Diese Box ist ein wirklicher Glücksfall, wie man sie fast nicht besser zusammenstellen könnte, von dem aber auch nur unwesentlich schwächeren "Die letzten vom Red River" vielleicht einmal abgesehen. Robert Mitchum ist ein großer Star, und er ist es auf eine betont unspektakuläre Weise. Method acting ist anders, Mitchum genügen minimale Gesten, und in einem traurig-verlorenen Blick des Mimen mit seinen somnambul wirkenden hängenden Lidern stecken mehr Leben, Leiden und Geschichten als in 1.000 Handwedeleien Robert De Niros oder 1.000 Gesichtszerplatzungen Marlon Brandos. Nicht, dass die beiden nicht ebenfalls gute Schauspieler wären, aber mir liegt das nur Angedeutete des Mitchum näher. Skizzen sind das eigentlich nur, aber über das Skizzenhafte werden weite Seelenlandschaften sichtbar. Es ist sicherlich kein Zufall, dass die Charaktere, die Mitchum in allen sechs Filmen hier spielt, in ihrer Umwelt nicht so ganz zu Hause sind, dass sie Weltenwanderer in Zwischenreichen sind, manchmal ohne Vergangenheit, ohne Ziel, ohne Orientierung, und ob auch ohne Zukunft, ist stets interessant, beim Gucken der Filme einmal selbst zu ergründen. Mitchum spielt
1. einen Ausgestoßenen, der eigentlich abwesend, aber dennoch durch seine Aura, seine Poesie, die Einrichtung seines Hauses magisch anwesend ist ("Der unbekannte Geliebte"),
2. zwei Männer, die nicht wissen, an welchen Ort sie gehören (der in der bürgerlichen Existenz gescheiterte Quasi-Söldner und unglücklich Liebende zwischen den USA und Japan in "Yakuza", der im Australien vor ca. 100 Jahren lebende Nomade in "Der endlose Horizont", der einfach nicht sesshaft werden will),
3. einen Mann, der sich fragt, ob er in der falschen Zeit lebt und der wilde Westen der guten alten Haudegen vorbei ist (in einer komödiantischen Variante in "Die Letzten vom Red River", siehe meine Einzelrezension),
4. einen Lehrer, der in intellektuellen Sphären schwebt und zu vergessen droht, dass es in einer irischen Kleinstadt der 10er Jahre des 20. Jh. um höchst reale Belange geht wie die emotionalen und fleischlichen Bedürfnisse seiner jungen Gattin und den Konflikt mit den Briten ("Ryans Tochter"),
5. einen Großgrundbesitzer in Texas, der ausnahmsweise einmal meint, seine Position gemäß gewissen ehernen ungeschriebenen Gesetzen und einer archaischen Männlichkeitsvorstellung zu kennen, aber bemerken muss, dass die Jugend und speziell sein eigener Sohn anders tickt und dass die Mühen, mit denen die heile Fassade einer Ehehölle nach außen aufrecht erhalten wird, geradewegs in die Katastrophe zu führen drohen ("Das Erbe des Blutes").
Vier Filme haben mich absolut begeistert: "Der unbekannte Geliebte" ist ein Film Noir mit Hitch-Anleihen, aber auch als Liebesgeschichte mit der Darstellung von Seelenverwandtschaften zwischen Katherine Hepburn und dem meist physisch abwesenden Robert Mitchum beachtlich. "Ryans Tochter" ist ein großes Epos von David Lean und kann mühelos mit seinen bekannteren Werken wie z.B. "Lawrence von Arabien" mithalten: Große, aber nie selbstzweckhafte Landschaftspanoramen, sechs wirklich exquisit dargestellte komplexe wichtige Personen, Verquickung von deren Schicksalen untereinander und mit der großen Politik des irisch-britischen Konfliktes. Sehr lang, aber nicht zu lang (dies mögen andere anders sehen). "Das Erbe des Blutes" glänzt ebenfalls als groß angelegtes (Südstaaten-)Sittenbild mit Figuren- und Themenreichtum, exzellenten Darstellern und einem auf delirierend-genialer Weise aberwitzigen Farbenrausch, wie man ihn beim Regisseur Vincente Minnelli öfter einmal findet - ein bißchen Douglas Sirk vergleichbar. "Yakuza" ist erstaunlich gut darin, Elemente der japanischen Kultur zu vermitteln, kann aber auch ohne Hintergrundwissen überzeugen als Darstellung eines Entwurzelten und sehr tragischen "Helden". Einige sehr gewalttätige Szenen unterstreichen eher noch die tragische Dimension der Ereignisse, bei denen es um die allgemeinen großen Themen wie Freundschaft, Liebe, Verrat geht und die in einem über weite Strecken eher ruhigen Film nur noch stärker die Ausmaße der Tragödie unterstreichen, in die Mitchum da hineinschlittert, und die seine ganz persönliche Tragödie werden soll.
Ein weiterer Film rangiert knapp unter den vieren, "Der endlose Horizont" ist auf eine vielleicht etwas beschauliche und (ich nehme an: bewusst) unspektakuläre Weise interessant. Er zeigt mit großer Liebe zum Detail das australische Nomadenleben einer Familie vor ca. 100 Jahren. Für alle, die es auch gern mal etwas entspannter angehen. Ob die Leutchen sesshaft werden (was die Ehefrau und der Sohn wollen) oder nicht (was Mitchum will), wird in einer sehr liebenswerten, originellen und ambivalenten Weise aufgelöst.
Der schwächste Film, aber isoliert immer noch vier Sterne, ist "Die letzten vom Red River", eine nicht gerade geniale, aber nette Westernkomödie, mit knalliger Action am Ende. Insgesamt also ein wirklich guter Schnitt, unbedingte Kaufempfehlung. Bild und Ton fand ich bei allen gut, überragend sind insoweit "Yakuza" und der als Doppel-DVD vorliegende "Ryans Tochter", die auch mit gutem und reichhaltigem Bonusmaterial gesegnet sind. Bemerkenswert fand ich, wie viele gute Regisseure und weitere Darsteller sind ein Stelldichein geben, im Einzelnen:
1. Der unbekannte Geliebte (USA 1946, Regie: Vincente Minnelli, mit Robert Taylor, Katherine Hepburn),
2. Das Erbe des Blutes (USA 1960, R: Vincente Minnelli, mit Eleanor Parker, George Peppard),
3. Der endlose Horizont (USA 1960, R: Fred Zinnemann, mit Deborah Kerr, Peter Ustinov),
4. Die letzten vom Red River (USA 1969, R: Burt Kennedy, mir George Kennedy)
5. Ryans Tochter (GB 1970, R: David Lean, mit Trevor Howard)
6. Yakuza (USA 1974, R: Sydney Pollack, mit Ken Takakura)