TOO OLD TO ROCK & ROLL ist eines der Tull-Alben, um welches die meisten Gerüchte rankten; fragte sich doch die Musikpresse anno
1976: "So, sind Tull jetzt zu alt für Rock&Roll ?" (Entsprechendes Zitat aus den Liner-Notes).
Ian Anderson reagierte seiner kautzigen Art entsprechend empört und wütend: "WAS I ASKING FOR THAT?" (Ebenfalls Zitat aus den Linernotes). Die Geschichte vom alten Rocker war ursprünglich als Bühnenmusical geplant, für welches Anderson und David Palmer, der Arrangeur und spätere Organist der Band, den Soundtrack komponieren wollten. Wie zuvor bei WARCHILD, welches als Film geplant war, scheiterten die hohen Ambitionen an fehlenden Finanziellen Mitteln, was Anderson umso mehr wurmte, da er ja als Musiker nicht wenig verdiente. Die als Comic im Booklet aufgeführte Rahmengeschichte zu den Texten enthält eine fiktive Figur namens Ray Lomas, eben dieser alternde Rocker, der auch auf dem Coverartwork abgebildet ist. Nur zu dumm, dass dieser fiktive Charakter eine frappierende Ähnlichkeit mit Ian Anderson hatte. Frustriert und wütend über seine gescheiterten Ambitionen und noch wütender über die Musikpresse machte sich Anderson ans Werk und kreierte eine sehr gute, für Tull-Verhältnisse äusserst traditionelle, leicht folk-orientierte
Bluesrock-Scheibe mit nicht wenigen Country- und Southernrock
Elementen und stilistischen Klischees aus den späten fünfzigern.
Vielleicht ist TOO OLD TO R&R eine der emotionalsten und nostalgischsten Tull-Scheiben. Kitschig, ein Attribut das die damalige Musikpresse dem Album verlieh, ist dieses Werk keineswegs, auch wenn die Orchestrationen sich an der Grenze zum Kitsch bewegen, was aber bewusst beabsichtigt wurde. Teilweise geht es aber auch recht rockig-groovend zur Sache (TAXI GRAB).
Bewegende Höhepunkte sind zweifelsohne der Titelsong mit seinem geheimnisvoll atmosphärischen Intro und dem in der Tat recht kitschigen, aber dennoch herrlich kompromisslosen Refrain, den man schon dem Genre des Chansons zuordnen muss, dann die traurige und sehr bewegende Ballade FROM A DEAD BEAT TO AN OLD GREASER, das noch kitschigere und pathetische, aber nicht minder geniale THE CHEQUERED FLAG, das coole, bluesige BAD EYED AND LOVELESS, das beschwingte, klischeeüberladene und lustige A SMALL CIGAR, sowie die Rocknummern TAXI GRAB und QUIZZ KID. Teilweise sind die Songs recht holprig konstruiert, mit an den Haaren herbeigezogenen Melodien und Rythmen, was aber von Anderson beabsichtigt wurde und keineswegs ein Indiz dafür ist, dass seine kompositorischen Fähigkeiten erschöpft sind, so wie es die Presse seinerzeit fälschlicherweise annahm. Auch ich muss gestehen, dass ich diesem Album gegenüber einige Vorurteile hatte, die sich aber nach mehrmaligen Hördurchgängen, viel Geduld und viel Zeit zerstreuten. Ein für Tull sehr ungewöhnliches Werk voller Herzblut und Nostalgie, die ich aber nur Tull-Fortgeschrittenen, Elvis-Nostalgikern und musikalisch extrem Aufgeschlossenen empfehlen kann. Für Einsteiger in Sachen Tull empfehle ich AQUALUNG, MINSTREL IN THE GALLERY, SONGS FROM THE WOOD, HEAVY HORSES und natürlich THICK AS A BRICK.
Übrigens: Das Booklet der Remaster-Ausgabe ist besonders gut gelungen und enthält viele klasse Fotos, informative Linernotes und natürlich den besagten Comic.