Nochmals: Schumann
Eine Studie von Dagmar Hoffmann-Axthelm
Das Schrifttum zu Schumann hat Hochkonjunktur: Eignete sich Clara mit ihren biographisch sowohl emanzipatorischen wie repressiven Aspekten geradezu paradigmatisch zur Darstellung feministischer Problematik des 19. Jahrhunderts (J. Klassen 1990, E. Weissweiler 1990, N. B. Reich 1991 u. a.), so steht bei Robert nicht weniger beispielhaft der besonders enge und besonders einsichtig scheinende Zusammenhang von psychischer Verstrickung und deren kompositorischer Spiegelung und Bearbeitung im Zentrum (M. Linder 1959, U. Rauchfleisch 1986 und 1990, B. Meier 1995 u. a.). Das Reclam-Bändchen von Dagmar Hoffmann-Axthelm ist ein weiterer Beitrag auf diesem so eifrig bearbeiteten Feld, durch die doppelte Kompetenz der Verfasserin als musikwissenschaftliche Forscherin und Lehrerin und gleichzeitig praktizierende Psychoanalytikerin allerdings dem Verdacht des modischen Mitziehens enthoben. Und schon die ersten Seiten bestätigen in der vorsichtigen Annäherung ein waches Bewusstsein des heiklen Unterfangens allgemein und die in täglicher Erfahrung im Umgang mit menschlichen psychischen Problemen gewonnene notwendige Behutsamkeit.
Der Ansatz ist ein psychoanalytischer und gilt zu grossem Teil der persönlichen Geschichte Robert Schumanns, seiner von einem schwachen Vater und einer über die Massen von ihm Besitz ergreifenden Mutter geprägten sensiblen Konstitution und den daraus erwachsenen Konsequenzen, von besonderem Gewicht dann in der Ehe mit Clara. Diese wird ihm Geliebte, Mutter und Muse zugleich, freilich auch Rivalin in Dingen der Kunst. Da aber auch Clara von jenem Elternteil, der ihr «Spiegel für die eigene Geschlechtsidentität hätte sein sollen», früh verlassen worden war, liegt ein Potential an psychologischen Komplikationen bereit, das sich in der Folge dann auch mannigfaltigen Ausdruck verschaffen wird.
Das alles tönt in solch unstatthafter Verkürzung banal, wird es von der Verfasserin doch in grosser Differenziertheit und basierend auf zahlreichen erhaltenen Dokumenten (Briefen, Tagebüchern, weiteren Aufzeichnungen) und unter vorsichtiger Vermeidung vorschneller Klischees beschrieben und interpretiert. Und dennoch: Ein Teil der «Banalität» bleibt. Vieles klingt bekannt, schon gehört oder gar selbst erlebt und so gar nicht aussergewöhnlich, wie dies das Leben eines bekannten Künstlers könnte erwarten lassen. Das ist nicht der Verfasserin Schuld, sondern ein weiterer Beleg für die an sich bekannte Tatsache, dass bedeutendes Künstlertum sich kaum im Biographischen äussert. Somit wartet der Leser auf jenen zweiten Teil des Essays, wo Musik vermehrt beigezogen wird und Schumann als deren Komponist in den Vordergrund tritt. Begleitet wird dieser Teil von einem weiteren Problem der Kunstbetrachtung, gleichermassen alt wie von hartnäckiger Persistenz: Kunst als Lebensdokument, das grosse Werk, durch das man mehr vom Leben erfährt, auf welches dieses zurückverweist. Subtiler hier: Musik als (Hilfs-)Mittel der pathologischen Entschlüsselung. Eine Beurteilung ist nicht leicht. Die Wissenschaft hat das Recht, die Richtung ihres Interesses selbst zu bestimmen. Als Produzenten von Kunst umgibt den Künstler auch biographisch die Aura des hochrangig interessanten Objekts, obwohl die Fakten, sofern nicht überzeichnet, dem oft widersprechen.
Die Verfasserin verfällt der Gefahr der angedeuteten Problematik kaum, indem sie nun die Musik ins Zentrum rückt: «Hier soll danach gefragt werden, ob das je nach Lebenslage unterschiedliche Wechselspiel zwischen Wahrem Selbst und Abwehr- bzw. Anpassungsfunktionen Entsprechungen in Schumanns Musik findet.»
Vor dem Hintergrund dieses Ansatzes erfährt z. B. das Lied «Zwielicht» aus dem Liederkreis op. 39 eine erhellende Beleuchtung. Und auch der erste Satz des Violinkonzertes in d-Moll und jenes «von Engeln vorgesungene» Es-Dur-Thema werden in überzeugenden Zusammenhang mit des Komponisten allerletzten Monaten der kompositorischen Tätigkeit gebracht. Und so fragt man sich, ob dieser Teil angesichts solcher anregenden und bereichernden Betrachtungen nicht hätte weiter gefasst werden können.
Victor Ravizza