Neue Zürcher Zeitung
Konspirative Verbindungen im Kreis der Bosch-Werke
Der Widerstandsbewegung gegen Hitler gehörten zahlreiche Gruppen unterschiedlicher politischer Ausrichtung an, die weitgehend selbständig agierten und zum Schutz vor Ausspionierung und Unterwanderung nur beschränkt und gezielt untereinander Verbindung pflegten. Dominierend waren konservativ-nationale Kräfte, aus deren Umfeld heraus denn auch jene Offiziersverschwörer hervorgingen, die spät und letztlich erfolglos den Weg zur Tat, zum missglückten Anschlag vom 20. Juli 1944, beschritten. Sozialdemokratische und kirchliche Kreise waren in die Vorbereitungen für einen neuen politischen Anfang nach dem erhofften Sturz Hitlers einbezogen, während die wenigen nach den Verfolgungen übriggebliebenen Kommunisten, die durch den Hitler-Stalin-Pakt von 1939 diskreditiert waren, abseits blieben. Dass aus den Reihen der nicht nationalistischen Liberalen, die gegen Ende der Weimarer Republik zunehmend an Bedeutung verloren hatten, nennenswerter Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft geleistet worden wäre, galt bisher allgemein als nicht gegeben.
Getarnte Opposition
Eine an der Universität Karlsruhe eingereichte und vor kurzem als Buch veröffentliche Habilitationsschrift aus der Feder von Joachim Scholtyseck sucht nun nachzuweisen, dass es einen liberalen Widerstand durchaus gab. Sie lokalisiert ihn im Kreis der vom Unternehmensgründer ausgewählten und von seinen liberalen und sozialen Überzeugungen geprägten Führungskräfte der Robert Bosch GmbH in Stuttgart. Im Hause Bosch war man sich bis zum Tod des Firmenchefs 1942 und darüber hinaus unter seinen Nachfolgern und Vertrauten einig in der Ablehnung des nationalsozialistischen Gewaltregimes. Die Rolle der Bosch-Werke als eines der wichtigsten Rüstungsbetriebe machte allerdings ein Arrangement mit dem Hitler-Staat unausweichlich, musste doch damit gerechnet werden, dass offene Verweigerung der Zusammenarbeit vermutlich mit einer Zwangsenteignung geendet hätte.
Widerstandsgeschichte verlangt, wenn man den betroffenen Menschen gerecht werden will, immer ein Abwägen der Handlungsspielräume und der vom Einzelnen geforderten Verantwortung. Aus der Sicht der Nachgeborenen erscheint es zunächst wenig verständlich, wenn für den Bosch-Kreis Verdienste um den Widerstand in Anspruch genommen werden, während das von dieser Equipe geleitete Unternehmen rund um die Uhr und unter Einsatz von Tausenden von Zwangsarbeitern Zünder und Einspritzpumpen für die Panzerarmeen Hitlers produzierte. Nicht genug: Robert Boschs Nachfolger an der Unternehmensspitze, Hans Walz, liess sich gegen seine christlich geprägten Überzeugungen in die SS und in einen «Freundeskreis» des Reichsführers Himmler aufnehmen, um Übernahmeversuchen des Stuttgarter Gauleiters Murr besser widerstehen zu können. Unter dem Deckmantel eines reibungslos mit dem Regime kooperierenden Betriebs wurde die Firma Bosch dennoch zu einem Zentrum des geistigen Widerstands und diskreter Hilfe für politisch und rassisch Verfolgte.
Rückendeckung für Goerdeler
Die Verbindung vom gesinnungsmässigen zum aktiven Widerstand ergab sich durch die Aufnahme des früheren Leipziger Oberbürgermeisters Carl Goerdeler in den Dienst des Unternehmens, als dieser sein Amt in der Messestadt aus Protest gegen die Entfernung des Mendelssohn-Denkmals niedergelegt hatte. Seine Ernennung zum Wirtschaftsberater der Bosch-Werke verschaffte ihm weitgehende Bewegungsfreiheit und ermöglichte zahlreiche Auslandreisen, die er ausser für die Sicherung der ausländischen Beteiligungen des Hauses Bosch für eifrige Kontakte mit deutschen Emigranten und mit alliierten Beauftragten nutzte. Goerdelers eher konservative Auffassungen über ein Deutschland nach Hitler deckten sich nicht immer mit der aus südwestdeutscher Tradition stammenden liberalen und sozialen Ausrichtung des Bosch-Kreises, näherten sich jedoch, wie der Verfasser nachweist, mit der Zeit den demokratischen Überzeugungen seiner Stuttgarter Freunde an. Für seine Rolle als Koordinator der verschiedenen Widerstandsgruppen, der nach einem erfolgreichen Umsturz das Amt des Regierungschefs übernehmen sollte und der seinen Einsatz schliesslich mit dem Leben bezahlte, war die Stellung bei Bosch eine überaus wertvolle Rückendeckung.
Die Mitglieder des Bosch-Kreises engagierten sich nicht selber in der aktiven Konspiration, sondern suchten in zahlreichen Konflikten mit den Wehrwirtschaftsbehörden und der Deutschen Arbeitsfront das Überleben des Rüstungsbetriebs als Privatunternehmen zu sichern. Dabei konnten sie vom Wohlwollen einzelner Nazigrössen profitieren, die ihnen auf Grund von Rivalitäten innerhalb der Partei oder alter persönlicher Loyalität gegenüber dem Patriarchen Robert Bosch in kritischen Situationen beizuspringen bereit waren. Die angedrohte «Abrechnung» wurde denn auch, angesichts der Bedeutung der Firma Bosch, immer wieder auf die Zeit nach dem Krieg hinausgeschoben. Nur ein einziger aus dem Kreis der Unternehmensführung, Albrecht Fischer, liess sich von Carl Goerdeler erweichen, sich als politischer Beauftragter für Südwestdeutschland für die Zeit nach dem Putsch zur Verfügung zu stellen. Er wurde nach dem Scheitern des Anschlags in der «Wolfsschanze» verhaftet und entging vor dem Volksgerichtshof nur knapp dem Todesurteil.
Keine Heldengeschichte
Der Widerstand des Bosch-Kreises ist im Vergleich zu den Risiken, die die militärischen Verschwörer sehenden Auges auf sich nahmen, keine Heldengeschichte. In einem Meer von Unrecht und Gewalt bildete die Führungsetage der Bosch-Werke eine Insel der Vernunft und der Nächstenliebe, von der aus viele Bedrängte unauffällig moralische und finanzielle Hilfe erwarten konnten. Die Notwendigkeit, Spuren zu verwischen, führte dazu, dass die Quellenlage grosse Lücken aufweist. Der Verfasser war gezwungen, aus vielerlei Quellen zu schöpfen, aus Indizien indirekte Schlüsse zu ziehen und oftmals auf Vermutungen abzustellen. Er hat die Aufgabe mit aller möglichen Gründlichkeit angepackt und seine Prämissen immer wieder kritisch hinterfragt. Sein Bemühen, allen Spuren nachzugehen und sich allseitig abzusichern, wie es sich für eine Habilitationsschrift gehört, beeinträchtigt etwas die Lesbarkeit. Doch der Nachweis, dass es auch einen liberalen Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime gab, erscheint gelungen.
Christian Kind
Perlentaucher.de
Jürgen Dunsch lobt die Untersuchung als aufschlussreich, auch wenn er dem wissenschaftlichen Apparat und vielen der üblichen akademischen Turnübungen im Text deutlich anmerkt, dass sie aus einer Habilitationsschrift entstanden ist. Trotzdem findet er die Studie gut lesbar und informativ. Wegen der jüngsten Diskussionen der Zwangsarbeiterentschädigung lobt der Rezensent die Erkenntnisse des Autors über die Lage der Zwangsarbeiter bei Bosch als besonders interessant. Außerdem hebt er hervor, dass der Autor eine ehrliche Antwort auf die Frage zu geben versucht, inwieweit ein Unternehmen wie das von Bosch Widerstand leisten wollte und konnte, was der Rezensent als besonderes Verdienst der Untersuchung würdigt.
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