Zuerst war ich skeptisch. Warum sollte ich dieses Buch lesen, ich wußte das doch alles, hatte es miterlebt, gehöre wie Roland Jahn zur ersten Generation, "die in ihrem Leben nichts anderes kennengelernt hat als den real existierenden Sozialismus." Ich war da hinein geboren, kannte es nicht anders, und eine Veränderung war überhaupt nicht absehbar. Dieses Buch stellt mir Fragen nach meinem Leben in der DDR, es stellt mir Fragen nach meinem Verhalten in dieser Zeit. Wie Roland Jahn wollte ich Abitur machen und dann studieren. Also habe ich mich angepasst, zu Vielem geschwiegen. Wie die Generation unserer Eltern. Nur nicht auffallen, so tun, als mache man mit und fände alles gut und richtig. Das waren die Lebenserfahrungen, die den meisten von uns vermittelt wurden, und zwar in Ost und West! Ich hatte das Buch gerade zu Ende gelesen, da sah ich den Film "Wer, wenn nicht wir". In einem Interview dazu erzählt der Regisseur Andres Veiel, dass er in den 70er Jahren an Hausbesetzungen teilnahm, als Mitglied der Jungen Union, das war sicher ungewöhnlich. Aber noch mehr irritiert hat mich der Rat eines CDU-Funktionärs, den Andres Veiel zitiert: "Wenn Du in diesem Land noch etwas werden willst, dann lass die Finger davon." Das ist genau der Satz, den wir im Osten so oft gehört haben, von unseren Eltern und wohlmeinenden Lehrern. Roland Jahn hat sich nicht daran gehalten und ist damit einer der wenigen in den 70er Jahren der DDR.
Ich habe dieses Buch dann doch mit großem Interesse gelesen. Es ist ein wichtiges Buch für meine Generation. Es zeigt uns, dass wir doch etwas mehr hätten tun können, als uns schweigend zu verweigern. Ich hoffe, das Buch werden Viele lesen in Ost und West. Denn wer weiß schon wirklich etwas über Roland Jahn, den Bürgerrechtler, den Bundesbeauftragten jetzt. Was Roland Jahn nach seiner Ausbürgerung, seiner "Verfrachtung" in den Westen von dort aus vor und nach der Wende getan hat, wußte ich nicht. Die Beiträge von "Kontraste" zur Situation in der DDR und vor allem natürlich die Bilder von der Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig sind vor allem Roland Jahn zu verdanken. Wäre das Ende der DDR ohne diese Bilder aus Leipzig so verlaufen, wie es verlaufen ist?