Dr. Michael Struck, Bordesholm, Schumann-Preisträger Zwickau 2008
Aus meiner Rundfunkrezension (NDR Kultur, 12. 6. 2010)
Uwe Henrik Peters, emeritierter Professor für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, der in Mainz und Köln entsprechende Lehrstühle innehatte und Anfang der 1990er Jahre Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde war, hat 2009 und 2010 zwei Bücher vorgelegt. Der Titel des ersten, 321 Seiten umfassenden Buches lautet: Robert Schumann - 13 Tage bis Endenich", das zweite, mit 621 Seiten fast doppelt so dick, heißt: Gefangen im Irrenhaus - Robert Schumann". Beide Bände erschienen im Kölner Verlag ANA Publishers.
Schon die reißerischen Titel und die Umschlaggestaltung, aber auch die sprachliche Darstellung lassen erkennen, dass beide Bücher nicht eine neue fachwissenschaftliche Diskussion im Grenzbereich von Medizin und Musikwissenschaft zum Ziel haben, sondern sich primär an einen breiteren Kreis von Musikfreunden wenden. Fundierte musikhistorische Dokumentation und interdisziplinärer wissenschaftlicher Dialog sind also nicht das Hauptanliegen dieser Doppelpublikation. Genau darin liegt ihre Problematik.
Peters' Vorstellungen von Schumanns zweieinhalb letzten Lebensjahren weichen stark von dem Bild ab, das in Bernhard Appels Endenich-Dokumentation (Robert Schumann in Endenich, Mainz etc. 2006: sehr lesenswert und auch von Peters selektiv benutzt) präzisiert, teilweise auch korrigiert und immer wieder äußerst selbstkritisch reflektiert wird: Nach Peters' Ansicht war alles ganz anders, als wir vermuten: Demnach war Schumann nicht geisteskrank, sondern litt im Februar 1854 lediglich an den Folgen eines Alkoholdelirs", das nach wenigen Tagen auf natürliche Weise abgeklungen und in das vorherige Normalbefinden übergegangen wäre, hätte nicht seine Frau Clara im Verbund mit den behandelnden Ärzten ihren Mann fälschlich für krank gehalten oder sogar absichtlich für krankhaft erklärt und in eine Anstalt für Geisteskranke abgeschoben. Ganz neu ist die Abschiebetheorie nicht, wie wir vorhin schon sahen. Neu ist aber die Diagnose Alkoholdelir". So sensationell diese Sicht im ersten Moment anmutet, so lückenhaft und anfechtbar bleibt Peters' Argumentation.
Da stellt Peters beispielsweise in Frage, ob Schumanns Selbstmordversuch überhaupt stattgefunden habe. Stattdessen suggeriert er seinen Lesern, dieser Selbstmordversuch sei von Clara Schumann und anderen Mitgliedern des Schumann-Kreises so oft behauptet und verbreitet worden, bis man ihn für eine historische Tatsache gehalten habe. Nun, Peters selbst wiederholt seine Vermutungen ebenfalls so oft und immer einschränkungsloser, bis sie quasi zum historischen Faktum mutieren. Der einzige, der die damalige Situation anderthalb Jahrhunderte später kompetent einschätzen kann, ist er: Uwe Henrik Peters. Dass Schumann laut den Aufzeichnungen der Endenicher Ärzte schriftlich äußerte, er habe sich 1831 mit Syphilis infiziert, ist dann völlig unerheblich. Peters weiß es besser: Schumann musste damals lediglich ein simples Herpesbläschen behandeln lassen. Ende der Diskussion! Mit anderen Diagnosen von Schumanns Krankheit gibt sich Peters ohnehin nicht ernsthaft ab, was man von einer wissenschaftlich seriösen Arbeit doch hätte erwarten können und müssen.
Clara Schumann ist für Peters der Inbegriff der karrieregeilen, herzlosen Künstlerin, die schon bald eine Liebschaft mit dem jungen Brahms begann. Sie hatte, so Peters, alle Fäden in der Hand, um erstens ihre Freundinnen und Künstlerkollegen, zweitens die Düsseldorfer Öffentlichkeit, drittens die deutsche, europäische und internationale Musikwelt und viertens sämtliche Schumann-Biographen und Schumann-Forscher der letzten 150 Jahre erfolgreich zu täuschen. Dass Schumann selbst auf der Einweisung in eine Irrenanstalt bestand, weil er Angst hatte, seiner Frau etwas anzutun - auch das ist laut Peters nur eine von Clara Schumann gestrickte Legende. Immer wieder lautet seine Argumentation, all das, was wir zu wissen glaubten, sei nicht gesichert, da sich keine direkten Augen- und Ohrenzeugen nachweisen ließen. Peters war zwar auch kein Augen- und Ohrenzeuge. Doch immerhin ist er ein virtueller Seelenzeuge.
Viele der in Appels Endenich-Dokumentation von 2006 präsentierten, nach den Maßstäben seriöser historischer Forschung verlässlichen Fakten werden von Peters souverän ausgeblendet, fehlinterpretiert oder verzerrt.
Damit dieser Buchwarnung nicht üble Nachrede vorgeworfen werden kann, seien noch ein paar typische argumentative Verfahrensweisen und Widersprüche genannt. So wird Peters' Vermutung eines Alkoholdelirs, die allzu schnell von einer These zur Diagnose und von dieser zur Tatsache mutiert, nirgends seriös belegt. Wie sollte sie auch? Denn es gibt für jene Zeit keinerlei Hinweis auf einen signifikant erhöhten Alkoholkonsum Schumanns - weder durch exzessive Ausgaben, die sich in seinen peniblen Haushaltbuch-Vermerken ja finden müssten, noch in Berichten von Zeitgenossen.
Es gibt viele andere Widersprüche: So behauptet Peters in seinem Buch über Schumanns Endenicher Jahre zunächst, Schumann sei dort der Alkohol entzogen worden, um wenige Seiten später zu beklagen, dass man Schumann in seinem Wein Medizin verabreicht habe. Haarsträubend ist seine Interpretation der erhaltenen ärztlichen Notizen, die im Zusammenhang mit Schumanns Einlieferung in die Anstalt stehen, also eine Art Anamnese darstellen. Hier verwechselt Peters die Bemerkungen über Schumanns gesundheitsbedingten Umzug von Leipzig nach Dresden Ende 1844 mit den Ereignissen und ärztlichen Überlegungen bei Ausbruch von Schumanns Krankheit im Februar 1854. Das darf man wohl als anamnetische Schlamperei bezeichnen.
Immer wieder behauptet Peters, die Ärzte hätten Schumanns Frau niemals verboten oder dringend abgeraten, ihren Mann zu besuchen - während Clara Schumann genau dies behauptet habe. Dabei ist in der unter Mitarbeit von Peters entstandenen Dokumentation über Schumanns Endenicher Jahre ein Brief Clara Schumanns an den Endenicher Assistenzarzt abgedruckt, in dem sie geradezu flehentlich bittet:
Sprecherin (Clara Schumann, gefühlvoll):
Recht inständig bitte ich Sie sobald es zulässig, daß ich Ihm einmal schreibe, es mich wissen zu lassen, und sobald ein Besuch ohne Nachtheil für Ihn stattfinden kann."
Das Manuskript dieses Briefes liegt übrigens im Bonner Stadtarchiv. Peters hätte es also auf seine Echtheit hin überprüfen können. Stattdessen verschweigt er dieses Schreiben ebenso wie weitere einschlägige Dokumente, um seine Verschwörungstheorie ausbauen zu können. Auch die Berichte über Schumanns Gehörshalluzinationen hält Peters weithin für Fehleinschätzungen der Ärzte und Clara Schumanns. Wenn es in den Tagesaufzeichnungen der Ärzte heißt, Schumann sei bei der Visite heiter" gewesen und habe geäußert, es rufe ihm jemand zu, er solle nach Rom reisen", dann heißt es bei Peters schlicht: Den Zuruf lassen wir mal beiseite."
Peters' Einfühlungsversuche in die Psyche des kranken Schumann sind das einzige Sym¬pathische an beiden Büchern. Doch sein Umgang mit historischen Dokumenten, die ja auch für ihn die einzige Möglichkeit sind, dem Patienten Schumann seelisch und körperlich nahe zu kommen, zeigt eine erschreckende Unlogik und Willkür der Argumentation. Da bemängelt er einerseits, dass es für Schumanns tragischen Rheinsprung keine direkten Augenzeugen gegeben habe. Einen zitierten Zeitungsbericht über Schumanns Rettung tut Peters andererseits kurzerhand mit der Bemerkung ab Journalisten! Den Rest können wir uns ersparen." Und dass der Düsseldorfer Brückenmeister Joseph Jüngermann eine Belobigungsmedaille für die Rettung Schumanns aus dem Rhein erhielt, die heute im Zwickauer Robert-Schumann-Haus aufbewahrt wird, lässt er sicherheitshalber unerwähnt. Dabei ist die Medaille in Appels Endenich-Dokumentation abgebildet. Gern arbeitet Peters mit den rhetorischen Mitteln der Vermutung, Unterstellung und suggestiven Frage, die durch Wiederholung scheinbar zu Tatsachen werden.
Ungewollt liefert Autor Uwe Henrik Peters endlich aber auch den Schlüssel zur Beurteilung seiner Doppelpublikation. Gegen Ende des zweiten Buches fasst er nämlich zusammen, was er von Clara Schumann hält: Sie habe ihren nicht geistes-, sondern alkoholkranken und durch das Scheitern als Düsseldorfer Musikdirektor gekränkten Ehemann in eine Irrenanstalt abgeschoben und ihn in Komplizenschaft mit dem Endenicher Chefarzt Franz Richarz für unheilbar geisteskrank erklärt. Dadurch habe sie endlich wieder ungestört konzertieren und ihrer Liebe zu dem jungen Johannes Brahms frönen können. Andererseits habe sie die Pflege von Schumanns Musik zu ihrer Aufgabe gemacht und so den Ruhm der aufopferungswilligen Ehefrau, ehrwürdigen Witwe und Nachlassverwalterin geerntet.
Peters bezeichnet das, was er Clara Schumann zuschreibt, als Denkfiguren des Imagemaking" und als propagandistisches Erzeugen einer Pseudo-Realität". Das aber ist, so meine ich, genau die richtige Charakterisierung für seine beiden Bücher. Die demon¬strieren von der ersten bis zur letzten Seite das propagandistische Erzeugen einer Pseudo-Realität".