Die Doppel-LP "Rolled Gold" wurde 1975 quasi als Antwort der DECCA auf das Erscheinen des "Roten" bzw. "Blauen Albums" der Beatles (1973) konzipiert, d.h. beide sind chronologisch sortiert (was mir bisher noch bei jeder Best of-Platte am meisten Spaß macht) und beinhalten alle Singles und alle wichtigen Album-Stücke; aus Platzgründen fehlten natürlich einige Songs. Ich hatte gar nicht mehr zu hoffen gewagt, dass diese Platte doch noch auf CD erscheinen würde, trotz oder wegen der mehr oder weniger sinnigen Veröffentlichungspolitik der diversen beteiligten Plattenfirmen während der letzten Jahre (z. B. die Überschneidungen von "Rarities 1971-2003" mit "Sucking in the '70s" etc.).
Dankenswert, dass man hier nicht das Foto der Original-LP wieder aufgegriffen hat, auf dem irritierenderweise sechs Stones-Mitglieder abgebildet waren (selbst wenn es korrekterweise Mick Taylor zeigte, der bei den Aufnahmen ab Honky Tonk Women beteiligt war).
Punktabzug gibt es an drei Stellen:
1) Weshalb hat man, wo immer möglich, die existierenden Stereo-Versionen den Mono-Mixen vorgezogen - außer bei Mother's little Helper? Schade! (Mir fällt noch ein: auf dem 2002er Remaster von "Hot Rocks" findet sich ein seltener Stereo-Mix von Satisfaction, der sich aber nur mit Kopfhörern erschließt; und auf der '87er CD-Version von "December's Children" findet sich eine Stereo-Version von Get off of my Cloud, die aber, wie so oft bei Stereo-Mixen aus den 60ern, nicht so druckvoll ist wie der gängige Mono-Mix.)
2) Was I'm free, ein netter, aber etwas unbeholfen eingespielter Song, als US-B-Seite auf dieser essentiellen Best of-Auswahl zu suchen hat, kann ich nicht nachvollziehen - Child of the Moon, die B-Seite von Jumpin' Jack Flash, hätte ich pfiffiger gefunden.
3) Auf der Original-LP wurden die Songs (außer auf Seite 4) weitgehend chronologisch untergebracht. Bei der CD-Version wäre die chronologische Abfolge beinahe noch konsequenter verfolgt worden; leider ist Have you seen your Mother, Baby...? aus der Reihe nach hinten gerutscht und beendet, etwas unglücklich platziert, die 1. CD. Und was Honky Tonk Women ('69) zwischen Brown Sugar und Wild Horses (beide '71 erschienen) zu suchen hat, naja... Gut, das sind Kleinigkeiten, aber sie zeigen doch, dass es ein wenig an Sorgfalt, an Liebe zum Detail gefehlt hat, und das muß heute einfach nicht mehr sein.
Drei eindeutige Pluspunkte:
1) Von den 12 zusätzlichen Titeln gegenüber der LP sind elf essenziell: Tell me, Heart of Stone, Play with Fire, Mother's little Helper, Dandelion, 2000 Light Years from Home, No Expectations, Let it bleed, You can't always get what you want, Brown Sugar und Wild Horses.
2) Für die beinharten Komplettisten (wie mich) findet sich in der hier vorhandenen Version von We love you ein Bonbon: war auf der remasterten Version der "More hot Rocks"-CD am Ende von We love you ein ca. 2-sekündiges "Einsprengsel" einer männlichen Stimme zu hören (die ich so auf noch keiner mir bekannten Version gehört hatte), so ist hier (erstmals auf den Remasters seit 2002) die unbearbeitete Original-Version (ohne die Stimme) zu finden.
3) Der Klangstandard ist durchgehend der der Remasters von 2002. Erfreulich auch, dass man sich beim Mastern Mühe gegeben hat, die Lautstärke der Lieder homogen aneinander anzupassen (dies zeigt dann doch wieder oben vermisste Sorgfalt und ist längst noch nicht immer selbstverständlich - s. z.B. die neue DYLAN-3-CD-Box).
Für mich ist die "Rolled Gold+"-CD der bisher beste und vollständigste Karriere-Überblick über die Rolling Stones der Jahre 1963-1971 (kompakter als z.B. die "Hot Rocks"-u. "More Hot Rocks"-Sampler). Ich hätte es sinnvoller gefunden, wenn man diese CD schon 2002 statt der "Forty Licks" veröffentlicht und sich auf einer weiteren Doppel-CD den Jahren 1972-2002 (Tumbling Dice bis Losing my Touch) gewidmet hätte. Wer die wirklich besten Sachen der frühen Stones umfassend kennenlernen will, ist hier am besten bedient.