Interview zu "Die Enden der Welt"
Am Ende der Welt steht vermutlich kein Schild. Woher weiß man, dass man da ist?
Am Kap der Guten Hoffnung in Südafrika war das Ende der Welt immerhin mit einem Gatter versehen. Davor stand ein Schild mit der Gebührenordnung, den Eintrittspreisen. Als ich kam, hatte dies Ende der Welt gerade geschlossen, und es wurde auch nicht wieder geöffnet. Von einem Seitenweg aus konnte ich allerdings erkennen, dass es sich um einen öden Hügel handelte, bedeckt mit Andenken. Nicht gerade eine glamouröse Art zu enden, doch andererseits wird so selbst eine wüste Erdkuppe zur Sehenswürdigkeit.
Was sind denn die subjektiven Kriterien für ein Ende der Welt?
Da ist nichts als Ahnung, Stimmung, ein Ausgesetzt-Sein, man fühlt sich erfasst. So viel Macht muss man einer Landschaft schon einräumen. Manchmal glaubt man, auf der Rückseite dieser Landschaft angekommen zu sein. Manchmal weiß man sogar erst im Rückblick, dass man sich im Extremen befunden und von dort abgestoßen hat.
Ein Beispiel, bitte.
Als ich im "Goldenen Dreieck", also zwischen Thailand, Laos und Myanmar in der Heimat des Schlafmohns bei einem Bergvolk Opium rauchte, wusste ich nicht, dass ich mit dieser Erfahrung ans Ende meines Lateins geraten und schließlich regelrecht auf das Kreatürliche reduziert sein würde, die Erfahrung aber war bleibend, und ich zehre immer noch davon zu wissen, was so ein Kopf alles kann.
Sie waren an einem inneren Ende der Welt … oder sogar darüber hinaus …?
Da war zweierlei: Erstens vollzog sich die Verschmelzung zwischen Außen- und Innenwelt so rasant, dass ich schließlich keine Grenze, also auch keinen Endpunkt mehr hätte bezeichnen können, zweitens sah ich mein Gehirn irgendwann wie ein chemisches Modell unter mir, und alle diese phantastischen Vorgänge reduzierten sich zuletzt auf Strukturen. Das muss man nicht grandios finden, man kann aber, und es reicht unter Umständen auch aus, es einmal so erlebt zu haben.
Ist das Ende der Welt bewohnt?
Von Flüchtlingen, Sektierern, Eigenbrödlern, Käuzen... Soll ich spontan reingreifen in das Repertoire der Typen, denen ich begegnet bin? Gut, zum Beispiel: Die chilenische Witwe, die allein auf einem Einöd-Hügel wohnt und stundenlang zum Zigarettenholen reitet; der russische Polar-Expeditionsleiter, der den Nordpol mit dem Hundeschlitten erreichte; der 103-jährige nepalesische Asket, der seine Haare als sein Hobby bezeichnete; der indonesische Blutegelforscher; der indische Eunuch, der mir glücksverheißend die Hand küsste; der burmesische Buchbinder, der zum ersten Mal im Leben das Meer sehen wollte; die alte Kriminalschriftstellerin auf Tonga, die in einem Hafencafé ihre Fäden spann; der Sterbende in einem Krankenhaus in Minsk, dem ich Gewürzgurken brachte...
Sind die Enden der Welt schöne oder schreckliche Orte? Oder einfach nur banale, mit Imbissbude und Cola-Werbung?
An den offensichtlichen Weltenden – nehmen Sie allein die Südspitzen Amerikas und Afrikas – erwartet Sie die Internationale des Gruppentourismus und das entsprechende Warenangebot. Schon fünfzig Kilometer hiervon entfernt öffnet sich das Nirgendland. Oftmals ist die Schönheit des Weltendes eine herbe, und oft haben diese letzten Vorposten etwas Abweisendes. In Kamtschatka zittert dauernd der Boden unter seismischen Erschütterungen, und Mückenschwärme verdunkeln die Luft. Am afghanischen Grenzfluss Amu Darja dehnt sich eine große Wesenlosigkeit, im Polareis wird der Mensch auf jedem Schritt verneint. Oft handelt es sich aber schlicht um eine übersehene, stehengebliebene, verlorene Landschaft außerhalb der Kategorien des Schönen. Andererseits gibt es hier aber auch so etwas wie ein Bei-sich-Sein der Landschaft, wenn Sie den Ausdruck erlauben, also eine gewisse Unangefochtenheit vom Menschen, eine Schönheit jenseits des Attraktiven.