Das Ärgerliche an dieser "Biografie" über den Sinologen, Diplomaten und Schriftsteller Robert van Gulik ist, dass Janwillem van de Wetering zu wenig über ihn und viel zu viel über die mystisch-tiefen Einsichten des Taoismus und Zen-Buddhismus erzählt - ohne dass Guliks Leben und Forschung eine Rechtfertigung dafür liefern würden.
Gleich zu Anfang wird nämlich festgestellt, dass Gulik die großen Themen, einschließlich der Philosophie, mied (S. 8). Ein guter Freund von ihm wird sogar mit der Feststellung zitiert, er habe sich von den "numinosen" (göttlich-metaphysischen) Komponenten der chinesischen und indischen Religionen nie angezogen gefühlt (S. 52), und auch der Autor selbst muss zugeben, dass Gulik trotz seiner (ansonsten) regen wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Geschichte und Kultur Chinas zu den drei "chinesischen Religionen" (Konfuzianismus, Buddhismus und Taoismus) nie etwas geschrieben habe (S. 54). Das hält Wetering jedoch keineswegs davon ab, zu vermuten, der Diplomat habe in Wahrheit esoterische taoistische und buddhistische Lehren praktiziert und sei auf diesem Wege zu tiefen Einsichten gelangt (S. 18 u. 52). Nach dieser doch etwas überraschenden Schlussfolgerung nutzt er den restlichen Teil des Buches, um sich vor allem in religiös-philosophischen Betrachtungen über Boddhisattwa Manjuris Schwert des vollkommenen Einsseins (S. 60), Samsara als andere Seite des Nirwana (S. 88) und den "positiven geistigen Frieden", in den einen der abstrakte Klang der chinesichen Laute versetzt (S. 122), zu ergehen, statt ausführlicher über Guliks Elternhaus und seine Kindheit auf Java oder die Beziehung zu seiner chinesischen Frau und seinen vier Kindern zu berichten.
Die Verbindung zur eigentlichen Hauptperson wird so über weite Teile lediglich indirekt hergestellt, indem Wetering Richter Di als fiktive Verkörperung bestimmter Charakterzüge seines Schöpfers betrachtet und Szenen aus den Romanen als Ausgangspunkt für seine Zen- und Tao-Exkurse nutzt. An einigen Stellen passt das ganz gut, aber allzu oft hat man den Eindruck, dass der Autor, der selbst eine Zeit lang als Zen-Mönch in Japan gelebt hat und nachher Krimischriftsteller geworden ist, mit aller Macht seine eigenen Überlegungen und Überzeugungen in Richter Dis Erlebnisse und damit auch in das Leben des von ihm verehrten Gulik hineinzudeuten versucht - ohne dabei besonders überzeugend zu wirken.
Fazit: Wer Interesse an einer lose auf die Richter-Di-Romane Bezug nehmenden Abhandlung zu zen-buddhistischen und taoistischen Vorstellungen hat, ist mit Weterings Buch gut bedient und darf gerne noch zwei Sterne zu der Bewertung dazurechnen. Wer aber, so wie ich, von einer Biografie in erster Linie umfassende und interessante biografische Informationen erwartet, der ist hier falsch.