Als ich in meiner Tageszeitung eine Rezension über Robert Crumbs Genesis las, wusste ich: Dieses Buch muss ich haben. Um es gleich vorwegzunehmen - es hat sich für mich auf jeden Fall gelohnt.
Das Konzept dieses Buches ist sehr mutig. Robert Crumb zeichnet das ganze Buch Genesis der Bibel im Comicstil nach. Beim Text wird nichts ausgelassen oder hinzugefügt. Bei vielen biblischen Geschichten ist das kein Problem, weil die einzelnen Szenen sehr anschaulich illustriert werden können. Anschaulich heißt bei Crumb: Die Frauen werden sehr fesch, drall gezeichnet, mit ausladenden Hüften und riesigen Oberweiten, wobei die Brustwarzen sich oft klar unter dem Gewand abzeichnen. Die Männer sind meistens bärtig und sehen großteils sehr semitisch aus.
Die deutsche Ausgabe folgt der Lutherbibel von 1912, und zwar mit allen Konsequenzen: zum einen kommen einem die Texte von der Kirche her sehr bekannt vor - es ist eben Bibelsprache. Auf der anderen Seite gibt es mittlerweile sehr gute moderne Übersetzungen, die nicht mehr so antiquiert klingen. Beispiel aus Crumbs Genesis gefällig? - "Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und wohl betagt, also dass es Sara nicht mehr ging nach der Weiber Weise." (Das heißt übersetzt: Sie ist nicht mehr fruchtbar, weil sie schon über das Klimakterium hinaus ist. Oder: "Wie kann ich Abraham verbergen, was ich tue, sintemal er ein großes und mächtiges Volk soll werden ...'''" Natürlich gibt es viele Christen, für die die Lutherbibel nach wie vor das höchste der Gefühle ist, weil sie mit dieser Sprache aufgewachsen sind. Wenn ich der deutsche Verleger wäre, würde ich eine verständlichere und trotzdem bibelnahe Übersetzung wählen, z.B. die Einheitsübersetzung oder die Neue Zürcher Bibel, weil viele heutige Leser mit der (lutherischen) Bibelsprache nichts mehr anfangen können.
Da in der vorliegenden Ausgabe nichts ausgelassen wurde, fehlen auch die normalerweise langweiligen Stammbäume nicht. Nur: in dieser Ausgabe sind die Stammbäume nicht langweilig, sondern werden mit vielen charakterköpfigen Porträts illustriert - ein Augenschmaus! Überhaupt die Zeichnungen: Crumb versteht sein Handwerk! Die vielen Zeichnungen illustrieren den biblischen Text so gut, dass viele Stellen, die man mehr oder weniger achtlos liest, nun plötzlich viel mehr Gehalt oder Aussagekraft gewinnen. Beispielsweise heißt es im Kapitel 6: "Da aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, ...'" Die Illustration dazu zeigt, wie viele nackte Menschen von anderen nicht nackten gedemütigt, erniedrigt, geschlagen oder gar getötet werden. Das biblische Wort wird durch die Zeichnungen zwar einerseits in eine bestimmte Richtung gedeutet, aber andererseits kann man sich nun unter der Bosheit viel mehr vorstellen, als wenn man nur den Text liest.
Gott selbst wird als würdiger alter Mann (Daniel 7) mit wehendem Bart- und Kopfhaar dargestellt, der den Menschen entweder direkt oder im Traum erscheint. Crumb versucht gar nicht, Gott als etwas Metaphysisches darzustellen. Das macht durchaus Sinn, zumal Gott oft als "Vater" oder als "Herr" bezeichnet wird.
Für mich ist dieses Buch durchaus gelungen, trotz der von mir bemängelten veralteten Sprache. Manchmal macht die alte Sprache gerade den Reiz aus. Die Illustrationen sind durchaus gelungen und illustrieren den biblischen Text auf eindringliche Art und Weise. Ich wünsche diesem Werk viele Leser und Käufer.