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3.0 von 5 Sternen
Heimatlosigkeit einer ganzen Generation, 2. Mai 2000
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Roberts Reise: Roman (Gebundene Ausgabe)
Schindhelms Roman trägt autobiographische Züge und ist doch weit mehr als eine Biographie des Autors. „Roberts Reise" spiegelt nicht nur die Suche des Helden (und des Autors) wieder, sondern einer ganzen Generation des Osten Deutschlands. So wie sich der Held Robert sein Leben in der DDR eingerichtet hat, wir er versucht hat, der Enge durch sein Studium in Woronesh zu entfliehen, wie er im Westen trotz seines Erfolgs keine Heimat gefunden hat, ist es zahlreichen Menschen seiner Generation gegangen. Schindhelms Roman verströmt die ganze Heimatlosigkeit all jener, die letztendlich froh waren, daß die DDR untergegangen ist, die aber zu viele Erlebnisse (nicht nur negativer Art) mit dem System verbanden, um dieses jetzt ausschließlich verurteilen und sich mit dem neuen identifizieren zu können. Der Roman liest sich gut; besonders stark sind die Kapitel über Woronesh. (Vor allem, wenn man dort selbst studiert hat.) Das lebhafte, multikulturelle Leben taucht vor den Augen des Lesers auf und zugleich auch die Absurdität eines Staates, der es seinen Studenten verbot mit Studierenden des „nichtsozialistischen Auslands" zu sprechen, obwohl praktisch alle auf einem Flur lebten. Nicht so gelungen sind die Kapitel über die Gegenwart. Hier liest sich vieles schleppend, was verstärkt wird durch die oftmals blumige Sprache des Autors. (Daher auch nur drei Sterne.) Schindhelm hat mit seinem Roman ein nicht gerade problemfreies Thema aufgegriffen. Schnell kann man bei der Darstellung dieser Thematik in bissige Ironie verfallen und das eine oder andere politische System verteufeln bzw. gesellschaftliche Zustände in Grund und Boden kritisieren. Doch dem Autor ist es gut gelungen, das Thema dem Leser so wertfrei wie möglich nahezubringen. Er zeichnet einen/seinen Lebensweg und läßt dem Leser Raum für eigene Gedanken.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Eine Offenbarung, 4. Oktober 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Roberts Reise: Roman (Gebundene Ausgabe)
Aus der Distanz meiner behütenden, selbstgefälligen Schweizer Heimat, wo die Demokratie (+ Neutralität) Kultstatus hat, erschien mir damals (im zarten Jugendalter) die DDR (überhaupt "der Osten") als exotisches, suspektes, gefahrenvolles, abgeriegeltes und deshalb sowieso zu meidendes Gebiet...Niemandsland. Das Buch las sich für mich daher wie eine Art Offenbarung. Der "Roman" ist offensichtlich neunundneunzigprozentig autobiographisch und wirkt deshalb sehr authentisch, glaubhaft, packend. Der Schreibstil ist sehr präzise und trotzdem knapp; detailgenaue Beschreibungen wechseln mit jäh sich überstürzenden Ereignissen. Wie der Autor frei assoziierend zwischen der Gegenwart mit ihren aktuellen Sorgen und Problemen und den verschiedenen Schauplätzen und Geschichten seiner Vergangenheit hin- und herzappt, wobei man erst allmählich dahinterkommt, was womit wie zusammenhängt, hält einem beim Lesen schön in Atem und lässt keine Langeweile aufkommen. Auf der Suche nach seiner Identität ist Robert (Schindhelms alter ego) bemüht, sich dem Ausgeliefertsein an die reglementierten DDR-Gesellschaftsstrukturen zu entziehen. Das Studium absolviert er im kontrastreichen russischen Woronesch. Im zerfallenden ehemaligen Verbannungsort kommt er auf dem Gelände der Hochschule mit einer aufregenden Mischung verschiedener Kulturen ausländischer Studenten in Berührung. Doch an all seinen Lebensstationen fühlt er sich bedrängt, heimatlos, getrieben. Auch als der Zugang zum verheißungsvollen (ernüchternd konsum-, produktivitäts- und ertragssüchtigen) Westen offensteht, geht die Reise und die Suche nach einer wahren Freiheit und Selbstfindung weiter. Ein gut gelungener Erstling!
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4.0 von 5 Sternen
Roman als Geschichte des eigenen Lebens, 4. Juli 2001
Roberts Reise Michael Schindhelm ISBN 3 421 05330 8 Deutsche Verlagsanstalt Stuttgat/ München S. 315 Michael Schindhelm, Jahrgang 1960 , Intendant am Theater in Basel und neuerdings, wie so viele ehemalige Bürger der DDR ,unter dem Verdacht ,für die Stasi gearbeitet zu haben , hat in dem vorliegenden Roman Teile seiner eigenen Geschichte zur Vorlage genommen. Es ist ein eigenartiger Stil, in dem hier skizzenhaft und mit fast kühler Distanz die eigene Vergangenheit beleuchtet wird. Auf den ersten Seiten wird von Robert in der dritten Person gesprochen, erst später wechselt der Erzähler in die Ichform.Die Zeitebenen sind verschoben: einmal befinden wir uns in einer gegenwärtigen Zeit ; Robert ist erwachsen und lebt in der Schweiz. Dann wieder gehen wir mit dem Erzähler in die Vergangenheit.Jugendjahre in der Provinz der DDR ; anfangs die Familie als innerer Hort, in der man aufrecht sein konnte.Versteckte Andeutungen, daß die Eltern die äußere Welt, die politische Welt, in der sie leben, mißbilligen. Es entstehen Schulschwierigkeiten, Kontroversen mit Lehrern und Eltern. Robert wandelt wie im Schlaf durch seine Zeit.Schulfreunde kommen und gehen. Die Eltern befürworten den Wechsel zu einer Spezialschule, einem Internat, das zu einer Fachschule für Naturwissenschaften gehört. Robert durchläuft ein äußerst spartanisches Leben.Neben dem Lernen wird viel Unfug getrieben,wie es der Jugend ansteht. Nach dem Fachabitur geht Robert nach Woronesch in Russland, um Quantenchemie zu studieren. Woronesch ist der letzte Ort, in den ein junger Mensch freiwillig gehen würde.Die Häuser sind verkommen ,und die Versorgung ist vollkommen unzureichend. Aber alles " geschieht".Er trifft Freunde, eine Italienerin, Afrikaner, Deutsche. Auch die Liebschaften kommen und gehen. Eine abenteuerliche Exkursion in die kaukasischen Weiten läßt ahnen, daß Robert sich immer durchmogeln kann, ohne der Bürokratie, die bekanntlich hart und streng im Osten ist,zum Opfer zu fallen.Zuweilen hat er fast konspirativ anmutende Verabredungen in Moskau mit westlichen Ausländern und Botschaftsangehörigen. Natürlich gerät er schließlich auch in die Fänge der eigenen Leute, die ihn aufgrund seiner vielen Kontakte zur Mitarbeit erpressen wollen. Wird etwas daraus? Der Leser muß sich selbst seine Gedanken darüber machen. Am Ende wird er Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Ostberlin. Auch hier vermitteln die Mitarbeiter und die Arbeitsstelle einen trostlosen Eindruck.Und trostlos ist die ganze Stimmung ,die über dem Erzählten liegt. Jugendlicher Übermut und Freude kommen auch bei abenteuerlichsten Stellen in diesem Buch kaum auf. Robert bleibt überall ein Fremder.Er trifft eine Frau und hat mit ihr ein Kind. Auch diesem Leben gegenüber bleibt er fremd.Schließlich ,nach Öffnung der Mauer, zieht es ihn fort in den Westen. Er hat eine neue Frau und eine Tochter,-- ist sie überhaupt seine? Das bleibt ungesagt. Gefühle werden kaum spürbar.Einzig bei der Erwähnung der später in der Heimat zurückgelassenen Tochter Zoe vermag der Erzähler den Eindruck zu vermitteln , daß sich hier einer quält mit Versäumnissen, mit einer ungestillten Sehnsucht nach einer Tochter, die er verlassen hat.Auch die Erinnerung an eine italienische Freundin aus der Zeit in Woronesch wird bei seinem Leben im Tessin noch einmal wach. Das Buch hat einen eigenen Stil , der sich in Andeutungen ergeht, so daß es dem Leser überlassen bleibt, sich seine Gedanken zum Tun und Treiben der handelnden Personen zu bilden. Ich fand es in gewisser Weise anstrengend , das Buch zu lesen.Immer meinte ich , mich konzentrieren zu müssen, um ja nichts zu verpassen.Und vielleicht ist der Leser auch sehr angestrengt, herauszufinden, wo denn nun die eigene gesellschaftliche und politische Position des Protagonisten zu finden sei. Sie bleibt vage und offen. Es ist ein ernstes ,gut geschriebenes und lesenswertes Werk. Claudine Borries
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