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Rodinskys Raum
 
 
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Rodinskys Raum [Taschenbuch]

Rachel Lichtenstein , Iain Sinclair


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Neue Zürcher Zeitung

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Im Museum des Unglücks

Rachel Lichtensteins Spurensuche in «Rodinskys Raum»

Der Golem der jüdischen Legende ist halb Schutzgeist, halb Monster. Ein Klumpen Lehm, dem Seele eingehaucht wird, wenn die Not am grössten ist. Der aus dem Schrecken geborene Automat. Der alte Golem verbarg sich in einem türlosen Bretterverschlag über der Synagoge von Prag. Der Golem des 20. Jahrhunderts hat als Zufluchtsort ein mit Brettern verschaltes Zimmer unter dem Dach der Synagoge von Whitechapel im Londoner East End gewählt. In seinem vierzigjährigen Leben verhält er sich unauffällig. Selten bekommt man ihn zu Gesicht. Seine einzige Monstrosität besteht darin, dass er eines Tages, Ende der sechziger Jahre, verschwunden ist – und lange niemand dieses Verschwinden bemerkt –, bis man nach vielen Jahren sein Zimmer entdeckt als den Beweis eines ungelebten Lebens. Inzwischen ist der Mann zu dem geworden, «den es nie gab».

Real hiess der Mann «Rodinsky». Geblieben ist von ihm «Rodinskys Raum». Schnell ranken sich Legenden um den Verschwundenen, als Anfang der achtziger Jahre sein verstaubtes Zimmer aufgefunden wird – vollgestopft mit uralten Zeitungen, Kalendern, Konversationsheften, mit Stadtplänen, Büchern und unzähligen Notizen und Schreibversuchen in Hebräisch, Chinesisch, Japanisch, Arabisch, Altägyptisch und Assyrisch. War dieser Mann, der in Hieroglyphen schrieb, ein Gelehrter? War er ein geheimnisvoller Kabbalist, der den Tag seines Verschwindens vorausberechnete? War «Rodinskys Raum» die Inszenierung eines Autors, der seinen eigenen Abgang minuziös eingeplant hatte? Oder bezeugt diese verworrene, vergessene Hinterlassenschaft nur eines: die Monstrosität des Opfers?

Es ist das Verdienst der jungen jüdischen Künstlerin Rachel Lichtenstein, dem verschwundenen David Rodinsky (1925–1969) seinen Lebenslauf nicht wiedererfunden, sondern wiedergefunden zu haben. Dabei hätte ein ganzes Viertel, das ehemals «georgianische», später jüdische und heute in die Fänge des Kapitals zurücksanierte Whitechapel oder Spitalfield sich gerne mit den Erfindungen und Mystifikationen begnügt und sich mit «Rodinskys Raum» als esoterischer Attraktion geschmückt.

Wer sich anschickt, ein dunkles Geheimnis zu enthüllen, stösst auf die Abgründe der menschlichen Seele. Rachel Lichtenstein, die sich auf die Suche nach Rodinsky gemacht hat, erlebt einen Detektivroman – und hält ihn Wort für Wort getreu fest. Ihre Entdeckungsarbeit ist zugleich Selbstentdeckung. Sie tritt ein in Rodinskys Raum mit der Passion einer Duldenden, die es auf sich nimmt, die Leerstelle auszufüllen, die Rodinsky hinterlassen hat. Sie atmet seinen Staub, sie teilt seine Verlassenheit. Ein Sog entsteht, in den Autorin und Leser hineingerissen werden – ein Sog, der ausgeht von einer Figur, die unter der Tarnkappe des Unglücks sich selbst zum Verschwinden gebracht hat.

Rodinskys Gestalt ist flüchtiger als Kafkas «Odradek» und bleibt trotz (oder wegen) der labyrinthischen Recherchen Rachel Lichtensteins bis zuletzt geheimnisvoll. Die manchmal lästige Unübersichtlichkeit des Buchs aber ist vor allem dem stringent gegenläufig erzählenden Co-Autor geschuldet: Mister Iain Sinclair. Dieser, ein literarisch versierter Mann, ist an Rodinsky im Grunde überhaupt nicht interessiert, sondern nur an dessen Verschwinden und der Autorschaft dieses Verschwindens und an der Existenz des leeren Raums, der Rodinsky ersetzt hat und eine «Rückwärtsspirale der Zeit» bildet – usw. Er bescheinigt dem armen Rodinsky Talent, weil es ihm gelang, sich ins Nichts aufzulösen. Und er strickt mit seinen absurd-existentialistischen Metaphern weiter an der Legende, über deren Missbrauch im Rahmen einer trendgerechten Stadtgeschichtsschreibung er sich gleichzeitig empört.

Mit seinen intelligent-geschwätzigen Interpretationen und Kommentaren versteht es Sinclair, Lichtensteins Erzählfluss konsequent zu behindern. Vielleicht glaubte er, dies der literarisch unbescholtenen, in reizender Ausführlichkeit erzählenden Autorin schuldig zu sein. Auf diese Weise wird das ganze Buch zum Puzzle – wobei es vielleicht eine gewisse Ähnlichkeit annimmt mit dem von Rodinsky «genial» hinterlassenen Chaos.

Rodinsky, dies Bild verdichtet sich im Verlauf des Buches, war ein begabtes Opfer. Aufgewachsen unter dem Dach der Synagoge zusammen mit einer unglücklichen verwirrten Mutter, die vor ihrer Auswanderung nach London während eines Pogroms in Polen vergewaltigt worden war, sowie mit einer weichgesichtigen verwirrten Schwester, die Bücher sammelte und der Psychiatrisierung nicht entging, als Jugendlicher neun Jahre in die Hände einer fremden Familie gegeben, den einen hochbegabt, den anderen närrisch erscheinend, war Rodinsky das Inbild des verlorenen, verwaisten Menschen.

Nach dem Tod der Mutter fand er an niemanden mehr Anschluss, vergrub sich in seinen Studien exotischer und toter Sprachen, konzipierte hebräische Konversationshefte und steigerte sich in seinen wenigen Briefen nach aussen in ein krankhaftes Misstrauen, das ihn zwangsweise den Weg der Schwester gehen liess – in die Psychiatrie. Das Zimmer, das er im jüdischen East End hinterliess – nicht weil er sich ins Nichts aufzulösen gedachte, sondern weil er als ein kranker Mann hinausgeführt wurde –, das Zimmer mit seinen gelehrten und skurrilen Habseligkeiten blieb deshalb so lange unberührt, weil das ganze Viertel im Niedergang begriffen war, die jüdische Bevölkerung weiterzog oder starb – oder, wie in der Synagoge von Whitechapel, in ärmlichsten Verhältnissen und in der Verborgenheit lebte.

Dank Rachel Lichtenstein ist Rodinsky als Golem erlöst und als Mensch erkennbar geworden. Seinen Raum – Rodinskys Raum – literarisch auszuleuchten, bedürfte es eines Kafka oder Borges.

Kurt Kreiler -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.05.2000
Ein offensichtlich überaus seltsames und faszinierendes Buch hat die Rezensentin Sonja Zekri da gefunden. Es erzählt, wenn man ihr glaubt, aus zwei ganz unterschiedlichen Perspektiven die Geschichte des Hausmeisters der zweitältesten Synagoge Londons, David Rodinsky, der 1969 im Alter von 44 Jahren veschwand. Ein Kabbalist sei er gewesen, ein "Narr Gottes" und Sprachgenie. Er wohnte über der Synagoge - und erst im Jahr 1987, zwanzig Jahre nach seinem Verschwinden, öffnete man seinen Raum voller Wörterbücher und kabbalistischer Diagramme. Rachel Lichtenstein, so skizziert es Zekri nähert sich Rodinsky mit heiligem Eifer an. "Von einem reinen Gefühl getrieben" lasse sie die Leser an ihren Recherchen über den rästselhaften Mann teilhaben. Der Journalist Iain Sinclair dagegen schreibe in einem fast zynischen und sachlichen Ton. Ihn interessiere nicht Rodinsky, sondern der Raum, "in dem er sein ganzes Leben hinterlassen" hat. Er wird für Sinclair auch für eine Chiffre für die Romantisierung des Whitechapel-Viertels, in dem die Immobilienmakler die Legende von Rodinsky dazu benutzen, den "Stadtraum künstlich zu patinieren".

© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

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