Können Sie sich vorstellen, 28 Jahre, 2 Monate und 19 Tage mehr oder weniger allein auf einer Insel zuzubringen, die - im Gegensatz zur allgemeinen Überzeugung - gar nicht so einsam ist und - was nautische Maßstäbe angeht - im Grunde nur einen Steinwurf vom rettenden Festland entfernt liegt? Pech, dass Sie weder die Erfahrung noch die nötige Hilfe haben, um ein Boot zu bauen, das Sie aus dieser verzweifelten Lage erretten könnte. Und nachdem Sie sich einigermaßen eingerichtet und ihren Lebensunterhalt gesichert haben, müssen Sie sich auch noch mit wildgewordenen Kannibalen herumschlagen ... Ich denke, das grobe Gerüst der Robinson-Story ist beinahe jedem bekannt. Nach den zahlreichen Bearbeitungen und Kürzungen, die der Text von Daniel Defoe im Laufe der Zeit erfahren hat, ist es geradezu ein Muss, diese ungekürzte, unverfälschte Fassung zu lesen. Glauben Sie mir, Sie werden einige Überraschungen erleben! Will sagen: Das Buch beinhaltet erheblich mehr Stoff, als gemeinhin bekannt ist; sowohl vor als auch nach Robinsons schicksalhafter Seereise, die ihn per Schiffbruch an die Gestade seiner Insel wirft. Kritisch anzumerken wäre bestenfalls, dass das "Hinterher" doch leicht ermüdend wirkt. Nachdem nämlich der Protagonist aus seiner Gefangenschaft befreit und nach Europa zurückgekehrt ist, langweilt Defoe uns (ich muss es so deutlich sagen) mit der umfangreichen Beschreibung einer Reise zu Pferd von Lissabon nach London, obwohl das Buch an dieser Stelle eigentlich schon längst zu Ende ist. Was soll's ... Für mich liegt die Faszination dieser Geschichte in erster Linie darin, sich immer wieder die unglaubliche Zeitspanne ins Bewusstsein zu rufen, die Robinson auf der Insel verbracht hat. Wenn man diese Zeitspanne dann wie ein Lineal am eigenen Lebenslauf anlegt, dann wird einem erst bewusst, wie lang 28 Jahre wirklich sind. In meinem ganz persönlichen Fall wäre das zum Beispiel die Zeit von meinen Kindergartentagen bis heute. Eine erschreckende und gleichzeitig atemberaubende Vorstellung, so lange von jeglicher Zivilisation getrennt und nur auf sich selbst gestellt zu sein ...