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Die Rolle der Geliebten in der Dreiecksbeziehung. Semele, Zeus und Hera
 
 
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Die Rolle der Geliebten in der Dreiecksbeziehung. Semele, Zeus und Hera [Gebundene Ausgabe]

Hans Jellouschek
3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (13 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Die Dreiecksbeziehung ist ein klassisches, geradezu alltägliches Liebesdrama. Dennoch empfinden die Beteiligten ihre Situation meist als sehr kompliziert und schmerzhaft. Umso wichtiger ist es, die eigene Rolle in diesem Konflikt zu verstehen um so vielleicht zu einer Lösung zu finden. Der erfahrene Paartherapeut Hans Jellouschek deckt in diesem Buch die psychischen Hintergründe auf und beleuchtet die Rollen der Beteiligten. Dabei geht es nicht um Schuld oder Versagen, sondern um ein faires Gespräch mit allen dreien, das wohltuende Klarheit in die Verwirrung der Gefühle bringen kann.

Klappentext

"Dramatisch und psychologisch Beflissene [...] sollten 'Die Rolle der Geliebten in der Dreiecksbeziehung' lesen. Der Paartherapeut setzt ihnen sämtliche Positionen im populären Gefüge fachkundig auseinander."
Der Tagesspiegel Berlin

"... alle drei aus dem Konflikt herauswachsen können, zeigt der erfahrene Paartherapeut mit unnachahmlicher Fairness."
Rundbrief -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Auszug aus Die Rolle der Geliebten in der Dreiecksbeziehung von Hans Jellouschek. Copyright © 2008. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Eine olympische Dreiecksgeschichte

Ich beginne dieses Buch mit einer uralten Geschichte, wie sie uns die griechische Mythologie vom Göttervater Zeus, seiner Gattin Hera und seiner Geliebten Semele überliefert. Als Leserin oder Leser werden Sie sich wahrscheinlich wundern, dass ich ein menschlich-allzumenschliches Thema wie das der Dreiecksbeziehung so hoch »aufhänge« und den antiken Götterhimmel dafür bemühe. Das hat einen inneren und äußeren Grund. Der innere liegt darin, dass mythologische Erzählungen wie diese oft mit einer unnachahmlichen Prägnanz menschliche Schicksalskonstellationen abbilden und sich viele Menschen deshalb darin besser wiederfinden und verstanden fühlen, als es durch »reale« Beispiele erreichbar wäre. Der äußere Grund ist der, dass dieses Buch ursprünglich in einer Reihe erschienen ist, die der psychologischen Interpretation alter Mythen gewidmet war. Hier also die alte Geschichte:

Göttervater Zeus liebte die sterbliche Semele, die Tochter des thebanischen Königspaares Kadmos und Harmonia aus dem Geschlecht der Agenor, und unterhielt mit ihr - verborgen in menschlicher Gestalt - ein heimliches Verhältnis. Die rechtmäßige Gattin des Zeus, die Göttin Hera, kam jedoch dahinter. Eifersüchtig sann sie auf Rache, nahm die Gestalt von Semeles Amme an, verschaffte sich unerkannt Zutritt zum Königspalast und redete Semele ein, sie würde göttliche Ehren erlangen, wenn sie Zeus dazu veranlasste, sich ihr in seiner göttlichen Gestalt zu zeigen. Semele fiel auf diese List herein. Sie überredete Zeus, ihr die Erfüllung eines ungenannten Wunsches zuzusichern. Zeus ging darauf ein, und sie verlangte von ihm, sich ihr in seiner wahren Gestalt zu zeigen. Zeus fühlte sich durch sein göttliches Wort gebunden und betrat beim nächsten Mal angetan mit dem Zeichen seiner göttlichen Macht, den Wolken, dem Regen, den Winden, dem Donner und mit seinem unentrinnbaren Blitzstrahl, Semeles Gemach. Diese vermochte der göttlichen Gewalt nicht standzuhalten und verbrannte an seinem Blitz. Der sterbenden im sechsten Monat Schwangeren schnitt Zeus das Kind aus dem Leib und pflanzte es sich in seinen Schenkel, um es dort bis zur Geburt auszutragen. Dieses Kind war der Gott Dionysos, der Semele aus der Unterwelt befreite und mit ihr, der unsterblich Gewordenen, zum Götterhimmel emporstieg.

Dieser Geschichte begegnete ich 1985 in Gestalt der Oper »Semele« von Georg Friedrich Händel in einer hinreißenden Aufführung der Ludwigsburger Festspiele. Händel hatte für die Komposition ein Textbuch verwendet, das auf den zu seiner Zeit bekannten englischen Dichter W. Congreve (1670-1729) zurückging, der die Geschichte mit Hilfe weiteren mythologischen Materials aus anderen Zusammenhängen ausgestaltet und mit einer Vorgeschichte versehen hatte.
Diese Vorgeschichte erzählt, dass die Königstochter Semele von ihrem Vater Kadmos dem Prinzen Athamas versprochen war. Von diesem wollte Semele jedoch nichts wissen, sie flehte Zeus um Rettung an und wurde von diesem in Gestalt eines Adlers entführt und an einen geheimen Ort gebracht, wo die beiden ihre Liebe leben konnten, bis die Affäre von Hera aufgedeckt wurde.
Schon während der Aufführung der Oper drängte sich mir der Eindruck auf, dass hier nicht bloß eine uralte, aber belanglose Geschichte erzählt wurde, deren einziger Zweck es war, Anlass für Musik und schönen Gesang zu sein. Schon Händel und sein Textdichter sahen in der Geschichte einen durch die damaligen Vorgänge am englischen Königshof höchst aktuellen Konflikt widergespiegelt: den Konflikt zwischen Tugend, Vernunft und Staatsräson einerseits und der spontanen Liebe und Leidenschaft andererseits. In Zeus sollte der englische König Georg II. sich selbst erkennen, in Hera seine Gattin und in Semele seine bevorzugte deutsche Mätresse. Der Regisseur der Aufführung wies auf diese Aussageabsicht der Autoren hin, indem er die Figuren der Geschichte in Kostümen des 18. Jahrhunderts spielen ließ, weitete diese Deutung aber ins Allgemeinmenschliche aus. So rollte auf der Bühne vor meinen Augen ein hochaktuelles Drama ab, dem ich erst unlängst in meiner Arbeit begegnet war: das Drama einer Dreiecksbeziehung. In Zeus, dem incognito auftretenden Göttervater, sah ich plötzlich den Manager einer großen Firma, der mir im Beratungszimmer gegenübergesessen hatte, den erfolgreichen Mann, Familienvater, tüchtig und erfolgsbewusst, aber jetzt verstört und zutiefst erschüttert, weil die Geschichte mit seiner Mitarbeiterin, die jung, hübsch und sympathisch war wie Semele, aufgeflogen war. Seine Frau war ihm an Stärke und Tüchtigkeit ebenbürtig, sie war eine wahre Hera, eine Schutzgöttin der Ehe und der häuslichen Ordnung, und sie war jetzt tief verletzt und drohte mit Rache, wenn er die Beziehung nicht sofort beenden wollte. Wie Zeus und Hera lagen die beiden im Kampf miteinander, und die Geliebte stand wie Semele dazwischen: so mächtig wie sie, was die Gefühlswogen anging, die sie erregte, und so ohnmächtig wie sie, weil sie eben doch als »Sterbliche« keinen Zutritt zur »olympischen Welt« hatte, in der die beiden »Götter« ihren Streit ausfochten.
Viele ähnliche Beziehungsdreiecke kamen mir in den Sinn, denen ich in letzter Zeit begegnet war - in meinem Bekanntenkreis und in meiner Arbeit als Paartherapeut, und so wie die Oper endete, so endeten auch viele dieser Beziehungsdreiecke: Die Geliebte musste sterben. Die Ordnung war wiederhergestellt, Hera hatte gesiegt, Zeus war wieder ihr Gatte. In Anspielung auf die ehernen Gesetze der Newton'schen »Weltmaschine« vergleichen Händel und sein Textdichter Semele, die Geliebte, mit einem Kometen, der kurze Zeit aufflammt und dann im All verglüht, um der beständigen Ordnung der Gestirne wieder Platz zu machen. Der Chor singt am Schluss der Oper: »O Grauen, entsetzliche Ernüchterung und Betroffenheit! Uns ist bestimmt der Weg von der Natur. Doch den Verführten treibt es aus der Spur. Wirft uns das Los aus der richtigen Bahn, verbleibt von unserem Ziel nur Rauch und Wahn.« Der Konflikt war eindeutig zugunsten der Institution Ehe, der Ordnung und der Vernunft entschieden. Aber hatte in Wahrheit nur Semele, hatten nicht auch Zeus und Hera verloren? Die ergreifende Klage um die Geliebte, die Händel den Zeus, und die bizarre Triumpharie, die er Hera singen lässt, legten es nahe.
Zwar gab es da noch die Ankündigung der Rettung und der Geburt des Dionysos, die in der Oper dem nach Art eines Deus ex machina am Himmel erscheinenden Gott Apoll übertragen war. Von Händel und seinem Textdichter wohl symbolisch als Ankündigung des von den Sünden erlösenden »neuen Gottes« Jesus verstanden, wirkte sie reichlich willkürlich und von außen angeklebt, und vom Regisseur wurde sie noch dazu als glatter Hohn interpretiert, indem er das Geschehen, während der Schlusschor das neu heraufziehende »unschuldige Zeitalter« besang, in einem allgemeinen Besäufnis enden ließ. Das sollte wohl heißen: Die Ordnung war wiederhergestellt, Leidenschaft, Hingabe und Liebe, die sie stören, müssen in Ersatzbefriedigungen erstickt werden.
War das die zutreffende Deutung des Mythos? Je länger ich mich mit dem Stoff beschäftigte, desto weniger befriedigte sie mich. Ich begann, mich intensiver mit dem göttlichen Beziehungsdreieck und seinen zahllosen Variationen in meiner Umgebung zu beschäftigen. Angeregt von den Gestalten und Handlungsabläufen der Geschichte, fing ich an, mit Betroffenen darüber zu sprechen und zu diskutieren. Dabei entdeckte ich, dass es inzwischen - Zeichen wachsender Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau - zahlreiche Beziehungsdreiecke mit männlichen Geliebten gibt, eine Spur, die ich allerdings zunächst nicht weiterverfolgte. Aber auch davon abgesehen wurde mir die unendliche Vielfalt von verschiedenen Rollen- und Beziehungsmustern deutlich, die solche Dreieckskonstellationen enthalten können. Dennoch stieß ich auch immer wieder auf Strukturen, Zusammenhänge und Abläufe, die dem Geschehen im Beziehungsdreieck Zeus - Hera - Semele sehr ähnlich waren. Das Ehepaar und die Geliebte des Mannes schienen im gegenseitigen Erleben und im gegenseitigen Zusammenspiel die Eigenschaften und Verhaltensweisen von Hera, Zeus und Semele anzunehmen. Die Beziehung der Eheleute wies oft ganz ähnliche Eigenarten auf wie die des Götterpaares, und zu dem wenigen, das mir aus der Mythologie über dessen und Semeles Vorgeschichte bekannt war, meinte ich oft überraschende Parallelen in den Vorgeschichten der am Beziehungsdreieck Beteiligten feststellen zu können.
Mir war bewusst, dass darin Projektionen am Werk waren. Oft war es der Mann, der aus eigenem schlechten Gewissen die Ehefrau erst zur strengen, nur auf Wiederherstellung von Ehre und Ordnung bedachten Göttin Hera machte, oft war seine zeusische Erhabenheit nur ein Produkt der Sehnsucht der Geliebten oder deren unwiderstehliche Sinnlichkeit eine Zuschreibung des Ehemannes aus angestauter Frustration. Die Ähnlichkeiten zu den Gestalten des Mythos entstanden aus den Uberzeichnungen der Beteiligten, aus ihrer Betroffenheit und eigenen Mangelerlebnissen. Die Wirklichkeit war zumeist viel weniger erhaben und ihr Ablauf von weniger tragischer Größe.
Dennoch war mir deutlich, dass dies nur die eine Seite der Wahrheit war. Denn in solchen Fantasien und Projektionen bringen sich zugleich immer auch Urbilder unserer Seele, archetypische Gestalten und Abläufe zum Ausdruck, an denen wir alle teilhaben, mit denen wir immer und überall konfrontiert sind und die auch in den Figuren und Handlungen mythologischer Erzählungen Gestalt geworden sind. Daher stammt letztlich die Ähnlichkeit, die wir zwischen Zeus und dem Ehemann, Hera und der Ehefrau, Semele und der Geliebten entdecken.
Gerade in einschneidenden Ereignissen und an Wendepunkten unseres Lebens, wie sie gerade auch in Dreiecksbeziehungen erlebt werden können, tauchen solche archetypischen Gestalten und Konstellationen auf. Wenn wir darauf aufmerksam sind und uns nicht nur mit der Oberfläche des Geschehens, sondern auch mit ihnen, diesen archetypischen Gestalten, auseinanderzusetzen beginnen, eröffnen sie uns oft auch in sehr schwierigen Situationen neue Sinnperspektiven. Geschieht das nicht, wird die Chance dieser Krise vertan, wird Entwicklung vermieden, und Erstarrung tritt ein. Zweifellos stellen Zeus - Hera - Semele nicht nur irgendein, sondern ein archetypisches Beziehungsdreieck dar, das hinter vielen unserer »irdischen« Dreiecksgeschichten auftaucht und aktuell wird.
Eine echte Auseinandersetzung auf dieser Ebene wird freilich meistens vermieden. Viel häufiger werden Beziehungsdreiecke tabuisiert und moralisch verurteilt, oder sie werden zum Normalfall erklärt. Dadurch aber bleibt eine echte Auseinandersetzung aus.
Die erste, die »konservative« Vorgangsweise vermeidet die Auseinandersetzung durch Schuldzuschreibungen und moralische Verpflichtung. Die Geliebte oder der Ehemann sind eben schuld, und er, der Mann, hat wieder zur Familie zurückzukehren (oder für bessere Geheimhaltung zu sorgen, eine Meinung, die in dieser konservativen Haltung oft erstaunlich selbstverständlich Platz hat). Die Sprache verrät, wie abwertend und menschenverachtend diese Haltung ist: Der Mann »betrügt«, »geht fremd«, macht einen »Seitensprung«. Die Geliebte gibt es dabei nur als Objekt seiner Wünsche und Bedürfnisse oder als verantwortungslose Verführerin. Hier wird - ähnlich wie in der Oper - höchstens die äußere Ordnung wiederhergestellt, die aufgeworfenen menschlichen Fragen aber werden nicht einmal berührt.
Daneben finden wir aber heute auch mehr und mehr einen toleranteren, »progressiven« Umgang mit Dreiecksbeziehungen. Immer häufiger wird das Dreieck auch unter den Betroffenen offen gemacht und - sogar zu dritt - diskutiert. Versuche werden gemacht, sich Außenbeziehungen zeitweise oder auch auf Dauer gegenseitig zu gestatten, und man begegnet sogar den verschiedensten Versuchen, in Frieden zu dritt zusammenzuleben.
Dabei werden zweifellos wichtige Erfahrungen gemacht. Entwicklungsprozesse können sich entfalten und werden nicht sogleich im Keim erstickt. Dennoch habe ich manchmal den Eindruck: Wie die »Moralischen« es sich zu einfach machen mit ihrem Schwarzweißurteil, so auch oft die »Toleranten« mit ihrer Liberalität. Diese ist, genau besehen, oft ebenso grausam gegen die eigenen und des anderen Bedürfnisse wie die Härte der Moral. Und sie bleibt genauso an der Oberfläche. Denn die sich selbst auferlegte Verpflichtung, den anderen »zu lassen« oder ihm das »eben zumuten zu müssen«, verhindert oft nicht weniger eine echte Auseinandersetzung als die bloße moralische Verpflichtung, die Außenbeziehung abzubrechen und zurückzukehren. Beide Male handelt es sich in gleicher Weise um ein Wegschieben der eigentlich aufgeworfenen Fragen. Das Ende ist dann auch oft in beiden Fällen Zynismus, Resignation und Enttäuschung, wie sie unüberhörbar auch in den Texten der Händel-Oper anklingen.
Was ich mit diesem Buch erreichen möchte, ist etwas anderes: Ich möchte Sie, liebe Leserin und lieber Leser, vor allem, wenn Sie zu den unmittelbar Betroffenen gehören, mit der Semele in Ihnen, der Hera in Ihnen, dem Zeus in Ihnen bekannt machen. Ich möchte eine Begegnung zwischen Ihnen und diesen urtümlichen Gestalten zustande bringen. Dabei weiß ich, dass eine echte Begegnung nicht einfach ist. Sie kann sogar in einen Ringkampf ausarten, so wie Stammvater Jakob am Fluss mit einem geheimnisvollen Unbekannten zu ringen hatte.6 Es kann sogar sein, dass Sie dabei, wie dieser, Verletzungen davontragen. Aber ich weiß, wenn Sie nicht lassen davon, wenn Sie ringen »bis zum Morgengrauen«, dann werden Sie auch gesegnet sein wie Jakob. Denn die mythischen Gestalten tragen in sich die Weisheit der Jahrtausende, und die ist dazu bestimmt, uns den Weg zur Liebe zu lehren.

Brief an Hera

Hera, Du hast den Kampf gewonnen. Semele ist verbrannt, Du hast ihn wieder, Deinen Zeus. Aber hast Du ihn wirklich wieder? Er ist zurückgekehrt - aber nicht aus Liebe, sondern aus Angst und Resignation. In seinen Augen hast Du ihn gezwungen, Semele umzubringen. Er wird Dir das wohl übel nehmen und auf Rache sinnen. Was hast Du wirklich gewonnen? Vielleicht Zeit. Ja, Zeit hast Du gewonnen, und die brauchst Du auch jetzt. Denn Zeit, sagt man, heilt viele Wunden. Und Wunden hast Du wohl davongetragen, tiefe, schmerzende Wunden. Dass Du der Jüngeren, Attraktiveren gegenüber nichts mehr galtest, dass die einfach »besser« war und Du »zum alten Eisen« gehörtest, das tut weh. Und weh tut, dass all Dein Einsatz und was Ihr gemeinsam erlebt und aufgebaut habt, plötzlich keine Bedeutung mehr haben sollte, und dass da eine andere in ihm Saiten zum Klingen brachte, die Du vielleicht nie in Schwingung zu setzen vermochtest ... Ja, Du brauchst Zeit, damit die Wunden heilen können, die diese Liebesgeschichte Deiner Seele zugefügt hat. Und wenn sie verheilt sind, was wird dann gewonnen sein?
Vielleicht der alte Zustand. Ist das Dein Ziel, den alten Zustand wiederherzustellen? War der wirklich so gut, dass er wert ist, wiederhergestellt zu werden? Hera, Du stehst in Gefahr, Dir da etwas vorzumachen, Dir einzureden, an allem wäre nur diese Frau schuld, ihr hübsches Gesicht und ihre straffen Brüste. Du weißt wohl, dass es in Eurer Ehe, schon lange bevor Zeus darauf verrückt war, nicht mehr gestimmt hat. Schon vorher war da doch nur noch Kampf und Streit.
Aber, höre ich Dich sagen, da waren doch auch die Kinder, da war sein Aufstieg, den Du bedingungslos unterstützt hast, da war überhaupt so viel Gemeinsames, das Ihr aufgebaut habt - ist das denn nichts? Doch, das bestreite ich gar nicht, Du hast Dein Bestes gegeben, und Du wolltest das Beste, und Ihr habt viel zustande gebracht, seid ja tüchtige Leute! Aber das ist nicht der Punkt. Meine Frage ist: Was ist aus Eurer Liebe geworden?
Die Frage ist Dir nicht angenehm. Bitte zähle nicht wieder auf, was Du alles getan hast, das ist wirklich immens, ich weiß es. Ich habe aber nicht danach gefragt, was Du alles getan hast, sondern nach Eurer Liebe. Wo ist die geblieben? Ist sie erstickt in all dem vielen, was ihr miteinander geschafft habt?
Sicher, er hat Dich oft allein gelassen, er hat seinen Aufstieg wichtiger genommen als Dich, die Kinder und alles andere. Deine Gefühle haben bei ihm immer weniger Echo gefunden. Ja, er hat großen Anteil daran, dass die Liebe erstickt ist. Du kannst sicher sein, dass ich auch das sehe. Aber rede Dich nicht darauf hinaus. Schau auf Deinen Teil!
Es ist schwer, Hera, darauf hinzuschauen. Es ist schwer, wenn man die Betrogene ist, nicht nur moralisch zu kommen und Schuldsprüche zu verteilen. Aber trotzdem: Hör auf damit, es nützt Dir nichts. Wenn Du dabei stehen bleibst, wirst Du die Verliererin sein, auch wenn Du tausendmal »gewonnen« hast. Wie ist das also mit Eurer Liebe? Was ist daraus geworden? Ich will Dir sagen, was mir bei Euch aufgefallen ist. Seit Eure Kinder da sind, ist es zwischen Euch ziemlich kalt geworden. Wenn Du von ihnen redest, sind es nicht »unsere«, sondern es sind immer »meine Kinder«, so als hättest Du sie ganz ohne ihn gekriegt. Zeus hat da keinen Platz. Ein matriarchales Regiment führst Du, und Zeus hat da, wenn es nach Dir allein geht, nichts zu suchen.
Du meinst, das käme daher, dass er Dich so oft hat hängen lassen? Du hättest gar keine andere Wahl gehabt, als alles alleine in die Hand zu nehmen? Da ist sicher viel Wahres daran. Zeus hat natürlich kräftig mitgespielt bei dieser Entwicklung. Nur ist es nicht die ganze Wahrheit. Der Teil der Wahrheit, der noch fehlt, der betrifft Dich. Du wirst Dich wehren gegen das, was ich jetzt sage, ich sage es trotzdem: Als Mann ist Zeus für Dich schon lange unwichtig. Er ist wichtig, weil er den äußeren Rahmen gewährleistet, Dir einen Status verleiht und Dir das Gefühl gibt, nicht allein zu stehen -aber als Person, als Mann? Du sagst, das stimme nicht, denn er wäre der Einzige in Deinem Leben, und Du wärst ihm immer treu gewesen. Ist das ein Argument?
Könnte das nicht auch bedeuten, dass Du Dein Herz verschlossen hast, so dass es nicht nur für ihn, sondern auch für jeden anderen Mann verschlossen war? Zeugt Deine Tugend von Deiner Liebe, oder nicht vielmehr von Deiner Erstarrung? -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

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