatsch« zustießen.
Es war zweifellos eine wunderschöne Harfe. Nur sehr selten leistet ein Handwerker so gute Arbeit, dass man sich keine Verbesserungen vorstellen kann. Sie war nicht verziert - das wäre ein Sakrileg gewesen.
Außerdem war es ein neues Exemplar - ein ungewöhnlicher Umstand in Llamedos. In diesem Land zeichneten sich die meisten Harfen durch ein hohes Alter aus. Sie nutzten sich nicht wirklich ab. Manchmal mussten Rahmen, Hals oder einige Saiten ersetzt werden, aber die Harfe an sich blieb erhalten. Die alten Barden meinten, gute Harfen würden mit zunehmendem Alter noch besser. Allerdings neigen alte Männer von Natur aus zu solchen Bemerkungen, ungeachtet der täglichen Erfahrung.
Imp zupfte an einer Saite. Der Ton hing eine Zeit lang in der Luft, bevor er verschwand. Eine neue Harfe - und sie klang bereits wie eine Glocke. Unvorstellbar, was in hundert Jahren aus ihr werden mochte.
Imps Vater hatte es Unsinn genannt und behauptet, die Zukunft sei in Stein gemeißelt und nicht in Form von Noten geschrieben. Damit hatte der Streit begonnen.
Imp hatte Dinge gesagt, und sein Vater ebenfalls, und plötzlich verwandelte sich die Welt in einen neuen, unangenehmen Ort, denn Ausgesprochenes ließ sich nicht zurücknehmen.
»Du hast überhaupt keine Ahnung!«, hatte Imp gerufen. »Du bist nur ein dummer Alter! Ich widme mein Leben der Musik! Irgendwann werden alle Leute sagen, ich sei der beste Musiker auf der ganzen Welt gewesen!«
Dumme Worte. Barden scherten sich nur um die Meinung anderer Barden, die ein ganzes Leben lang lernten, wie man sich Musik anhörte.
Törichte Worte, ja, aber ausgesprochen. Wenn man sie mit dem richtigen Maß an Leidenschaft formuliert, und wenn sich die Götter außerdem so langweilen, dass sie auf solche Dinge achten... dann kann es geschehen, dass der Kosmos eine neue Form annimmt. Worte sind immer mächtig genug, die Welt zu verändern.
Man sollte sich genau überlegen, welchen Wunsch man laut ausspricht. Man weiß nie, wer zuhört.
Oder was zuhört.
Vielleicht treibt gerade etwas durchs Universum. Die falschen Worte von der falschen Person zum richtigen Zeitpunkt führten vielleicht dazu, dass es seinen Kurs ändert...
Weit entfernt, in der turbulenten Metropole Ankh-Morpork, krochen Funken über eine kahle Wand, und dann...
Dann gab es dort ein Geschäft, das alte Musikinstrumente anbot. Niemand wunderte sich darüber. Kaum war der Laden erschienen, hatte es ihn schon immer gegeben.
Tod starrte ins Nichts, das knöcherne Kinn auf die Hand gestützt.
Albert näherte sich vorsichtig.
In seinen introspektiven Momenten - und dies war einer - fragte sich Tod oft, warum der Diener stets den gleichen Weg nahm.
Ich meine, wenn man die Grösse des Zimmers bedenkt..., dachte er.
Es erstreckte sich bis in die Unendlichkeit. Besser gesagt, es kam der Unendlichkeit so nahe, dass der Unterschied keine Rolle spielte. Der Raum durchmaß etwa anderthalb Kilometer. Das ist ziemlich viel für ein Zimmer. Die Unendlichkeit hingegen sieht man kaum.
Tod hatte gewisse Dinge durcheinander gebracht, als er das Haus schuf. Er fühlte sich keineswegs verpflichtet, Zeit und Raum zu gehorchen. Diese Kategorien waren für ihn nur etwas, das er ganz nach Belieben manipulieren konnte. Zum Beispiel waren die inneren Dimensionen des Gebäudes zu großzügig gestaltet. Er hatte vergessen, das Haus außen größer werden zu lassen als innen. Ähnliches galt für den Garten. In einem aufmerksamen Moment stellte er fest, dass andere Leute Farben für wichtig hielten, zum Beispiel bei Rosen. Tods Rosen waren schwarz. Schwarzes gefiel ihm, es passte zu allem. Früher oder später wurde alles schwarz.
Die ihm bekannten Menschen - einige von ihnen hatte er näher kennen gelernt - reagierten seltsam auf die unmöglichen Ausmaße der Zimmer: Sie achteten einfach nicht darauf.
Wie Albert. Die große Tür hatte sich geöffnet, und der Diener war eingetreten, mit einer Tasse, die er vorsichtig auf der Untertasse balancierte...
Und dann stand er plötzlich in der Mitte des Zimmers, am Rand des quadratischen Teppichs, der sich unter dem Schreibtisch erstreckte. Tod fragte sich nicht mehr, wie Albert die Strecke von der Tür zu seinem Arbeitsplatz zurücklegte, weil er erkannte: Für seinen Diener existierte die Strecke überhaupt nicht...
»Ich habe dir Kamillentee gebracht, Herr«, sagte Albert.
Hmm?
»Herr?«
Entschuldige. Ich bin ganz in Gedanken gewesen. Was hast du gesagt?
»Kamillentee?«
Ich dachte, aus Kamille macht man Seife.
»Seife und auch Tee, Herr«, erwiderte Albert. Besorgnis erfasste ihn. Er war immer besorgt, wenn Tod begann, über Dinge nachzudenken. In seinem Job war zu häufiges Nachdenken unangebracht. Außerdem dachte er auch noch auf die falsche Art nach.
Ausgesprochen nützlich. Sowohl drinnen als auch draussen sauber.
Tod stützte wieder das Kinn auf die Hand.
»Herr?«, fragte Albert nach einer Weile.
Hmm?
»Der Tee wird kalt, wenn du ihn stehen lässt.«
Albert...
»Ja, Herr?«
Ich habe überlegt...
»Herr?«
Worauf läuft eigentlich alles hinaus? Ich meine, wenn man genau darüber nachdenkt: Wo liegt der Sinn des Ganzen?
»Oh. Äh. Ich weiß es nicht, Herr.«
Ich wollte es nicht, Albert. Das weisst du. Mir ist jetzt klar, was sie meinte. Und es geht nicht nur um die Knie.
»Wie bitte, Herr?«
Keine Antwort.
Albert blickte zurück, als er die Tür erreichte. Tod starrte wieder ins Nichts. Niemand konnte so gut starren wie er.
Nicht gesehen zu werden... das war kein Problem. Weitaus problematischer waren jene Dinge, die sie immer wieder sah.
Die Träume. Natürlich konnten es nur Träume sein. Susanne wusste, was die modernen Theorien behaupteten: Sie definierten Träume als Bilder, die entstanden, während das Gehirn die Ereignisse des Tages verarbeitete. Sie wäre bereit gewesen, eine solche Erklärung zu akzeptieren, wenn diese Ereignisse des Tages jemals fliegende weiße Pferde, große dunkle Zimmer und jede Menge Totenschädel beinhaltet hätten.
Wenigstens waren es nur Träume. Susanne hatte auch andere Dinge gesehen, zum Beispiel eine seltsame Frau im Schlafsaal. Sie erschien in jener Nacht, als Rebecca Scharf einen Zahn unter ihr Kissen legte. Die Frau kam durchs offene Fenster und blieb am Bett stehen. Sie sah fast wie ein Milchmädchen aus und wirkte überhaupt nicht furchterregend, obwohl sie durch die Möbel schritt. Münzen klirrten. Am nächsten Morgen fehlte der Zahn, und Rebecca war um 50 Ankh-Morpork-Cent reicher.
Susanne verabscheute so etwas. Sie wusste, dass labile Personen von der Zahnfee erzählten, was noch lange nicht bedeutete, dass auch eine existieren musste. Derartige Überzeugungen deuteten auf wirre Gedanken hin. Von wirren Gedanken hielt sie nichts - und Frau Anstand hielt so etwas für besonders schlechtes Benehmen.
Eigentlich war die Herrschaft von Frau Eulalie Anstand gar nicht so übel. Sie und ihre Kollegin Frau Delokus hatten das Internat auf der Basis einer erstaunlichen Idee gegründet: Da es für Mädchen kaum etwas zu tun gab, bis sie geheiratet wurden, konnten sie sich die Zeit damit vertreiben, etwas zu lernen.
Es gab viele Schulen auf der Scheibenwelt, aber sie wurden entweder von Kirchen oder Gilden geleitet. Frau Anstand glaubte, dass sich Kirchen nicht mit Logik vereinbaren ließen, und sie bedauerte es, dass nur zwei Gilden Mädchen ausbildeten: die Diebe und die Näherinnen. Dort draußen wartete eine große und gefährliche Welt; es konnte sicher nicht schaden, wenn junge Damen ihr mit fundiertem Wissen in Geometrie und Astronomie unter dem Mieder gegenübertraten.
Frau Anstand vertrat den Standpunkt, dass es zwischen Mädchen und Jungen eigentlich gar keinen Unterschied gab.
Zumindest keinen nennenswerten.
Beziehungsweise keinen, über den Frau Anstand reden wollte.
Deshalb hatte sie sich zur Aufgabe gemacht, bei den ihr anvertrauten jungen Damen logisches Denken und einen forschenden Geist zu stimulieren. Das war etwa ebenso klug wie die Absicht, hungrige Alligatoren in einem Boot aus Pappe zu jagen.
Wenn Frau Anstand mit bebendem Kinn von den Gefahren in der Stadt berichtete, so gelangten dreihundert mit einem forschenden Geist ausgestattete Mädchen zu dem Schluss, dass darüber so schnell wie möglich gründliche Untersuchungen stattfinden mussten. Logisches Denken führte außerdem zu der Frage, woher Frau Anstand von solchen Dingen wusste. Die hohen, mit Eisenspitzen versehenen Mauern des Internats waren keineswegs unüberwindlich für jemanden, der sich mit Trigonometrie auskannte und dessen Körper durch Fechten, viel Gymnastik und kalte Bäder bestens vorbereitet war.
Wenn Frau Anstand von Gefahren sprach, wurden sie erst richtig interessant.
So viel zu der Sache mit der mitternächtlichen Besucherin. Nach einer Weile glaubte Susanne, dass sie sich alles nur eingebildet hatte. Das war die einzige logische Erklärung. Auch in dieser Hinsicht war sie außerordentlich talentiert.
Es heißt, jeder sucht etwas.
Imp suchte ein Ziel.
Ein Karren hatte ihn bis hierher gebracht und rumpelte nun über die Felder fort.
Der Barde sah auf den Wegweiser. Ein Pfeil deutete nach Quirm, der andere nach Ankh-Morpork. Imps Kenntnisse über Ankh-Morpork waren eher beschränkt. Er wusste nur, dass es eine ziemlich große und auf Lehm erbaute Stadt war
- das machte sie uninteressant für die Druiden in Imps Familie. Er hatte drei Dollar und etwas Kleingeld - damit kam er in Ankh-Morpork vermutlich nicht weit.
Von Quirm wusste er, dass diese Region an der Küste lag. Der Weg dorthin schien nur selten benutzt zu werden, während die Straße nach Ankh-Morpork von Wagenrädern zerfurcht war.
Es wäre zweifellos vernünftig gewesen, erst nach Quirm zu reisen, um dort das Stadtleben kennen zu lernen. Es wäre vernünftig gewesen herauszufinden, wie Städter dachten und sich verhielten, bevor er sich nach Ankh-Morpork begab, der größten Stadt auf der ganzen Scheibenwelt. Es wäre vernünftig gewesen, in Quirm Arbeit zu suchen und etwas Geld zu verdienen. Es wäre vernünftig gewesen, erst gehen zu lernen, bevor er zu laufen begann.
Der gesunde Menschenverstand wies Imp auf all diese Dinge hin, und deshalb setzte er seinen Weg entschlossen in Richtung Ankh-Morpork fort.
Was Susannes Aussehen betraf... Vielen Leuten schien sie wie eine Löwenzahnuhr, die sich anschickt, die Zeit anzuzeigen. Das Internat kleidete seine Schülerinnen in weite, marineblaue Wollkittel, die vom Hals bis zu den Fußknöcheln reichten - praktische, gesunde Kleidung und so attraktiv wie eine Holzplanke. Die Taille saß knapp überm Knie. Susanne hatte bereits damit begonnen, ihren Kittel auszufüllen, und zwar auf der Grundlage jener uralten Regeln, von denen Frau Delokus eher widerstrebend in Biologie und Hygiene berichtete. Nach ihrem Unterricht glaubten die Mädchen, sie müssten irgendwann ein Kaninchen heiraten. (Susanne verließ Frau Delokus' Unterricht mit dem Gefühl, dass das Pappskelett in der einen Ecke des Klassenzimmers wie jemand aussah, den sie kannte...)
Wegen ihrem Haar blieben die Leute oft stehen und sahen sich nach ihr um: Es war völlig weiß, bis auf einen schwarzen Streifen. Die Internatsvorschriften verlangten Zöpfe, doch Susannes Haar hatte die geradezu unheimliche Eigenschaft, immer wieder zur ursprünglichen Form zurückzukehren. In dieser Hinsicht ähnelte es den Schlangen der Medusa.
Und dann das Muttermal. Wenn es wirklich ein Muttermal war. Es zeigte sich nur, wenn Susanne errötete: Dann erschienen drei blasse Striemen auf ihrer Wange, als hätte sie eine Ohrfeige erhalten. Wenn sie sich ärgerte - und sie ärgerte sich oft, meistens über die Dummheit der Welt -, glühten die Linien.
Eigentlich war jetzt Literatur dran. Susanne verabscheute Literatur. Viel lieber las sie ein gutes Buch. Derzeit lag Logik und Paradox vor ihr, und bei der Lektüre stützte sie das Kinn auf die Hände.
Mit halbem Ohr lauschte sie den Aktivitäten der übrigen Klasse.
Gerade wurde ein Gedicht über Narzissen vorgelesen.
Der Dichter hatte sie offenbar sehr gemocht.
Susanne hatte klare Prinzipien. Dies war ein freies Land. Jeder konnte Gefallen an Narzissen finden, wenn er wollte. Doch nach Susannes sehr kategorischer Meinung durfte es niemandem erlaubt sein, auf mehr als einer Seite zu beschreiben, warum ihm Narzissen gefielen.
Sie kümmerte sich wieder um ihre eigene Bildung. Ihrer Ansicht nach störte die Schule nur dabei.
Um sie herum wurde die Vision des Dichters mit laienhaften Instrumenten auseinander genommen.
Die Küche war ebenso riesig wie Tods Arbeitszimmer und der Rest des Hauses. Ein ganzes Heer von Köchen hätte sich in ihr verirren können. Die fernen Wände blieben in den Schatten verborgen, und das Ofenrohr - getragen von verrußten Ketten und schmierigen Seilen - verschwand einen halben Kilometer über dem Boden in der Finsternis.
Diesen Eindruck gewann der Besucher.
Albert verbrachte seine Zeit in einem kleinen gekachelten Bereich, der genug Platz bot für Geschirrschrank, Tisch und Herd. Und für den Schaukelstuhl.
»Wenn ein Mensch fragt: »Wo liegt der Sinn des Ganzen?«, dann geht's ihm ziemlich dreckig«, sagte Albert, während er sich eine Zigarette rollte. »Ich habe allerdings keine Ahnung, was es bedeutet, wenn solche Worte von ihm kommen. Vermutlich ist es eine seiner Launen.«
Der andere Anwesende nickte nur. Er hatte den Mund voll.
»Die Angelegenheit mit seiner Tochter«, fuhr Albert fort. »Ich meine ... Tochter? Und dann erfuhr er von Lehrlingen. Er brauchte überhaupt keinen, aber er musste unbedingt los und sich einen besorgen! Ha! Dadurch gab's nur Ärger. Und was dich betrifft... auch du bist das Ergebnis einer seiner Launen. Nichts für ungut«, fügte er hinzu, als er sich daran erinnerte, wem seine Worte galten. »Mit dir ist so weit alles in Ordnung. Du erfüllst deine Pflicht.«
Wieder ein Nicken.
»Er versteht's immer falsch«, sagte Albert. »Genau da liegt das Problem. Weißt du noch, als er von Silvester erfuhr? Erinnerst du dich daran? Wir mussten alles den »Traditionen gemäß« vorbereiten. Girlanden und der ganze Kram. Und er trug einen Papierhut mit der Aufschrift ist das nicht lustig? Ich schenkte ihm Nippes für den Schreibtisch, und er gab mir einen Ziegelstein.«
Albert hob die Zigarette zum Mund. Sie war meisterhaft gerollt. Nur ein Experte konnte so dünne und gleichzeitig so feuchte Zigaretten rollen.
»An dem Ziegelstein gab es nichts auszusetzen. Ich habe ihn noch irgendwo.«
Quiek, kommentierte der Rattentod.
»Da hast du vollkommen recht«, bestätigte Albert. »Ich hätte es nicht besser ausdrücken können. Er versteht einfach nicht, worum es geht. Und er kommt über gewisse Dinge nicht hinweg. Weil er nie etwas vergisst.«
Er saugte an der Zigarette, bis ihm die Augen tränten.
»»Worauf läuft eigentlich alles hinaus? Wo liegt der Sinn des Ganzen?«« Albert seufzte. »Meine Güte...«
Aus reiner menschlicher Angewohnheit sah er zur Küchenuhr. Seit er sie gekauft hatte, bewegten sich ihre Zeiger nicht mehr.
»Um diese Zeit ist er meistens zu Hause«, sagte er. »Was ihn wohl aufgehalten haben mag... Nun, ich bereite besser das Tablett für ihn vor.«
Der heilige Mann saß unter einem heiligen Baum. Seine Hände ruhten auf den Knien der überkreuzten Beine. Er hielt die Augen geschlossen, um sich besser auf das Unendliche zu konzentrieren. Seine Kleidung bestand nur aus einem Lendenschurz, als Zeichen der Geringschätzung scheibenweltlicher Dinge.
Vor ihm stand ein Holznapf.
Nach einer Weile spürte er, dass er beobachtet wurde. Ein Lid neigte sich langsam nach oben.
Eine kaum erkennbare Gestalt saß in der Nähe. Später war er sicher, dass es... jemand gewesen war. An das Aussehen konnte er sich nicht genau erinnern, aber er zweifelte nicht daran, dass die Person ein Erscheinungsbild gehabt hatte. Sie war etwa so groß gewesen, und außerdem... ungefähr...
Entschuldigung.
»Ja, mein Sohn?« Der heilige Mann runzelte die Stirn. »Du bist doch männlichen Geschlechts, oder?«
Ich glaube schon. Mehr oder weniger.
»Nun?«
Angeblich weisst du alles.
Der heilige Mann öffnete auch das andere Auge.
»Das Geheimnis der Existenz besteht darin, weltliche Bindungen zu verachten, die Chimäre materieller Werte zu meiden und die Einheit mit dem Unendlichen anzustreben«, erklärte er. »Und dass mir deine Diebesfinger nicht den Bettelnapf anrühren!«
Der Anblick des Bittstellers bereitete ihm Unbehagen.