Pressestimmen
In seinem Buch über einen kurzen Erzähltext von Robert Walser stellt der klinische Psychologe Marius Neukom ein innovatives Verfahren der empirisch-narratologischen und psychoanalytischen Literaturforschung vor. Die Arbeit bezieht ihren besonderen Reiz aus der Verbindung von Text- und Rezeptionsanalyse, wie auch aus dem konsequenten Bemühen um eine wirkungsvolle methodische Kontrollierung der Textauslegung. Damit freilich ist eine Ambition bezeichnet, die in den philologischen Textwissenschaften nicht nur kaum anzutreffen ist, sondern sich, soweit sie überhaupt eingebracht wird, häufig großem Unverständnis gegenübersieht. Denn die Geisteswissenschaften zeigen immer weniger Interesse, mit Psychologie und Psychoanalyse sowie den Handlungswissenschaften insgesamt zusammenzuarbeiten. Dies ist umso bedauerlicher, als Neukoms Anliegen kein geringeres ist, als einen Modus der tiefenpsychologisch versierten Erzählforschung zu entwickeln, der es erlaubt, in abgesicherter und transparenter Weise psychologische Schlüsse sowohl über mündliches als auch über mediales und fiktionales Erzählen zu treffen. Neukoms Gegenstand ist Robert Walsers Mikrogramm »Beiden klopfte das Herz...«. Er legt es vierzehn LeserInnen vor und befragte sie anschließend im narrativen Interview nach ihren persönlichen Reaktionen auf die Lektüre. Die systematische Typisierung der Reaktionen verdichtet Neukom grob auf zwei unterschiedliche Rezeptionsmuster, ein emphatisches Angesprochen-Sein vom und ein brüskes Ungehalten-Sein gegenüber dem Text, wobei sich in beiden Mustern spezifische Abwehr- und Ermöglichungsfunktionen mutmaßen lassen. Diese Verdichtung auf nur zwei Muster ist statthaft und zielführend, weil Neukom hier ausdrücklich nicht den Weg der medienbiografischen Sozialforschung über die hinzugezogenen LeserInnen verfolgt, was er bei einem etwas anderen Zuschnitt des Verfahrens auch hätte tun können. Demgegenüber dient dieser Auftakt im Feld der Leseforschung lediglich als heuristischer Impuls, um Hypothesen über die interaktionalen Mechanismen der Rezeptionssteuerung des Textes bzw. des Erzählers zu bilden. Diese werden dann jedoch nicht einfach mit der mutmaßlichen Textbedeutung kurzgeschlossen. Vielmehr führt Neukom separat und in methodisch eigenständiger Weise eine Erzähltextanalyse durch, die auf dem in der Züricher klinischen Narrativik entwickelten Verfahren JAKOB basiert. Dieser Vorgehensschritt ist von den Ergebnissen der Rezeptionsanalyse unabhängig und bezieht von ihr lediglich Leitfragestellungen, die in forschungsökonomischer Funktion sicherstellen, dass rezeptionsrelevante Gesichtspunkte des Textes und nicht nur idiosynkratische, intellektuelle Forschungsinteressen in den Blick kommen... (Literaturkritik.de)
Die Arbeit besticht durch ihre sorgfältige Konzeption, ihre übersichtliche Struktur und die sehr disziplinierte Durchführung. Eingehend und verständlich (manchmal fast etwas zu ausführlich) informiert der Verfasser über seine Zielsetzung und Vorgehensweise. Da überdies die verwendete psychoanalytische Fachterminologie durchsichtig erläutert wird, bietet sich das Buch auch dem interessierten Laien als anregende Lektüre an. In der Genauigkeit der geleisteten Textuntersuchung, der analytischen Präzision, mit der widersprüchliche Strukturen und konflikthafte Inhalte aufgedeckt werden, vermag die Untersuchung auch der literaturwisschenschaftlichen Walser-Forschung als Vorbild dienen. (Freiburger Literaturpsych. Gespräche - Jb f. Lit. u. Psychoanal. Bd 24 2005)
Neukoms schlichter Stil und seine Bemühung um Nachvollziehbarkeit und klare Struktur tragen zur guten Lesbarkeit der facettenreichen Studie (deren Thesen in dichter Form auch als Aufsatz vorliegen; Neukom, 2002) wesentlich bei. Sein Buch dürfte trotz der genannten Einwände für die Walser-Forschung ebenso wie für Interessierte an psychoanalytischer Literaturwissenschaft eine lohnende Lektüre darstellen. Mehr als die bloße Zerstreuung klischierter Vorstellungen von psychoanalytischer Literaturinterpretation bietet sie dem Literaturwissenschafter (zum Beispiel dem Rezensenten) prägnante Einblicke ins psychoanalytische Sprachspiel und dessen bereichernde Perspektiven für den eigenen Umgang mit Texten. Und nicht zuletzt schafft sie Anreiz, in Walsers Bleistiftgebiet zu gehen und nach ähnlich abgründigen Preciosen wie »Beiden klopfte das Herz« zu suchen. Aus Anlaß des 125. Geburtstags des Dichters sind die sechs Bände der Mikrogramme zur Zeit in einer wohlfeilen broschierten Ausgabe greifbar. (Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis 20.Jg. Heft 1/2 2005)
Kurzbeschreibung
Robert Walsers Mikrogrammtext Beiden klopfte das Herz ... ist ein virtuos gefertigtes Erzähllabyrinth. Seine psychodynamisch orientierte Analyse erklärt, wie der Prozess der Lektüre einen unerhörten Gang in bestimmte Bereiche des eigenen Seelenlebens erzwingt.