Als ich vor einigen Jahren im Internet von der Ankündigung las, eine Kinodokumentation über die glorreiche Rocksteady-Ära zu drehen, war ich schlicht aus dem Häuschen. Ich fühlte mich wie ein kleines Kind, das ungeduldig auf Weihnachten wartet. Allerdings sah es bald so aus, dass aus dem Projekt nichts werden würde, da einige der wichtigsten Rocksteady-Musiker verstarben (Alton Ellis, Lyn Taitt) und nach Fertigstellung sich kein deutscher Kinoverleih fand. Als ich dann aber doch den Trailer auf youtube sah und ein Programmkino in meiner Nähe den Film ankündigte, war ich der Bescherung ganz nah.
Doch beim Auspacken des Geschenks kam leider die erste Enttäuschung auf. Vorweg sei jedoch gesagt, dass "Rocksteady - the roots of Reggae" ein durchweg schöner und solider Musikfilm ist, dem es aber hier und da an Ecken und Kanten fehlt. Da ich selber in einer Band diesen Sound spiele, fiel mir und auch meinen Bandkollegen auf, dass der musikalisch technische Hintergrund viel zu kurz kommt. Es werden zwar in einer Szene die einzelnen Stile Ska, Rocksteady und Reggae intoniert, aber dem Laien werden hierbei die Unterschiede nicht zwangsläufig klar. Es werden viele Aufnahmen aus dem Tuff Gong Studio gezeigt, aber immer dann, wenn es für mich als Musiker spannend wurde (Proben, Jamming, Improvisationen) wurde der leider viel zu glatt ausgefallene Albumsound drübergelegt.
Meiner Meinung nach waren auch die Geschichten der einzelnen Musiker ohne erkennbaren roten Faden zusammengefügt. Wobei die charmante Art eines Stranger Cole, der quasi als Erzähler durch den Film führt, vieles wieder gut macht. Es gab auch Stellen im Film, an denen ich Gänsehaut bekam oder herzlich lachen musste. So zum Beispiel in der Szene, in der Derrick Morgan in einem alten Theater "Tougher than tough" in einer Akkustikversion zum Besten gibt oder Stranger Cole über seine Leidenschaft für Speiseeis sinniert.
Eigentlich müsste ich dem Film nur 3 bis 3,5 Sterne geben. Da es bei der DVD jedoch noch ein einstündiges Bonuskonzert des Auftritts der Musiker beim Montreux Jazz-Festival sowie ein sehr ausführliches Booklet mit detailierten Hintergrundinfos zu bestaunen gibt und ich der Absicht von Stascha Bader huldige, bekommt die DVD letztendlich 4 Sterne.
Fazit:
-für den Reggae interessierten Musiklaien ist diese DVD auf jeden Fall ein Pflichtkauf, weil es in der Tat sehr wenig Sehens- und Wissenswertes über die wichtigste und einflussreichste Musikära Jamaikas gibt.
-die Reggae-Musiker unter Euch werden musiktechnisch leider nicht viel Neues erfahren und sich auf viel zu glatten Sound und nur wenige wirkliche Proberaum- und Jamming-Aufnahmen einstellen müssen.
Alles in allem ist es natürlich schön zu wissen, dass der Rocksteady-Musik mit diesem Werk gehuldigt wird. Wessen Interesse geweckt worden ist, empfehle ich zum einen Lloyd Bradleys Buch "Bass Culture" sowie die BBC-Dokumentation "Reggae history", die in fünf Teilen auf youtube zu bewundern ist.