Wer denkt bei Rohkost nicht sofort an trockene Möhrenschnitzelchen mit zu wenig Dressing? Also ich jedenfalls tue das. Genau hier werde ich von der Autorin abgeholt. Dieses Buch zeigt, dass zu Rohkost sehr viel mehr gehört. Hey, es gibt da ein Rezept für Marzipan!!!
Der Leser erfährt, dass die Autorin bereits im Alltag vollwertig isst. Das gibt ihr den nötigen Wissensvorsprung für einige Rezepte. Aber ansonsten ist sie ein echter "Normalo", der zu Beginn der Zeit Angst vor Hunger hat, sich fragt ob er ohne warmes Essen nicht frieren wird und einen wenig geglückten Austernpilzsalat wie jeder andere Mensch mit spitzen Zähnen isst.
Sogar wer einen Plan erwartet, an den er sich 14 Tage lang sklavisch halten kann, findet ihn hier. Allerdings wird Lesern mit dieser Erwartung der eigentliche Sinn des Buches entgehen. Denn ganz offensichtlich geht es der Autorin nicht darum, den Leser davon zu überzeugen "wie toll doch Rohkost ist" und dass man es genau so machen soll wie sie. Kein Absolutheitsanspruch weit und breit. Vielmehr fordert sie uns auf, eigene Erfahrungen zu sammeln. Weiterentwicklung der Rezepte nach persönlichem Geschmack durch den Lesenden scheint ausdrücklich erwünscht. Praktisch ist der Zuschnitt auf den berufstätigen Ein-Personen-Haushalt. Denn das bedeutet schon mal wenig Zeitaufwand und kleine Portionen. Damit ist das Buch auch für denjenigen geeignet, der außerdem noch eine Familie zu versorgen hat, die aber nicht mitmachen will/soll. Deutlich wird auch, dass eine Rohkostphase ihrer ganz persönlichen, auch inneren, Vorbereitung bedarf. Genau wie eine Fastenkur. Nix da von heute auf morgen. Und wer sich dann letztendlich ganz bewusst dazu entscheidet und damit beginnt, der hat sich bereits an diesem Punkt ein bisschen besser kennen gelernt.
Auf den ersten Blick erscheinen die Rezepte dem Normal-Esser sicher etwas seltsam. Da ich selbst Vollwert esse weiß ich, dass jeder selbstgemachte Brotaufstrich misstrauisch von der Umwelt beäugt wird und für viele Menschen ein Frischkornbrei "doch einfach nicht schmecken kann". Hier ist also Mut gefragt, dem Gaumen etwas unbekanntes zu zeigen. Das Versprechen der Autorin, welches sie auch einlöst, lautet: Kein Hunger bei der ganzen Angelegenheit! Und das ist jedenfalls für mich etwas Neues zum Thema Rohkost.