Eins vorweg - der "Autor" wird sich weigern, den Sänger von Dick Brave & The Backbeats "Sasha" zu nennen - das würde der Band nämlich nicht gerecht. "Popstar" Sasha hat - wenn man das überhaupt so nennen kann - das Pech, von seinem "Alter Ego" Dick rechts überholt worden zu sein. Das der durchaus veritable Pop-Erfolg vom Rock-A-Billy übertroffen wurde, hat er aber mit Sicherheit nicht alleine der Idee zu verdanken, mal Lieder im 50er-Jahre Gewand zu machen, sondern auch und insbesondere dem Einfluss seiner grandiosen Mitstreiter Adriano BaTolba (André Tolba), Phil X. Hanson (Felix Wiegand), Matt Hanson (Martell Beigang) und dem Neuzugang Falco Caress (Falko Burkert). Und das würde mit "Sasha & Begleitmusiker" nicht hinreichend gewürdigt. So rechtfertigt sich aus meiner Sicht auch, dass Dick weiter auf gebrochenem Denglisch einen auf Kanadier macht - Falco, Phil X. und besonders Adriano haben sicherlich schon eine Rock-A-Billy "Biography" vor Dick Brave. Aber von der Band als Ganzes kann man eben nicht behaupten, dass sie der Szene entspringen würde (was die "Szene" die Jungs auch durchaus schonmal spüren ließ). Da kann es nicht schaden, ein selbstironisches Zeichen zu setzen, dass man sich selber nicht ganz ernst nimmt (und dafür aber die Musik ernst zu nehmen). Außerdem hat der Frontman dabei die Gelegenheit, sein unbestritten vorhandenes komödiantisches Talent zu zeigen - Entertainer-Qualitäten, die nach Dick Brave irgendwo im kanadischen Wald verschollen gegangen schienen.
Dann erstmal mein großer Respekt zur Auswahl der Single - statt mit "Rolling In The Deep" auf die Strategie der Baseballs aufzusetzen (es gibt tatsächlich jüngere Menschen die glauben, DB & Backbeats würden die Baseballs nachmachen ...) hat man mit "Just Can't Get Enough" den anspruchsvolleren Weg gewählt - Depeche Mode zu covern war mutig und ist gut gelungen (live allerdings sogar noch besser als auf CD - siehe dazu auch unten).
Um es vorwegzunehmen - wirklich verzichten könnte ich nur auf zwei Songs: "Who Will The Next Fool Be" und "Always On My Mind" - letzteren Song singt entweder Elvis oder man macht eine richtig andere Version wie die Pet Shop Boys. Dazwischen ist für mich nichts erlaubt. Ansonsten passt die Songauswahl und lässt sich gut auch am Stück hören
Wie man wohl schon merkt - ich bevorzuge die rockigeren Nummern wie "Rock Therapy", "Come On" und besonders "Use Somebody", gerne genommen aber auch die beiden Eigenkompositionen "Tonight (I Ain't Rock)" und "This Girl Is Trouble. "American Idiot" ist eigentlich auch in der Dick Brave Version musikalisch eine klasse Nummer, ich finde aber, dass der Song zu seiner Zeit und von einer amerikanischen Band gesungen relevanter war.
Aber auch die langsameren Nummern sind für mich stimmig - "Just The Way You Are", "It's Up To You", ... - mit der dritten Eigenkomposition "Look At You" hatte ich zunächst Schwierigkeiten - das klang aufs erste Hören zu sehr nach mancher Solo-Aufnahme des Sängers. Aber je häufiger man den Song hört, desto mehr Buddy Holly klingt heraus ... in den 50er/60er Jahren wurden eben auch solche Songs gemacht (der Song würde - die Älteren werden sich daran erinnern ... auch ganz hervorragend auf den Soundtrack zu einem "Eis am Stiel"-Film passen). Und es spricht auch wieder für die Souveränität der Band, einen guten Song auf das Album zu nehmen, auch wenn er mal ein wenig mehr nach Sasha klingen könnte ...
Mein persönlicher Lieblingstitel ist "No One Knows", den die Jungs schon 2004 im Live-Repertoire hatten.
Einen halben Stern Abzug gibt es, weil es nicht ganz gelungen ist, den "knallenden" Live-Sound hinzubekommen. Zugegebenermaßen ist die Hürde mit "Dick This" hoch gelegt und - unabhängig vom Musikgeschmack und davon, ob man Dick verzeihen kann, dass er einmal "Popstar"-Sasha war - gehören die beteiligten Musiker schon zu Championsleague deutscher Live-Performer. Nicht ohne Grund waren die "Comeback"-Konzerte in kürzester Zeit ausverkauft (und haben eben "geknallt"). Daran muss sich dann aber auch die Aufnahme messen lassen.
Den zweiten halben Stern Abzug gibt es aufgrund der ein wenig überzogenen Veröffentlichungsstratgie, die eine Band dieser Klasse nicht nötig haben sollte. Ein "exklusiver" Bonus-Track für iTunes ("Cream"), einer für Amazon ("I just can't get enough - Live aus Bonn") und zwei für den Media Markt ("Highschool Confidential" und "Have Love, Will Travel") sind zu viel (besonders weil mit "Cream" und "Have Love, Will Travel" noch zwei der Top-Tracks verteilt wurden). Die Limited Edition (ohne Bonus-Titel, dafür mit Bonus-DVD) ist überflüssig. Wenn, dann hätte da der ganze Rockpalastauftritt draufgehört. So ist der Preis nicht wirklich gerechtfertigt. Dafür nur einen halben Stern Abzug ist allein damit zu rechtfertigen, dass weniger als 4 Sterne einem Album, dass insgesamt so viel Spaß macht, nicht angemessen wären.
Anspieltipps: "No One Knows", "Come On", "Use Somebody", "Have Love, Will Travel" und "Cream"