Ich muß mich MG anschließen.
Meine Kenntnis vom Leben Robert Schumanns kommt, abgesehen von Feuilleton-Beiträgen und CD-Booklets, von einer Biographie, die ich vor über 30 Jahren las.
Im Schumann-Jahr erwartete ich, das alles aufzufrischen, zu vertiefen ...
Dieses Buch hat dazu nicht beigetragen. Die Biographie wird ziemlich kursiv erzählt, so daß die Bewertung "besseres rororo-Bändchen" zutrifft, obwohl man von einem rororo-Bändchen genau das bekommt, was man erwartet. Klar kann man eine Biographie 200 Jahre später nicht neu erfinden, aber der Fall Schubert hatte z.B. gezeigt, daß ein Gedenkjahr Anlaß dazu bieten kann, vorhandene Informationen neu zu bewerten, zu hinterfragen, Hintergrundkenntnisse zu erweitern, auch kontroverse Thesen aufzustellen.
Nichts davon hier : die bekannten biographischen Elemente werden wieder aufgetischt. Das Kapitel über die Jugend ist minimal, von den Familienverhältnissen bei Schumanns erfährt man kaum etwas, immer wieder stellt sich der Leser Fragen, auf deren Antwort er vergeblich wartet (z.B. wer war Friedrich Wieck eigentlich, warum ist Clara "ohne Mutter großgeworden", was war eigentlich der ominöse Unfall, der Schumanns Karriere als Klavierspieler ein Ende setzte ? ...) und vieles, was hier skizzenhaft dargestellt wird, würde man gerne erweitert sehen. Billige Seitenhiebe auf Psychologen muß man dazu in Kauf nehmen - obwohl man gerade etwas mehr über das reiche innere Leben des Künstlers Schumann erfahren möchte -, die in letzter Zeit etwas ramponierte Statue der Heiligen Clara der Elfenbeintasten wird auf ihrem Podest befestigt, aber es wird nichts hinterfragt. Man liest z.B.: "schon Schumanns Tochter Eugenie wusste von einer Sängerin zu berichten, die sich schwer damit abfinden konnte, mit welcher Selbstvertändlichkeit hier zwei Männer das eigene Geschlecht von der Frau beweihräuchern lassen" (es ist von "Frauenliebe und -leben" die Rede), aber der Anstand hat es wohl untersagt zu berichten, daß Eugenie offen in einer lesbischen Beziehung lebte (euphemistich heißt es im Epilog: "später geht sie mit der befreundeten Sängerin Marie Fillinger [sic : recte Fillunger] nach England").
Das gleiche gilt für die Werkbeschreibungen. Kennt der Leser die entsprechenden Werke nicht, sind sie nutzlos weil schwer begreiflich. Kennt er die Werke, so hat er den Eindruck, mit ausschweifenden Platitüden konfrontiert zu werden. Man ist sogar regelrecht frustriert, wenn man über weniger bekannte Schlüsselwerke wie das Violin-Konzert oder die Lieder nach Gedichten Maria Stuarts nicht mal die wenigen Informationen wiederfindet, die man sich zusammengekramt hat und eigentlich konsolidieren und erweitern möchte.
Dazu gibt es einige faktuellen Fehler (Schumann & Co konnten nicht Schuberts B-Dur Trio in der Periode 1828-1834 gespielt haben, denn es is erst 1836 veröffentlicht worden ; in der NZfM hat Schumann nicht, wie oft falsch und ungeprüft zitiert, von "Schuberts himmlischeN LängeN geschwärmt", er hat "diese himmlische Länge der Symphonie" gelobt und sie mit einem vierbändigen Roman von Jean-Paul verglichen, was schon ganz anders ist ; Schumanns "Dichterischer Garten für Musik" ist seit 2007 nicht mehr "unveröffentlicht") und als Fakten dargestellte subjektive Meinungen (Schumanns Klavierlieder seien "in der Summe bekannter als seine Werke für Klavier solo", wie bitte ? ), die ein etwas unseriöses Licht über das ganze werfen.
Das Buch wird als "Biografie" bezeichnet, wohl um dem Vorwurf entgegenzukommen, wichtige Werke wie die "Études symphoniques" mit keinem Wort zu erwähnen. Das Biographische kommt aber viel zu kurz, dafür wird man mit Essayistischem über Schumanns Musik "beschenkt".
Fazit : Für eine Biographie ist dieses Buch zu dürftig
Als Einführung in Schumanns Werk zu kryptisch (in diesem Fall wäre gerade ein rororo-Bändchen das richtige)
"Schumann-Konversationsbuch" könnte es heißen und diejenigen verlocken, die Überlegungen über Musik im Sinne eines Thomas Mann mögen, aber sich vor Werkanalysen scheuen.
Als wichtiger Beitrag zum Schumann-Jahr ein totaler Fehlschlag.