Gleich mehrere "völlig neue Ansätze" realisiert Richard Lester mit seiner Annäherung an den klassischen Robin Hood Stoff: Ausgehend von der Frage, die sich jeder stellt, der Gefallen an einer Geschichte gefunden hat - "...und wie ging es nach dem Happy End eigentlich weiter?" - ist "Robin und Marian" eine Charakterstudie über das Alt-Werden. In der ganzen Bedeutung dieses Begriffes.
Die Sterblichkeit des Menschen im Allgemeinen, die auch vor den Inhabern "unsterblicher" Mythen nicht haltmacht - in diesem Falle Robin Hood und das ganze Panoptikum "seiner" Gefolgsleute (Little John, Will Scarlet, Bruder Tuck, seine geliebte Maid Marian, aber auch König Richard, der Sherrif von Nottingham und Prinz John gehören dazu) ist zentraler Dreh- und Angelpunkt der Geschichte.
Jeder weiß, wie die klassische Robin Hood Geschichte ihr Ende fand: König Richard kehrte nach England zurück, verwies den heimtückischen Bruder und Trohnschleicher Prinz John in die Schranken und die Schreckensherrschaft des Sheriffs von Nottingham fand ihr Ende; der Widerstand des Rebellen Robin Hood wurde gerechtfertig und im Nachhinein geadelt. Doch wie ging es weiter? Waren fortan alle glücklich und zufrieden - wie in der Disney-Fabel?
Richard Lester orientiert sich an den historisch überlieferten Sachlage - natürlich hatte König Richard, gerade aus den Händen seiner Entführer durch das Lösegeld befreit, das Robin und seine Helfershelfer für ihn gesammelt hatten, nichts besseres zu tun, als seine politischen Ziele sogleich dort wieder aufzunehmen, wo er über sie gestolpert war. Und Robin und Little John, beide treue Gefolgsleute ihres Herren, begleiten ihn darauf jahrzehntelang auf den Schlachten und Verwüstungen, die Richard Löwenherz im Morgenland anrichtet. Robin geniesst dabei den Sonderstatus des "Retters von Leib und Leben" und kann sich so viele Freiheiten gegenüber seinem König herausnehmen, die normale Untergebene nicht haben.
Dieser Status prägt die Beziehung der beiden Männer immer noch in dem Augenblick, als König Richard, von einem verirrten Pfeil getroffen, das zeitliche segnet (Herrlich: Richard Harris, dessen Spiel man auch die subtil homo-erotischen Neigungen anmerkt, die man dem Richard Löwenherz immer wieder nachsagt, und die natürlich einer "Männerfreundschaft" wie der zwischen Richard und Robin eine ganz besondere Beinote verleihen!).
Robin und Little John haben, von den Jahren des sinnlosen Krieges desillusioniert, keinen anderen Gedanken mehr, als "nach Hause" zurückzukehren. Nach Nottingham. Wie sehr dieses Nottingham wieder "ihr zuhause" ist, damit rechnen die beiden selber nicht. Denn nun ist Little John völlig rechtmäßig der Trohnfolger seines Bruders Richard geworden, der Sheriff von Nottingham ist nach wie vor im Amt und hat während der langjährigen Abwesenheit des Königs zu seinen schlechten Gewohnheiten zurückgefunden. Und die wie eh und je notleidende Bevölkerung greift zum Trost auf die Lieder und Legenden über den Mann zurück, der früher mal an diesem unveränderlichen Lauf der Welt zu rütteln gewagt hat: Niemand anders als Robin und Little John ist erstaunter, daß das Nennen ihrer Namen und das Singen alter Lieder, in denen sie vorkommen, die Augen der einfachen Leute zum Glänzen bringt, kaum daß sie wieder heimatlichen Boden betreten haben.
Nun dauert es auch nicht lang, und man gerät mit dem Sheriff aneinander, der sich freut, unter all den Unfähigen und Trotteln, die sein Leben zu einem Alptraum der Langeweile haben werden lassen, endlich wieder einen "würdigen alten Gegner" auferstehen zu sehen. Und Maid Marian, die sich vor lauter Kummer darüber, daß Robin seinem König - und nicht ihr - die Treue gehalten hat, in ein Kloster zurückzog, braucht nur wenige Augenblicke dabei zuzusehen, wie ihre Jugendliebe um ihretwillen die vernarbten Muskeln spielen lässt, und damit loslegt, in Nottingham mal wieder "so richtig aufzuräumen", damit die alte Leidenschaft, die sie jahrelang verleugnet hatte, wieder in ihr hochlodert.
Alles "beim Alten"? Die gleiche alte Robin-Hood-Geschichte, nur diesmal mit ergrauter Darsteller-Riege?
Ja und nein - auch wenn die Jahre nicht spurlos an den Protagonisten vorübergangen sind, auch wenn sich Robin der Legenden, die sich mittlerweile um ihn ranken, selbstsüchtig bedient, und der Sheriff von Nottingham sich als alles andere erweist als tumber Bösewicht - beide versuchen, den Stoff wieder genauso und an genau der Stelle wieder aufzunehmen, an dem sie ihn vor Jahren, als König Richard den Streit zwischen Rebellen und Regierung schlichtete, fallen gelassen haben.
Sie versuchen alles, was ihr Leben als junge Männer ausgemacht hat, genauso weiterzuleben, als wären sie immer noch "dieselben". Und genau das kann so nicht mehr funktionieren. Denn auch wenn Ruhm und Erfahrung auf den ungebrochen kraftvollen Schultern der Streithähne liegen, sind diese nun nicht mehr so unermüdlich wie anno dazumal. Im Schatten dieser Erkenntnis wie auch anderer Weisheiten des Alters vermischen sich die für unantastbar gehaltenen Grenzen zwischen Gut und Böse, zwischen richtig und falsch. Und sogar der "treue" Little John hat, wie man merkt, eine Leiche im Keller liegen, als er Marian gesteht, daß er sie unsterblich geliebt hat, und sich nur deswegen nie um sie bemüht hat, weil er ohne Robin ein "Niemand" geblieben wäre.
Ein Wunderwerk, was Richard Lester da gelungen ist - nicht nur durch brilliante Schauspieler, hervorragende Ausstattung und mitreißende Musik. Der ganze Mythos findet sich originalgetreu in diesem Werk wieder - und steht trotzdem Kopf.
Eine sinnliche Reflektion über den Wert von Leidenschaften und Heldentaten, von Liebe und Treue im Angesicht des stetig näherrückenden, unvermeidlichen Endes - das ist, was die Annäherung an quasi-mythische Figuren wie die aus der Robin Hood Legende so vollkommen macht, sie vor unseren Augen (im wahrsten Sinne des Wortes) zu "normal-sterblichen" Menschen werden läßt und den wirklich tiefen Wert dieses kleinen (wahrscheinlich aufgrund seiner "unbequemen" Botschaft) wenig beachteten Streifens ausmacht.
Die Quintessenz aus seiner Botschaft vermittelt Lester gleich zu Beginn und Ende des Filmes selbst in symbolischer Form, indem er den Zuschauer ein Stilleben aus frischen und vertrockneten Äpfeln betrachten lässt...