Als Hobbyfotograf wird man gelegentlich von Verwandten, Freunden und Kollegen um Rat gefragt, wenn diese vorhaben, sich eine neue Kamera zu kaufen. Ich frage dann erst mal, was sie von einer Kamera erwarten und wie viel diese dann kosten darf. Als Erwartung höre ich dann oft, dass sie einfach zu bedienen sein und "gute Bilder" machen soll. Die "guten Bilder" macht in erster Linie der Fotograf, aber ich weiß natürlich, was gemeint ist: Die Fotos sollen scharf sein, die Farben natürlich und die Kamera soll möglichst wenig rauschen. Besonders denen, die sich eine neue Kamera kaufen wollen, weil sie mit ihrer alten unzufrieden sind, sage ich, dass sie mindestens 200 Euro, besser 300, einplanen sollen. Dementsprechend war ich skeptisch, was ich von dieser 100-Euro-Kamera erwarten dürfte.
Ich selber fotografiere mit einer digitalen Spiegelreflexkamera (Pentax K-7). Natürlich kann ich diese Kamera nicht als Qualitätsmaßstab nicht an die Rollei anlegen. Aber ich kenne auch einfachere Kameras und habe auch eine (ältere) Kompaktkamera als Immer-dabei-Kamera, wenn mir die Spiegelreflex einfach zu groß, zu schwer oder zu wertvoll ist.
Die Rollei macht zunächst einmal einen guten Eindruck: Sie wirkt trotz ihrer geringen Größe nicht filigran, sondern scheint ganz stabil zu sein. Das Gehäuse ist aus Kunststoff mit Metallapplikationen, wirkt aber nicht billig. In der Packung ist alles dabei, was man zum sofortigen Loslegen braucht. Nur eine Speicherkarte fehlt. Die Rollei akzeptiert SDHC-Karten mit einer Größe von bis zu 32 MB. 4 MB sollten für den Anfang aber locker ausreichen. Der Akku ist in zwei Stunden mit dem mitgelieferten Ladegerät aufgeladen. Das Einlegen von Akku und Speicherkarte geht erfreulich einfach und ist nicht so fummelig wie bei manch anderer Kamera. Das Anbringen der Handschlaufe ist da schon bedeutend kniffliger, aber wenn man einen spitzen Gegenstand zu Hilfe nimmt, schafft man es irgendwann. Der USB-Anschluss liegt hinter einer Gummiklappe, die schwierig zu öffnen ist und beim Versuch, das Kabel reinzustecken, immer im Weg ist. Ich übertrage die Bilder sowieso lieber, indem ich die Karte entnehme und in einen Kartenleser stecke. Stört mich also nicht großartig.
Ausstattung
Die technischen Daten der Kamera lassen aufhorchen: Ein Objektiv mit 5-fachem optischem Zoom findet man in dieser Preisklasse selten. Auch haben die meisten Objektive digitaler Kompaktkameras nur unzureichende Reserven im Weitwinkelbereich. Das ist hier anders: Umgerechnet auf Kleinbildformat startet der Zoombereich bereits bei 28 mm! In den Telebereich geht es bis 140 mm (umgerechnet); da stellt sich schon eher die Frage, ob man das wirklich braucht. In der Praxis wird einem aus der Hand kaum ein unverwackeltes Bild mit dieser Brennweite gelingen, zumal die Kamera keinen optischen Bildstabilisator aufweist. Der Bildstabilisator, der in der Produktbeschreibung steht, ist ein elektronischer, der das Verwackeln nicht verhindert, sonder zu Lasten der Auflösung herausrechnet. Meine Tests haben ergeben, dass der auch nicht wirklich etwas bringt.
Der Monitor ist recht groß und hell genug. Nur bei starker Sonneneinstrahlung erkennt man kaum noch etwas, aber da geht es einem bei anderen Kameras nicht anders. Schön wäre es, wenn man in solchen Fällen auf einen optischen Sucher ausweichen könnte, aber den findet man leider immer seltener, schon gar nicht in dieser Preisklasse.
Der Akku ist sehr klein. Die erste Ladung reichte gerade mal für 70 Fotos und einen Film. Ein Lithium-Ionen-Akku entfaltet seine maximal Leistung jedoch erst nach ein paar Lade-/Entladevorgängen. Ich hoffe, dass das noch besser wird. Mit der zweiten Ladung bin ich schon knapp an den 70 Fotos dran, der Akku wird aber noch immer als "voll" angezeigt. Generell sollte man sich aber einen Zweitakku leisten, um nicht im entscheidenden Moment ohne "Saft" dazustehen.
Vorbildlich ist, dass der Kamera eine gute, ausführliche Bedienungsanleitung in gedruckter Form beiliegt. Als Software liegen Media-Impression (für Foto-Import, -Verwaltung, -Betrachtung und rudimentäre Bearbeitung) und Zoner PhotoStudio 12 (eine überraschend gute Bildverwaltungs- und -bearbeitungssoftware) bei. Media Impression habe ich gleich wieder deinstalliert; man kann damit zwar auch eingeschränkt Videos bearbeiten, sonst bietet es aber nichts, was Zoner PhotoStudio nicht auch könnte. Letzteres wird in der Pro-Version installiert und bleibt so 60 Tage lauffähig. Danach muss man bezahlen oder sich mit der "Rollei edition" zufrieden geben. Was das genau bedeutet, bleibt einstweilen im Dunkeln.
Handhabung/Bedienung
Wie alle Kameras dieser Größe ist auch die Rollei nicht gerade "handlich" zu nennen. Man kann die Kamera zwar mit einer Hand halten und so ein Foto machen, aber wenn man etwas einstellen will (Zoom, Menü etc.), muss man die linke Hand zuhilfe nehmen, da der rechte Daumen schon die Kamera von unten stützt; bei etwas größeren Kameras, die man mit der rechten Hand fest umfassen kann, ist der Daumen frei zum Zoomen oder zur Bedienung der Menütasten.
Es gibt nur wenige Bedienelemente: den Ein/Aus-Schalter, den Auslöser, den Zoomregler, eine Menütaste, eine
Funktionnstaste für Schnellzugriff auf verschieden Einstellungen und für das Löschen, die vier Richtungstasten mit der zentralen "Set"-Taste und einen Schieber für die Moduswahl Foto/Film/Betrachten. Das Menü ist übersichtlich und durchdacht, allerdings hab ich meine Zweifel, ob sage und schreibe 30 verschieden Aufnahmeprogramme, "Szenenmodi" genannt, dem Benutzer wirklich nützen oder ob sie ihn eher verwirren. Braucht man wirklich ein Programm "fließendes Wasser" oder "Lebensmittel"? Und hätte man das separate, durchaus sinnvolle Programm "Blinzelerkennung" nicht gleich in das Programm "Portrait" integrieren können?
Die Kamera ist nach dem Einschalten recht schnell "schussbereit". Das Fokussieren geht auch in angemessener Zeit vonstatten (natürlich nicht zu vergleichen mit einer Spiegelreflexkamera) und danach gibt es auch keine
nennenswerte Auslöseverzögerung. Hier kann die Rollei also durchaus punkten.
Bild- und Videoqualität
Um es kurz zu sagen: Wenn man keine großen Anforderungen an seine Fotos stellt und diese nur auf kleinen Monitoren oder als 10 x 15-Ausbelichtungen betrachtet, reicht diese Kamera locker aus. Für weiter gehende Ansprüche ist sie jedoch völlig ungeeignet. Schon bei ISO 100 erkennt man, wenn man das Bild am Monitor etwas vergrößert, deutliches Rauschen. Noch auffälliger sind die chromatischen Aberrationen, das sind störende Farbsäume an hell-dunkel-Übergängen. Ferner sind die Aufnahmen recht überschärft, was man etwas lindern kann, wenn man die Schärfe auf "niedrig" stellt. Überhaupt verstehe ich nicht, weshalb die Bildqualität ab Werk auf "fein" und nicht auf "superfein" steht. Diese Einstellung regelt die Stärke der Datenkomprimierung beim Abspeichern als jpg-Datei. Zwar sind die Dateien bei "superfein" rund doppelt so groß, aber was spielt das für eine Rolle in Zeiten, wo es sehr gute 4GB-Speicherkarten bereits für rund 10 Euro gibt?
Zurück zur Bildqualität: Ich habe noch nichts zu den Farben gesagt. Die Farbsättigung ist etwas übertrieben. Das mag mancher schön finden, ich neige eher dazu, die Farbsättigung per Menü auf Minimal einzustellen. Aber auch dann wirken die Farben irgendwie unnatürlich. Besonders Grüntöne gibt die Kamera übertrieben wieder. Hauttöne dagegen reproduziert die Rollei ganz gut. Da haben anderen Kameras mehr Schwierigkeiten.
Die Kamera schafft Videoaufnahmen bis zu einer Auflösung von 720 x 400. Das ist fast "HD" und für eine
Kompaktkamera ganz ordentlich. Allerdings sollte man auch hier von der Qualität nicht zu viel erwarten, denn die Aufnahmen zeigen ein deutliches Farbrauschen.
Fazit
Ich habe versucht, die Kamera unvoreingenommen zu testen. Normalerweise berücksichtige ich in meinen Bewertungen den Preis eines Produktes, und der ist bei dieser Kamera ja ausgesprochen niedrig. Ich bin mir auch bewusst, dass man in dieser Preisklasse kaum bessere Kameras erwarten kann. Dennoch sträubt sich etwas in mir, dieser Kamera mehr als 3 Sterne zu geben. Die "3" ist ein guter Mittelwert, wie ich meine. Die Ausstattung der Kamera ist leicht überdurchschnittlich, die Bildqualität aber leider nur eine 3-Minus.
Wer eine kleine, preiswerte Knipskamera für Immer-Dabei haben will, der macht mit diesem Produkt nichts falsch. Allen anderen empfehle ich, lieber noch etwas zu sparen und sich dann in einer anderen Preisklasse umzusehen. Für die bereits oben erwähnten 250 bis 300 Euro erkauft man sich ein deutliches größeres Vergnügen.
Zum Schluss noch ein Tipp: Ich habe mir zu der Kamera diese Tasche gekauft:
Lowepro Melbourne 10 Tasche schwarz. Sie passt zu der Rollei wie angegossen, und das ist durchaus wörtlich zu nehmen!