Schlecht isses nicht, dieses Album: 10 solide Country-Songs, sauber arrangiert, vorgetragen von einem Johnny Cash im Vollbesitz seiner Stimmkräfte. Das garantiert allemal diesen gewissen Rückenmarks-Kitzel.
Aber -- der ultimative Abräumer ist dieses Album leider nicht. Sicher, die Songs sind gut, es gibt keine Ausreißer nach unten. Einiges ist sogar überdurchschnittlich gut, z.B. Cashs Version von Nick Lowes "Without Love" oder die melancholische Ballade "It Ain't Nothing New Babe". Auch der Einstieg "Cold Lonesome Morning" mit feinem Piano und ebenso feiner Mundharmonika ist das mehrmalige Anhören wert -- und "W-O-M-A-N" hat tatsächlich ein wenig den Blues, aber vor allem ist es, zusammen mit "One Way Rider", mit seinem harten Rhythmus richtig cool und gradlinig, mit unwiderstehlichem Drive.
Das Beste kommt zum Schluss: "One Way Rider" erinnert nicht zufällig ein wenig an "Bull Rider" aus dem 1979er Album "Silver", mit dem es nicht nur den Verfasser (Rodney Crowell) gemeinsam hat. Hinzu kommt hier June Carters Beitrag; diese Frau konnte vermutlich alles aufmöbeln mit ihrem Gesang, und hier verpasst sie einem coolen Song den gewissen ironischen Touch.
Das Album wirkt insgesamt kompakt, klar. Man kann's gut am Stück hören, es hat Rhythmus und groovt, und es verbreitet eine gewisse lockere "Ach leckt mich doch"-Stimmung. Gute, unaufdringliche Musik, die man auch mal im Hintergrund hören kann, und im Vordergrund sowieso. Was also will man mehr?
Aber irgendwie springt der Funke nicht über. Und einem Vergleich mit "Silver", einer von Cashs besten Platten überhaupt, die er grade mal ein Jahr früher aufgenommen hatte, hält "Rockabilly Blues" erstrecht nicht stand.
Und -- das allerdings hat Cash nicht zu verantworten, sondern sein Plattenlabel: Der Titel "Rockabilly Blues" soll mit dem Stichwort "Rockabilly" wohl Erinnerungen wecken an seine genialen Platten bei Sun Records in den 50ern -- aber auf dieser CD hört man bestenfalls Rockabilly-Zitate heraus. Jedenfalls mich erinnert das Ganze nicht sehr an Cashs frühe Platten, und das liegt nicht nur am fehlenden Boom-Chicka-Boom.
Andrerseits muss das ja auch nicht sein; Cash konnte auch ohne Boom-Chicka-Boom. Aber: Eine ähnliche Klasse wie die ganz frühen Abräumer erreichen die meisten Songs hier nicht -- ausgenommen "Without Love" und "One Way Rider", beide gradlinig mit unwiderstehlichem Drive -- und "W-O-M-A-N", vielleicht auch noch Cashs Rückblick auf alte Zeiten "Rockabilly Blues (Texas 1955)".
Als Country-Album ist "Rockabilly Blues" natürlich erste Sahne, es hat eine schnörkellose Direktheit, von der viele hochgejubelten Stars nur träumen können. Aber als Cash-Album ist's, trotz einiger Highlights, eher Mittelmaß. Allerdings eben Cash-Mittelmaß, und das kann man allemal ohne Reue genießen.