Bisher war die gletscherreiche, meerumtoste Nordatlantikinsel Island, Eisland, recht unbekanntes Terrain für mich. Das "Islandtief" ist mir natürlich ein seufzerauslösender Begriff, aber dass es dort "Literaturhochs" gibt, weiß ich erst, seit ich - zum Glück - "Rokland" geschenkt bekam und mich darin begeistert und unter Vernachlässigung etlicher Pflichten auf Neuland einließ. Warum?
Vergleicht man das Abtauchen in ein Buch mit einem erholsamen, seelebaumelnden Spaziergang in sanfter grüner Hügellandschaft, so trifft das auf "Rokland" gewiss nicht zu. "Rokland" ist so, als würde einem beim ersten Schritt ins Freie die Tür mit Wucht aus der Hand gerissen und zugeknallt. Der Sturm dreht den flugs gegen den sturzbachartigen Regen aufgespannten Schirm um, zerknickt ihn und weht ihn davon. Eiskalt und klatschnass ist man der Natur ausgeliefert und stellt fest, dass das auch noch unheimlich viel Spaß macht!
"Rokland". Namengebend ist ein windschiefes Häuschen, hart am Meer in einem kleinen Kaff, irgendwo auf Island (3 Einwohner pro km², insgesamt rund 310.000 Menschen, die zu 93% in "Städten" leben). Es ist das Elternhaus unseres Protagonisten Böddi H. Steingrimsson, ein Philosoph und Weltverbesserer, der nach langen Studien- und Durchhängejahren in Deutschland wieder bei seiner verwitweten, mittlerweile fernsehsüchtigen Mutter gelandet ist. Gelandet ist durchaus die passende Bezeichnung: Böddi hat etwas von einem Alien an sich. So sehen es wenigstens die Dorfbewohner, die dem heimkehrenden Sohn zunächst eine Stelle als Lehrer anbieten, ihm diese wegen seiner merkwürdigen Ansichten und Methoden jedoch genauso schnell wieder entziehen. Böddi ist sauer. Sauer, verbittert und mordsmäßig wütend.
Don Quijote ist eine strapazierte Metapher, passt aber auf Böddi wie die Faust aufs Auge. Seine Windmühlen bestehen aus Frisiersalons, Hamburgern, Cola, Geländewagen, Verweichlichung und ganz besonders aus der massiven Verblödung, die moderne Medien, allen voran das Fernsehen, bei seinen Landsleuten auslöst. Der Mann, der weit über den Tellerrand hinausblickt und in Berlin die großen deutschen Philosophen studiert hat ("Je höher wir streben, desto kleiner erscheinen wir denjenigen, die nicht fliegen können." Nietzsche) ist erbost darüber, wie dumpfbackig und hohl die Isländer mit der ständig steigenden Kaufkraft, die sich aus Einkommen an der Weltspitze speist, geworden sind. Einst waren die Isländer Sprachpuristen, heute huldigen sie platter Werbung und nichtssagenden Rocksongs auf englisch, so Böddi. Und nicht genug, er muss auch noch ertragen, dass sein finanziell sehr erfolgreicher Bruder in diesem Metier zu Hause ist und sich dabei so wohl wie ein Fisch im Wasser fühlt. Doch die modernen Medien nutzt auch Böddi, der in seinem bitterbösen, ätzenden Internetblog die Missstände seines Landes anprangert, ohne ein Blatt vor dem Mund zu nehmen. Im realen Leben schießt er einen Bock nach dem anderen. Seine Situation wird immer schwieriger. Als seine Mutter stirbt, verliert er sein Dach über dem Kopf, und ein halbes Jahr später wird ihm auch noch die unfreiwillige Vaterschaft, die ihm erstaunlich gut gefällt, von Amts wegen wieder entzogen. Das ist zuviel für Böddi. Sein Land braucht eine Revolution; so macht er sich auf Jarpur, dem geplagten Nichtraucherpferd, auf nach Reykjavik, um in der Hölle zu scheitern. Böse zu scheitern.
Hallgrimur Helgason, einer der erfolgreichsten isländischen Schriftsteller, hat eine bitterböse, tieftraurige und urkomische Geschichte über einen klugen, massiv scheiternden Menschen geschrieben.
Seine Sprachgewalt und sein Wortschöpfungstalent ist enorm. Dass wir das auf deutsch erfahren können, liegt gewiss auch an der guten Übersetzung von Karl-Ludwig Wetzig, der für seine Helgason-Übersetzungen den Preis der Dialog-Werkstatt Zug erhielt. Ich freue mich auf den Lesegenuss, den auch die anderen Bücher von Hallgrimur Helgason versprechen.